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Europa

Sorge um Chemiewaffen-Zerstörung

Griechische Aktivisten protestieren gegen die Vernichtung syrischer Chemiewaffen unweit der Insel Kreta. Doch auf Kreta fürchten sich viele Menschen vor negativen Folgen für die Umwelt und vor Einbußen im Tourismus.

Auf dem US-Spezialschiff "Cape Ray" im Mittelmeer werden seit Anfang Juli rund 600 Tonnen giftiger Chemiestoffe aus Syrien zerstört. Inzwischen meldete die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW), dass alle 581 Tonnen eines Vorprodukts, das zur Herstellung des Kampfstoffs Sarin benötigt wird, vernichtet worden seien. Nun muss die Besatzung der "Cape Ray" nur noch rund 20 Tonnen Senfgas zerstören.

Das Senfgas und Vorläuferstoffe von Sarin werden an Bord der "Cape Ray" im sogenannten Hydrolyse-Verfahren unschädlich gemacht. Dabei werden die C-Waffen-Produkte unter Einsatz von Wasser und Chemikalien zersetzt. Bislang lief die Vernichtung der syrischen Chemiewaffenbestände auf See ohne Zwischenfälle.

Angst vor der Umweltkatastrophe

Aber auf Kreta regt sich seit Monaten Protest. Denn die "Cape Ray" kreuzt unweit der Mittelmeerinsel in internationalen Gewässern. Sorge bereitet vielen Menschen auf Kreta vor allem, dass die eingesetzten Hydrolyse-Anlagen erst ab Februar 2013 entwickelt wurden. Es ist auch das erste Mal, dass chemische Waffen auf einem fahrenden Schiff vernichtet werden. Und obwohl die großen Umweltschutzorganisationen keine Einwände gegen das eigentliche Verfahren haben und das Green Cross sogar bei der Aufklärung mit der OPCW zusammenarbeitete, haben viele Menschen auf Kreta Angst vor einer Umweltkatastrophe.

Zu den Aktivisten der ersten Stunde gehört der griechische Ingenieur und Grünen-Politiker Vangelis Pissias. "Wir vermuten, dass die Zerstörung chemischer Waffen auf hoher See erhebliche Risiken birgt. Wir haben die Verantwortlichen vergeblich um eine Analyse der erwarteten Umweltfolgen gebeten", sagt Pissias im Gespräch mit der DW. "Wenn ich als Ingenieur einen Staudamm bauen soll, dann muss ich doch laut Gesetz eine Risikoanalyse vorlegen." Es sei doch seltsam, dass dies ausgerechnet bei der Zerstörung von hochgefährlichen Chemiewaffen anscheinend gar nicht verlangt worden sei.

Protestaktionen mit Ansage

Der griechische Umweltkaktivist Vangelis Pissias (Foto: privat)

Umweltaktivist Pissias: "Erhebliche Risiken"

Der 67-Jährige rief in den 1970er Jahren zum Widerstand gegen die griechische Obristen-Junta auf und war 2011 an einer Hilfsaktion für den Gazastreifen beteiligt. Jetzt kämpft er gegen die Vernichtung der Chemiewaffen in der Nähe der griechischen Küste. Bereits Ende Juli organisierte er eine Flotte aus Segel- und Fischerbooten für eine gewagte Protestaktion auf offenem Meer: Trotz hoher Wellen wollten sich die griechischen Aktivisten dem US-Militärschiff auf internationalen Gewässern nähern, um ihre Argumente gegen die Chemiewaffen-Vernichtung vorzutragen. Doch nicht alles lief nach Plan.

"Wegen der schlechten Wetterbedingungen auf hoher See konnte eines unserer Boote gar nicht abfahren und außerdem wollte es die Besatzung von "Cape Ray" offenbar nicht auf ein Treffen mit uns ankommen lassen. Als sie ahnten, dass jemand kommt, drehten sie einfach ein Stück ab", sagt Pissias. Doch die Hauptsache sei, man habe "ein Zeichen gesetzt".

Nach seiner Ansicht bleibt noch genug Zeit für weitere Protestaktionen: "Vielleicht setzen wir dann schnellere Boote ein und auch Leute, die mit dem offenen Meer vertraut sind und 50 Stunden an Bord aushalten können." Pissias legt jedoch Wert auf die Feststellung, dass er nur friedlichen Protest im Sinn habe. Grundsätzlich sei er schon für die Entsorgung der Chemiewaffen - nur solle sie eben nicht im Mittelmeer stattfinden.

