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Somuncu: Keine Gefahr durch "Mein Kampf"

Hülya Topçu8. Januar 2016

Der Kabarettist Serdar Somuncu war sechs Jahre lang mit Hitlers "Mein Kampf" auf szenischer Lesereise. Wer für die Ideologie des Buches anfällig ist, findet heute genug andere Möglichkeiten, warnt er im DW-Interview.

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Serdar Somuncu auf einer Lesung aus Adolf Hitlers Mein Kampf
Bild: picture-alliance/dpa/Rademacher

DW: Herr Somuncu, Sie haben für viel Aufsehen gesorgt, als Sie 1996 mit Adolf Hitlers "Mein Kampf" auf Lesereise gingen. Was halten Sie davon, dass das Buch wieder aufgelegt wird?

Serdar Somuncu: Ich halte davon weder viel noch wenig, denn das Buch existiert seit 70 Jahren. Es gab nach dem Ende des Krieges zehn Millionen Original-Exemplare, die übrig waren. Heute sind zahlreiche Nachdrucke in über 100 Sprachen vorhanden. Und wenn die bayerische Landesregierung, die die Urheberrechte bis zum vergangenen Montag besaß, jetzt so tut, als würde sie damit etwas Überraschendes auf den Markt bringen, dann ist das einfach falsch. Denn das Buch existiert - und es wäre mir lieber gewesen, man hätte das schon viel früher zugegeben und bräuchte jetzt nicht so viel Aufruhr.

Birgt das Buch Ihrer Meinung nach Gefahren für die Gesellschaft? Wenn ja, welche?

Ich sehe darin überhaupt keine Gefahr. Wenn jemand anfällig ist für die Ideologie, die in diesem Buch enthalten ist, dann hat er andere Möglichkeiten und Wege, sich damit zufrieden zu stellen. Es gibt Parteiprogramme und heutige Parteien, die wesentlich gefährlicher sind. Es gibt die Bewegung Pegida, die Parolen skandiert, die sehr unmittelbar sind und junge Menschen auf viel gefährlichere Weise erreichen können. Hitlers "Mein Kampf" ist vollkommen durcheinander - und abgeschrieben von anderen Büchern, die im übrigen alle erlaubt sind. Und wer Angst hat, dass auch heute noch jemand an das glaubt, was darin enthalten ist, der hat irgendetwas nicht verstanden.

In Ihrem Buch "Der Adolf in mir: Die Karriere einer verbotenen Idee" blicken Sie nicht nur auf Ihre Lesungen aus dem verbotenen Buch "Mein Kampf" zurück, sondern ziehen auch Parallelen zur Gegenwart. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ich habe in meinem Buch beschrieben, wie ich nach der Auseinandersetzung mit "Mein Kampf" und den Inhalten des Nationalsozialismus immer weiter in die Materie vorgedrungen bin. Dabei musste ich feststellen, dass auch heute noch - nicht nur in der deutschen Gesellschaft, sondern eigentlich überall auf der Welt - die Ideen Hitlers "funktionstüchtig" geblieben sind. Das gilt für verschiedene Bereiche. Ein Hip-Hop-Musiker, der andere erniedrigt, oder ein Fernsehredakteur, der Künstlern verbietet, zu sagen, was sie denken: Das alles sind Ausläufer einer faschistischen Struktur, die in Hitlers "Mein Kampf" ihren Ursprung haben.

Sind die Reaktionen des Publikums in Deutschland, der Schweiz und anderen Ländern unterschiedlich, wenn Sie bei Ihren Auftritten Ausländerfeindlichkeit kritisieren?

Ja, diese Unterschiede gibt es. Sie hängen auch davon ab, wie die Zuschauer sozialisiert wurden und woher sie kommen. Im Osten Deutschlands reagieren die Menschen anders als im Westen. Es ist auch nicht immer so, wie man denkt. Es gibt nicht nur im Osten Nazis, sondern im Westen, Süden und Norden, im Ausland und im Inland. Da kann man nicht alle über einen Kamm scheren. Fakt ist: Dort, wo ich aufgetreten bin, waren die Reaktionen immer sehr unterschiedlich. Ich musste es mir abgewöhnen, mit einer bestimmten Erwartungshaltung auf die Bühne zu gehen. Das lässt meine Arbeit auch nach so vielen Jahren wichtig sein. Ich glaube auch, dass wir in den nächsten Jahren nicht aufhören werden und uns weiterhin mit den Inhalten der nationalsozialistischen Ideologie auseinandersetzen müssen.

Der deutsch-türkische Kabarettist, Musiker, Schauspieler und Autor Serdar Somuncu ist 1968 in Istanbul geboren. In seinem Buch "Der Adolf in mir" (2015) blickt er zurück auf seine szenische Lesereise mit Adolf Hitlers "Mein Kampf". Somuncu hat auf dieser Tournee die Widersprüche von Hitlers Buch auf humorvolle Weise aufgedeckt und kommentiert.

Das Gespräch führte Hülya Topçu.