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Lebensart

Sommerfrische am Badestrand - kleine Kulturgeschichte der Bademode

Rüschenröcke mit Gewichten, Einteiler in Ringeloptik, schwere Wollanzüge - als das Baden zum Volksvergnügen wurde, war die Kleidung weniger vergnüglich. Doch das schien die Menschen kaum zu stören...

Es ist ein berühmtes Gemälde: Eine hügelige Landschaft mit Felsen und Bäumen unter einem locker bewölkten Himmel. Im Zentrum ein Schwimmbecken, in dem sich lauter ältere Frauen tummeln. Nackt! Nach dem Bad vergnügen die Damen sich, sichtlich verjüngt, bei Musik und feinem Essen weiter. "Der Jungbrunnen" stammt von Lucas Cranach dem Älteren und ist 1546 entstanden. Zu einer Zeit, in der öffentliches Nacktbaden absolut verboten war. Badeordnungen aus dem 16. Jahrhundert stellten das "Baden ohne Ehrenhemd" unter Strafe. Überhaupt ging man eher aus medizinischen Gründen öffentlich baden. Vergnügliche Stunden im gemeinsamen Badezuber genoss man eher hinter verschlossenen Türen - textilfrei.

Der Jungbrunnen Lucas Cranach d.Ä., um 1546, Kulturforum Berlin - Gemäldegalerie (picture-alliance/dpa/H. Link)

Cranachs "Jungbrunnen": Links sind sie noch alt und gebeugt - rechts sind aus ihnen junge Frauen geworden

Baden wird zum frivolen Vergnügen

Ende des 19. Jahrhunderts ist aus dem Baden eine beliebte Freitzeitbeschäftigung geworden. Mit einem Problem: Es war hochgradig unschicklich, sich am Badestrand zu entblößen. So wurden skurrile Kleidungsstücke entworfen, mit denen die Damen ins Wasser steigen konnten. Unter einem Rüschenrock trug die Dame Hosen, Strümpfe, Schuhe und zum Schutz vor der Sonne noch Badehauben und Sonnenschirmchen. Damit sich die Röcke im Wasser nicht bauschten, wurden sie mit Gewichten behangen. Doch sobald etwas Damenhaut im Wasser aufblitzte, stand die Männerwelt Kopf. 1926 schrieben Fred Raymond und Fritz Grünbaum den Schlager "Ich hab das Fräulein Helen baden seh'n", der für jene Zeit recht frivol war - und natürlich später von den Nazis verboten wurde:

Ich hab' das Fräulein Helen baden seh'n, das war schön!
Da kann man Waden seh'n, rund und schön im Wasser steh'n!

Und wenn sie ungeschickt
Tief sich bückt, so -
Da sieht man ganz genau
Bei der Frau - oooooh!

Ich hab' das Fräulein Helen baden seh'n, das war schön!
Da kann man Waden seh'n, rund und schön im Wasser steh'n!

Man fühlt erst dann
Sich recht als Mann,
Wenn man beim Baden geh'n
Waden seh'n kann!

Badeanzüge aus Wolle

Trotz der erotischen Zugkraft von Damenwaden und der damit verbundenen Doppelmoral setzte sich in den 1910er und 20er Jahren die etwas leichtere Badebekleidung durch. Beliebt bei Frauen war der Matrosenanzug: knielang mit Puffärmeln. Ganz Mutige trugen auch den "Shorty": Einen Einteiler, der Schultern, Oberarme und die Hälfte der Oberschenkel bedeckte. Männer trugen dieses Modell mit Streifenoptik. Die Einteiler waren besonders praktisch - denn der Stoff - oft Wolle - wurde im Wasser so schwer, dass man eine Hose zwangsläufig verloren hätte. Vereinzelt gab es in den 20ern und 30ern auch schon Badeanzüge zu sehen, die nichts mehr offen ließen.

Bademoden junge Frauen beim Bad im Meer, um 1920 (picture-alliance/akg-images)

In den 1920ern zeigte die modisch aufgeschlossene Dame schon ordentlich Figur im Strandbad

Die damals neuartigen Synthetikfasern aus den USA machten einen dünnen und leichten Stoff möglich. Das wurde Anfang der 30er "schamlos" ausgenutzt - die Badeanzüge von damals würde "frau" auch heute tragen. Der preußische "Zwickelerlass" 1932 machte dem ein Ende: Sowohl männliche als auch weibliche Badekleidung musste ein zusätzliches Stück Stoff im Schritt haben - einen Zwickel - das machte die Badebekleidung wieder sittsam.

Der Bikini hat gewonnen

Nach dem Zweiten Weltkrieg war endgültig Schluss mit der Sittsamkeit am Badestrand. Die Anzüge wurden erheblich leichter. Und ganz plötzlich wurden sie auch noch ganz wenig: Denn kurz nach dem Zweiten Weltkrieg kam ein Kleidungsstück daher, das knapper nicht mehr ging: Vier kleine Dreiecke, zusammengehalten von dünnen Schnüren: Der Franzose Louis Réard präsentierte 1946 den ersten Bikini. Dieses höchst skandalöse Stofffetzchen wurde extram angefeindet, selbst die Modezeitschrift "Vogue" verweigerte sich dem Bikini. Doch Schauspielerinnen wie Marilyn Monroe oder Brigitte Bardot ließen sich gerne mit dem Teil fotografieren - und als 1962 schließlich Ursula Andress im weißen Bikini aus dem Meer stieg und Sean Connery in "James Bond - 007 jagt Dr. No" verzauberte, war der Bann gebrochen - der Bikini hat gewonnen.

Bis heute wollte und will sich die Bademode immer wieder neu erfinden - doch so richtig schafft sie es nicht. Farbe und Form unterliegen immer der Mode - die Klassiker sind und bleiben Bikini und Badeanzug - in all ihren Spielarten. Selbst der heutzutage so umstrittene Burkini - ein Ganzkörperbadeanzug, der Frauen vor Sonne und Blicken schützt - war schonmal in einer ähnlichen Form da - vor etwas mehr als 100 Jahren.

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