Umstrittenes Experiment

Nach Angaben der OPCW sollen bei der Zerstörungsaktion keine giftigen Stoffe ins Meer gelangen. Auch sonst würden strenge Sicherheitsmaßnahmen beachtet, zumal nach Abschluss des Hydrolyseverfahrens auf dem umgerüsteten US-Militärschiff alle Reststoffe an Land geführt und in speziellen Öfen für chemischen Sondermüll restlos beseitigt würden.

Physikprofessor Evangelos Gidarakos von der Technischen Universität Kreta meint trotzdem, die Ängste der Menschen seien berechtigt. "Die Entsorgung erfolgt auf einem uralten Schiff unter unsicheren Bedingungen. Dass ein derartiges Experiment zum ersten Mal stattfindet, macht die Sache nicht einfacher." Zudem könnten die eingesetzten Chemikalien Dichtungen angreifen. "Schließlich muss man bedenken, dass die Hydrolyse im Vergleich zu konventionellen Entsorgungsmethoden viel mehr toxischen Müll produzieren - beim Senfgas steigen die Abwässer sogar um das Zwanzigfache." Nach Angaben der OPCW werden die Rückstände nach Finnland und Deutschland gebracht und dort entsorgt. Da stelle sich aber die Frage, wieso denn nicht der komplette Entsorgungsprozess auf festem Boden stattfindet, sagt Gidarakos.

Das US-Militärschiff Cape Ray im Hafen von Portsmouth, USA (Foto: AFP)

Die "Cape Ray" vor ihrer Abfahrt Richtung Mittelmeer

Anfang 2014 versuchte der griechische Außenminister Evangelos Venizelos, die Gemüter zu beruhigen: Die Vernichtung von Chemiewaffen sei ungefährlich, versicherte er auf einer Pressekonferenz in Brüssel. Zudem gebe es "in technischer Hinsicht keine Alternative" zur Entsorgung vor der Küste Kretas, verkündete Venizelos bei einem Treffen mit Vertretern griechischer Umweltschutzorganisationen. "Als Wissenschaftler weise ich diese Aussage zurück", entgegnet Physikprofessor Gidarakos. "In Deutschland gibt es doch Spezialfirmen, welche die komplette Entsorgung übernehmen können. Meines Wissens gab es im vergangenen Jahr auch eine entsprechende Absprache mit Albanien. Aber die Reaktionen fielen so heftig aus, dass sie gar nicht umgesetzt wurde".

Außenminister: "Keine negative Debatte entfachen"

Nun also Kreta. Genauer gesagt: Eine geheime Position im Mittelmeer, geschätzte 250 Seemeilen vor der Südküste Kretas. Dort entsorgt die "Cape Ray" Syriens Giftgasbestände - eskortiert von der deutschen Fregatte "Schleswig-Holstein". Ausgerechnet im Hochsommer läuft die Operation auf Hochtouren - und beunruhigt auch die Tourismusverbände der Insel. Doch der Außenminister mahnte in einem Schreiben an die Interessenvertreter Kretas: "Es wäre verkehrt, wenn wir selbst auf dem internationalen Tourismusmarkt eine negative Debatte entfachen, zumal andere Mittelmeerländer das Thema gar nicht erwähnen". Im Klartext: Je lauter die Betroffenen über Gefahren für den Tourismus sprechen, desto eher schaden sie sich selbst.

Vielleicht liegt es am Rat des Chefdiplomaten, dass sich viele Menschen auf Kreta in Bezug auf die Vernichtung der Chemiewaffen reserviert äußern. Auch der Physiker Gidarakos, ein Gegner der Chemiewaffen-Entsorgung im Mittelmeer, erklärt, der Tourismus sei nicht das eigentliche Problem in dieser Debatte. Die Sorge um Einbrüche im Tourismusgeschäft bringt Umweltaktivist Pissias am deutlichsten zum Ausdruck: "Ein Unfall während der Entsorgung auf hoher See würde den Tourismus auf Kreta um Jahre, wenn nicht sogar um Generationen zurückwerfen." Schließlich könne man einen solchen Unfall nicht innerhalb kurzer Zeit rückgängig machen.

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