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Kultur

Somaly Mam: Eine Frau, die nie aufgibt

Sie hat unendlich viel Leid erfahren und setzt sich dafür ein, dass es anderen besser ergeht: Somaly Mam kämpft in Kambodscha gegen Zwangsprostitution. Nun erhält sie dafür den Roland-Berger-Preis für Menschenwürde.

Somaly Mam (Quelle: AP)

Eine unerschrockene Frau mit grausamer Biografie: Somaly Mam

"Unglück hat mich gelehrt, Unglücklichen Hilfe zu leisten." Dieser Satz ist mehr als 2000 Jahre alt, er stammt vom römischen Dichter Vergil. Es könnte aber auch ein Satz von Somaly Mam sein, von der Frau, die in ihrer Kindheit in Kambodscha Sklavin und Prostituierte war, die jede erdenkliche Form von Gewalt erlebt hat. Ihr eigenes Unglück hat sie zum Anlass genommen, das anderer Menschen zu bekämpfen. Seit zwölf Jahren befreit sie mit der von ihr gegründeten Organisation für Frauen in prekärer Lage (AFESIP) Mädchen und Frauen aus Zwangsprostitution.

Am Montag (24.11.2008) überreicht ihr Horst Köhler für ihr Engagement den Roland Berger Preis für Menschenwürde. Der Preis, finanziert von der Roland Berger Stiftung, ist mit einer Million Euro dotiert und wird zum ersten Mal verliehen. Mit ihm sollen Personen geehrt werden, die sich für Menschenrechte und Menschenwürde einsetzten – eben wie Somaly Mam.

Mit zehn endet die Kindheit

Familie fährt mit Motorrad auf einer Straße in Kambodscha (Quelle: AP)

Der Familie gebührt der größte Respekt: Kambodschanisches Paar mit Kind.

Mam ist ungefähr 38 Jahre alt. Genau weiß sie es selbst nicht, denn niemand kann ihr sagen, wann sie geboren wurde. Ihre Eltern hat sie nie kennengelernt, sie wuchs im Osten Kambodschas, in der Provinz Mondolkiri, bei Pflegeeltern auf. Als sie zehn Jahre alt war, kam sie zu einem älteren Mann, den sie "Großvater" nannte. Von einem fürsorglichen Opa aber keine Spur, Somaly Mam diente ihm als Haussklavin. Ihre Kindheit war damit beendet, fortan war das Führen des Haushalts ihre wichtigste Aufgabe.

Vier oder fünf Jahre später geht Mam eine Ehe mit einem zwölf Jahre älteren Mann ein. Der "Großvater" hatte es so vorgeschlagen, mit der Vermählung hat er seine Schulden bei Mams Ehemann beglichen. Obwohl die Ehe geprägt war von Gewalt und sexuellem Missbrauch, hat Somaly Mam nichts in Frage gestellt: "In Kambodscha haben die Frauen nicht das Recht, nein zu sagen. Frauen und Kinder müssen ihr ganzes Leben der Familie opfern", erklärt sie. Dass der "Großvater" über ihr Leben, ihr Schicksal und ihren Körper verfügt, fand sie ganz normal. Selbst dann noch, als der Ehemann verschwand und der "Großvater" sie in ein Bordell in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh brachte: "Ich dachte, ich sei ihm das schuldig, denn er gab mir Reis, also sollte ich dankbar sein und alles für ihn tun, mich aufopfern."

Es fehlen: Normalität und Vertrauen

Junge Frauen aus Kambodscha (Quelle: AP)

Immer mehr Frauen werden Opfer sexueller Gewalt: Kambodschanische Prostituierte.

Für Mam folgten Jahre der Zwangsprostitution. Jahre, die sich um Gewalt, Erniedrigung, Missbrauch und Drogen drehten. Fluchtversuche scheiterten. "Fingen die Zuhälter mich ein, sperrten sie mich zur Strafe in einen Käfig mit Schlangen", erinnert sich Somaly Mam. Noch heute schießen der hübschen, zierlichen Frau mit den langen braunen Haaren die Tränen in die Augen, wenn sie davon berichtet.

Trotzdem redet und schreibt sie oft darüber. "Das Schweigen der Unschuld" heißt ihr Buch, das sie vor zwei Jahren veröffentlicht hat und indem sie alles beschreibt, was ihr widerfahren ist. Zur Buchvorstellung sagte sie ihren Gästen: "Ich kann heute mit Ihnen lachen und sprechen, aber tief in meinem Herzen fühle ich mich nicht normal wie Sie. Ich weiß nicht, wie ich jemanden lieben kann, ich weiß nicht, wie ich jemandem vertrauen kann."

Zumindest zu einem Menschen aber hat sie Vertrauen gefasst: Pierre Legros, ein Franzose, den sie in Kambodscha kennengelernt hat und der ihr bei der Flucht aus dem Bordell half. Mam ging mit ihm nach Frankreich, heiratete ihn und kehrte anschließend – zusammen mit Legros – nach Kambodscha zurück. Dort bauten sie zusammen AFESIP auf.

Die Organisation wird mittlerweile von UNICEF unterstützt, ihre Mitarbeiter haben Tausende Frauen und Kinder aus der Zwangsprostitution befreit. AFESIP hilft ihnen, wieder Selbstvertrauen zu gewinnen, sich in die Gesellschaft einzugliedern, Lesen und Schreiben zu lernen, eine Ausbildung zu finden.

Mit jedem Mädchen, das Somaly Mam hilft, begegnet sie auch ihrem eigenen Schicksal immer wieder, wie ein Spiegel reflektieren die jungen Frauen Leid und Schmerz. Eine immense Belastung, aber vielleicht auch ein Vorteil, glaubt Mam: "Wenn ich meine Erfahrungen nicht hätte, könnte ich den Mädchen wohl nicht so gut helfen."

Drohungen gegen die "Nestbeschmutzerin"

Kambodschanischer Polizist bei einer Pressekonferenz über Strategien gegen Menschenhandel (Quelle: AP).

In Kambodscha kämpft die Polizei gegen Menschenhandel - denn der hat in den vergangenen Jahren zugenommen

Dass Mams Engagement nötig ist, beweisen schreckliche Statistiken: Nach UN-Angaben werden in Kambodscha 50.000 Frauen und minderjährige Mädchen Opfer sexueller Gewalt - jeden Tag. 90 Prozent der Kinder, die aus Bordellen befreit werden, sind HIV-positiv. Kambodscha ist ein beliebtes Ziel für Sextouristen, das leistet Zwangsprostitution und Menschenhandel Vorschub.

Somaly Mam attackiert öffentlich Politiker und Wirtschaftsvertreter, prangert deren Verwicklung in Korruption und Prostitution an. Nicht alle finden Gefallen daran: Morddrohungen und Beschimpfungen als "Nestbeschmutzerin" gehören schon fast zur Tagesordnung, auch Überfälle und Entführungen hat es schon gegeben.

Mam lässt sich davon nicht einschüchtern. "Jeden Tag, wenn ich die Opfer sehe, die vergewaltigt wurden, die Schmerzen haben, kann ich sie doch nicht einfach gehen lassen. Also muss ich mit all meiner Kraft kämpfen. Und ich höre niemals auf. Niemals."

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