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Asien

Sollte Kundus-Angriff Taliban gezielt töten?

Das Bombardement in Kundus galt nach Medieninformationen nicht den Tanklastzügen, sondern einer Taliban-Gruppe und deren Anführern. Demzufolge wollte der deutsche Kommandeur Klein die Taliban gezielt "vernichten".

Ein afghanischer Soldat rollt vor einem der ausgebrannten Tanklaster eine Tonne (Foto: AP)

Wem galt der Luftschlag - den Tanklastern oder den Taliban?

Die Affäre um den Luftangriff in Afghanistan nimmt eine neue Dimension an. Nach einem Bericht der "Leipziger Volkszeitung" soll das Bundeskanzleramt vor dem Luftschlag ein schärferes Vorgehen der Bundeswehr gegen die Taliban gebilligt haben. Das Kanzleramt und die Spitze des Verteidigungsministeriums sowie Regierungsvertreter, die mit der Koordination der Geheimdienste beauftragt waren, seien vor und nach dem Luftanfgriff von Anfang September in eine damals vereinbarte neue Eskalationsstufe in Afghanistan einbezogen worden, berichtet die Zeitung am Samstag (12.12.2009). Dabei sei es auch um die gezielte Zerstörung der Taliban-Führungsstruktur gegangen.

Auch die Bundeswehr gerät nach dem Luftangriff in Kundus weiter unter Druck. Nach Informationen von "Spiegel Online" und der "Süddeutschen Zeitung" sollten mit dem Bombardement nicht, wie bisher behauptet, hauptsächlich die beiden entführten Tanklaster zerstört werden. Stattdessen hätte der für den Angriff verantwortliche deutsche Oberst Georg Klein eine Gruppe von Taliban und deren Anführer im Visier gehabt.

SZ: "Oberst wollte Menschen angreifen, nicht Fahrzeuge"

Afghanen aus dem Kundus beerdigen nach dem Luftschlag ihre Angehörigen (Foto: AP)

Trauer bei den Angehörigen der Opfer nach dem Luftschlag

Die "Süddeutsche Zeitung" zitiert aus dem Untersuchungsbericht der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (ISAF). "Er wollte die Menschen angreifen, nicht die Fahrzeuge", heiße es in dem geheimen Bericht über Oberst Klein. Wie das Blatt weiter berichtet, eilten dem ISAF-Bericht zufolge 60 bis 80 Taliban und ihre Anführer vor dem Bombardement zu den Tanklastzügen. Die Anführer hätten ihre Leute sogar noch vor einem möglichen Angriff gewarnt, dem habe aber niemand Beachtung geschenkt. Die Zeitung schreibt weiter, Oberst Klein habe selbst in einem von ihm verfassten Bericht erklärt, die Taliban "vernichten" zu wollen.

Die "Leipziger Volkszeitung" will aus dem Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam erfahren haben, dass sich der für den Angriff verantwortliche deutsche Oberst "nach diesen Regierungsvorgaben regelrecht ermutigt gefühlt haben" dürfte, "einmal kräftig durchzugreifen". Nach einem Bericht des Magazins "Focus" erfolgte der Angriff mit ausdrücklicher Zustimmung der US-Militärs. Demnach holten die US-Piloten vor dem von Klein angeforderten Abwurf der Bomben eine endgültige Freigabe bei der US-Einsatzzentrale in Doha im Golfstaat Katar ein. Erst nach deren Freigabe klinkten sie die Bomben aus, heißt es in dem Bericht.

Die Bundesregierung hatte in der Vergangenheit erklärt, die Tanklastzüge seien angegriffen worden, weil eine Gefahr für die deutschen Truppen drohte. Ein Untersuchungsausschuss des Bundestages soll Klarheit in die Kundus-Affäre bringen. Der Ausschuss konstituiert sich am kommenden Mittwoch. Bei der Bombardierung waren bis zu 142 Menschen getötet oder verletzt worden.

Guttenberg: "Nicht in meiner Verantwortungszeit"

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sagte nach seiner Rückkehr von einem Truppenbesuch in Kundus am Freitagabend zu den neuen Medieninformationen: "Auch zu diesem Themenkomplex gilt: Vor meiner Zeit als Verteidigungsminister, nicht in meine Verantwortungszeit gefallen. Das ist Gegenstand des Untersuchungsausschusses. Ich glaube, das ist der richtige Weg."

Zu Guttenberg beim Truppenbesuch in Kundus zusammen mit deutschen Soldaten (Foto: AP)

Guttenberg bat bei den Soldaten in Kundus um Verständnis für den Untersuchungsausschuss

Zu Guttenberg hatte bei den deutschen Soldaten in Kundus am Freitag um Verständnis für den Untersuchungsausschuss des Bundestags zum Luftschlag geworben. Er legte den Soldaten die Gründe für seine Kehrtwende bei der Bewertung des Luftschlags dar und sicherte zugleich eine umfassende Aufklärung der Geschehnisse am 4. September zu.

Kanzlerin soll im Untersuchungsausschuss befragt werden

Der Grünen-Politiker Omid Nouripour, der zu Guttenberg nach Afghanistan begleitet hatte, erklärte: "Ich kann Ihnen versichern, dass wir die Bundeskanzlerin, den damaligen Kanzleramtsminister und die damaligen Staatsminister vorladen und befragen werden. Wenn das so sein sollte, dass das alles, was man uns erzählt hat, gelogen war, dann wird das natürlich Konsequenzen haben müssen."

Der SPD-Verteidigungsexperte Hans-Peter Bartels sagte der "Bild"-Zeitung zu dem Bericht der "Süddeutschen Zeitung", es habe sich um einen gezielten Angriff auf die Taliban gehandelt: "Mit dem Geist der Bundestagsmandate für Afghanistan wären gezielte Tötungen absolut nicht vereinbar."

Autorin: Ursula Kissel (dpa, afp)
Redaktion: Hans Ziegler

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