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Sommermärchen mit Gänsehaut

DW-Reporterin Andrea Krüger war überwältigt von der Euphorie während der Fußball-WM 2006 in Deutschland.

DW-Reporterin Andrea Krüger bei der Fußball-WM 2006 - Foto: Privat

DW-Reporterin Andrea Krüger

Ben möchte sich noch mal umdrehen, aber Sarah will los zum Schlossplatz in Stuttgart. Es ist Samstagmorgen, am Abend steht das Spiel um Platz 3 gegen Portugal an. "Muss das sein?", fragt er seine Freundin, "es geht doch um nichts mehr, da ist bestimmt nicht so viel los wie sonst!" Aber Sarah hat keine Ruhe: Um 11 Uhr öffnet die Fanmeile, sie möchte nichts verpassen.

Ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer im Stuttgarter Gottlieb-Daimler-Stadion beim Spiel um den 3. Platz - Foto: PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images

Fans verwandeln Deutschland in ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer

Bereits am Vormittag scheint die Sonne gnadenlos, die Luft flirrt, die Wasserschläuche für die Abkühlung der Fans liegen bereit. Der Platz ist eine halbe Stunde vor Eröffnung gut gefüllt. Es sind vor allem junge Leute, die die letzten Vorbereitungen treffen. Die Mädchen malen sich und ihren Freunden schwarz-rot-goldene Striche auf die Wangen. Sonnencreme wird herumgereicht. Fahnen hängen lässig über den Schultern.

Stolz auf Schwarz-Rot-Gold

Als die Party mit einem der WM-Lieder beginnt, steigt die Stimmung in Sekunden. Trotz der Hitze wird gesungen und getanzt. Auf einer großen Leinwand sehe ich die vielen Gesichter der Fans, die die Kameras einfangen. Ich bleibe fasziniert stehen. 'Das sind unsere Jugendlichen?', geht mir durch den Kopf. Sie sind so fröhlich, so offen, so entspannt, so gar nicht typisch deutsch. So voller Lebensfreude. Wann sind sie schon mal so aus sich herausgegangen? Wann haben sie schon mal so voller Stolz ihre Landesfarben und die deutsche Fahne getragen? Je länger ich zuschaue, desto mehr komme auch ich in eine euphorische Stimmung.

Philipp Lahm (l.), Michael Ballack (M.) und Mike Hanke (r.) jubeln nach dem gewonnen Spiel um den 3. Platz gegen Portugal - Foto: STF/AFP/Getty Images

Baden im Applaus: Philipp Lahm (l.), Michael Ballack (M.) und Mike Hanke (r.)

Es wird eine Party über viele Stunden. Und es wird ständig voller und enger auf dem Platz. Ich werde nicht müde, dem Treiben zuzusehen. In den Schaltgesprächen versuche ich die Stimmung mit Worten wiederzugeben, aber eigentlich reicht es, das Mikro aufzumachen und einfach zu sehen und zu hören.

Ausgelassene Partystimmung

Die deutsche Mannschaft hat Portugal bekanntlich mit 3:1 besiegt und ist WM-Dritter geworden. Aber das ist dann schon nicht mehr so wichtig. Um Mitternacht wird immer noch gefeiert auf dem Schlossplatz. Auch Sarah und Ben sind noch da. Sie wollen, dass der Abend nicht zu Ende geht. Dass das, was sie in den letzten Wochen erlebt haben, was sie verändert hat, bleiben möge.

Der deutsche Trainer Jürgen Klinsmann (l) und sein Co-Trainer Joachim Löw (r.) jubeln über den dritten Platz nach dem Spiel Deutschland gegen Portugal bei der WM 2006 in Stuttgart - Foto: dpa - Bildfunk

Erfolgsduo auf der Trainerbank: Jürgen Klinsmann (l.) und Joachim Löw (r.)

Diese ausgelassene Stimmung, die unbeschreiblichen Emotionen habe ich überall in diesen vier Wochen der Fußball-WM erlebt. Sicher trug auch das pünktlich zur WM beginnende Sommerwetter dazu bei, dass auf den Fanmeilen in Dortmund, München oder Berlin genauso ausgiebig und begeistert gefeiert wurde wie im kleinsten Dorf.

Gemeinsam gewinnen, gemeinsam verlieren

Was das deutsche Team mit seinem Trainer Jürgen Klinsmann an herzerfrischendem und offensivem Fußball bot - das wirkte wie ein Virus. Nicht nur auf die Spieler selbst, die ich noch nie so engagiert und fröhlich selbst im Training sah, sondern auch auf Menschen, die sich vorher nicht für Fußball interessiert hatten. Der Virus hat sich über das ganze Land gelegt und auch den letzten erreicht. Niemand wollte mehr allein Fußball gucken - Gemeinsamkeit statt Einsamkeit: gemeinsam gewinnen, gemeinsam verlieren.

Deutsche Fans schwenken Plakat mit der Aufschrift Danke, Jungs!!! beim Spiel um den 3. Platz im Stuttgarter Gottlieb-Daimler-Stadion - Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Unbändige Freude - auch wenn es für den Titel nicht gereicht hat

Auch für mich war diese WM etwas ganz Besonderes. Als ich beim Finale in Berlin über die Fanmeile mit einer Million Besuchern aus aller Welt schaute, da lief mir bei dieser ausgelassenen Stimmung Gänsehaut über den Rücken. Spätestens da war ich keine neutrale Berichterstatterin mehr - sondern ein euphorischer Fan in einem unglaublich schönen Sommermärchen.