Sollte an Bord auf Atmen verzichtet werden? | Wissen & Umwelt | DW | 24.01.2017
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Wissen & Umwelt

Sollte an Bord auf Atmen verzichtet werden?

Ein Fernsehteam hat verdeckt die Abgaswerte eines Kreuzfahrtschiffs während einer offiziellen Seereise gemessen. Das Ergebnis: Die Dieselmotoren der Schiffe belasten massiv Umwelt und Gesundheit.

Ob Fluss oder Weltmeere - Kreuzfahrten erfreuen sich einer immer größeren Beliebtheit. Reizüberflutete, alltagsgestresste Kurzurlauber können an Bord einer Mittelmeerkreuzfahrt prima ein paar Tage entschleunigen und Sonne tanken, ohne dafür den perfekten Strand suchen zu müssen. Rentner haben endlich die nötige Zeit und das Geld für die karibische Traumroute oder die Erkundung des mystischen Nordmeers. Und unermüdliche Freizeitkonsumenten können auf riesigen Luxuslinern pausenlos zwischen Bordbüffet, Muckibude, Pool, Bar und Theaterbühnen pendeln und bei Landgängen grenzenlos shoppen und Sightseeing betreiben. Doch der Naturschutz Bund Deutschland (NABU) warnt vor schlechter Luft statt frischer Brise: Auf keinem der europäischen Ozeanriesen sei eine Reise uneingeschränkt zu empfehlen.

Kreuzfahrtschiff - Sonnendeck (picture-alliance/dpa/B. Weißbrod)

Urlauber erwarten Spaß auf Kreuzfahrtschiffen - und gute Luft

"Werbeprospekte gaukeln blauen Himmel und weiße Schiffe vor - die perfekte Traumkulisse", ärgert sich Daniel Rieger, NABU-Referent für Verkehrspolitik. "In Wirklichkeit quellen schwarze Rußwolken aus den Schornsteinen."

Messungen bei Stichprobe übertrafen Erwartungen

Aktuelle Luftschadstoffmessungen an Bord bestätigen die Kritik des NABU an der Kreuzfahrtbranche. "Die Reedereien setzen die Passagiere an Bord einer hohen Konzentration gesundheitsgefährdender Schadstoffe aus", sagt NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller. Er bezieht sich auf verdeckte Messungen einer französischen Fernsehjournalistin des Senders France 3. Mit einem Kamerateam war sie in Marseille an Bord gegangen, um bei einer Mittelmeerreise die Mär von der sauberen Seeluft zu widerlegen. 

Doch die Werte überraschten selbst Kritiker. Während der Fahrt von Marseille aus war der Anteil der Schadstoffanteile auf dem Schiff 200-mal höher als auf einer stark befahrenen Straße. Neben Feinstaub und Ruß werden bei der Verbrennung von Schweröl und Marinediesel auch andere gesundheitsgefährdende Schadstoffe wie Stickstoffdioxid und Schwermetalle frei. 

Der frühere Kapitän und Schiffsmakler Helge Grammerstorf, der als National Director den internationalen Kreuzfahrtverband CLIA repräsentiert, wehrt ab. Dem "Hamburger Abendblatt" sagte er: "Wir kennen die Messung nicht, und die Behauptung ist völlig unbewiesen." Die Messungen seien nur punktuell erfolgt. Um belastbare Werte zu erhalten, müssten Daten über einen längeren Zeitraum gesammelt werden.

Für Passagiere kaum wahrnehmbar

"Die Passagiere können die Abgase nur riechen oder sehen, bevor sich die Partikel mit der Umgebungsluft vermischt haben", erklärt NABU-Sprecher Rieger nach Veröffentlichung der Stichprobe. Dabei müssten die Reeder gar nicht so viel tun, um den Komfort zu erhöhen und die Umweltbelastung einzudämmen: "Schon der Umstieg auf saubere Kraftstoffe wie Straßendiesel wäre das Nonplusultra."

Effektive Abgasreinigungssysteme könnten die massive Luftverschmutzung der Ozeanriesen deutlich reduzieren. Diese sind für Fahrzeuge an Land längst Standard. "Es stellt sich die Frage, ob hier absichtlich weggeschaut wird", hegt NABU-Verkehrsexperte Dietmar Oeliger einen Verdacht. Die Messungen deckten vermutlich keinen Einzelfall auf, sondern stünden exemplarisch für die Realität an Bord eines Großteils der Flotte sämtlicher Wettbewerber, so Oeliger. "Es stellt sich die Frage, welche Belege die Branche noch braucht, um endlich konsequent zu handeln." Einzelne Anbieter hätten angekündigt, ihre Flotte mit Partikelfiltern auszurüsten. Bis heute sei aber kein einziger in Betrieb.

Verdeckte Messungen bisher nur im Hafen

Bisher hatte der NABU die Belastung durch besonders gesundheitsgefährdende und umweltschädliche ultrafeine Partikel pro Kubikmeter Umgebungsluft verdeckt nur bei liegenden Schiffen in den Häfen Hamburg, Venedig und Rostock-Warnemünde gemessen. Dies an Bord und während der Fahrt zu tun, war dem NABU verweigert worden, so Daniel Rieger.

AIDA-Schiff Schwarzer Rauch (NABU)

Daniel Rieger, NABU-Referent für Verkehrspolitik: "In Wirklichkeit quellen schwarze Rußwolken aus den Schornsteinen."

Das Ergebnis: Sämtliche Schiffe verfeuerten Schweröl. Außerdem verfügten vier von fünf Schiffen auf den europäischen Gewässern über gar keine Abgasreinigung oder erfüllten lediglich gesetzliche Mindeststandards wie der für Nordeuropa vorgeschriebene Abgaswäscher, der die Schwefelemissionen reduziert. Dabei haben laut NABU technische Lösungen zur Emissionsminderung für Dieselmotoren wie Partikelfilter und Stickoxid-Katalysatoren längst Marktreife. Profitgier führt der NABU als Grund der Branche an, weder höherwertige Kraftstoffe einzusetzen noch die Schiffe mit Abgastechnik auszurüsten.

Fast wie Asbest

Bereits vor Jahren riet die Deutsche Lungenstiftung Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen, sich nur in bestimmten Bereichen an Deck von Kreuzfahrtschiffen aufzuhalten und das Einatmen von Schiffsabgasen zu vermeiden. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Dieselabgase als ebenso sicher krebserregend eingestuft wie den Gefahrenstoff Asbest. 

Die ultrafeinen Partikel sind sehr gefährlich für die menschliche Gesundheit. Die Teilchen sind kleiner als 0,1 Mikrometer und können in die Lungenbläschen und von dort ins Blut und andere Organe gelangen. 

Als zynisch hat es NABU-Geschäftsführer Leif Miller zum wiederholten Mal bezeichnet, dass "die Anbieter Unsummen für Bespaßung und den gastronomischen Service an Bord ihrer Luxusliner ausgeben, während sie beim Umweltschutz weiterhin sparen, wo es nur geht."

Indes rüsten sich Reedereien und Veranstalter für die kommende Saison: Allein an den Anlegestellen in Warnemünde, Hamburg und Kiel werden 2017 mehr als zwei Millionen Passagiere erwartet, die eine Reise auf einem Ozeanriesen gebucht haben.

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