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Geldpolitik

Soll Bargeld abgeschafft werden?

Es ist mal wieder soweit: Hochrangige Ökonomen fordern die Abschaffung des Bargelds. Wem soll das nützen? Und was hat das mit der Finanzkrise zu tun?

Die Deutschen lieben Bargeld. Noch immer werden hierzulande mehr als die Hälfte (53 Prozent) aller Umsätze in Geschäften mit Bargeld gemacht, so die aktuelle Studie der Bundesbank zum Zahlungsverhalten in Deutschland. In Restaurants sind es 70 Prozent, in Cafés, Kneipen, Imbissbuden und Schnellrestaurants sogar 94 Prozent.

Der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff wird mit seinem Vorschlag, das Bargeld abzuschaffen, bei der Bevölkerung in Deutschland daher auf wenig Verständnis stoßen - auch wenn er damit die Kriminalität bekämpfen möchte. "Die Anonymität von Bargeld wird gern für illegale Transaktionen genutzt oder um Steuern zu hinterziehen", sagte Rogoff gegenüber dem Handelsblatt.

Carl-Ludwig Thiele, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, hält das nicht für überzeugend. "Ich denke, dass bei der Abschaffung von Bargeld Ausweichmöglichkeiten gefunden würden", so Thiele schon Anfang des Jahres auf einem Kongress. "Eine effektive Eindämmung der Schattenwirtschaft wird ohnehin nicht über die Abschaffung von Bargeld erreicht, und das organisierte Verbrechen käme auch ohne Euro-Bargeld aus. Es könnte auf andere Währungen, Edelmetalle oder Naturalwährungen ausweichen."

Selbst die Abschaffung großer Scheine, etwa die 200 und 500 Euro-Scheine, würde nicht viel bringen, glaubt Thiele. "Eine signifikante Reduktion krimineller Aktivitäten in Staaten, die auf die Emission größerer Stückelungen verzichten, wie zum Beispiel die USA, konnte ich bisher nicht feststellen."

Der Abschied vom Bargeld ist keine neue Forderung. Eine Gruppe schwedischer Banker warb schon vor fünf Jahren dafür. Im vergangenen Jahr sprachen sich der frühere US-Finanzminister und heutige Harvard-Ökonom Larry Summers sowie Rogoff selbst dafür aus.

Deutschland Wirtschaft Sachverständigenrat Peter Bofinger

Bargeld ist ein "Anachronismus": Peter Bofinger

"Anachronismus" oder "geprägte Freiheit"?

Unterstützung in Deutschland erhalten sie von Peter Bofinger, Ökonom an der Universität Würzburg und Mitglied im Sachverständigenrat, der die Bundesregierung in Wirtschaftsfragen berät. "Bei den heutigen technischen Möglichkeiten sind Münzen und Geldscheine tatsächlich ein Anachronismus", sagte Bofinger dem Magazin "Der Spiegel".

Der Freiburger Wirtschaftsprofessor Lars Feld, der ebenfalls dem Sachverständigenrat angehört, widerspricht seinem Kollegen. "Bofinger vernachlässigt offenbar die verfassungspolitischen Aspekte dieses Vorschlags", sagte er gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Bargeld sei zudem "geprägte Freiheit" und ermögliche es den Bürgern, sich dem Zugriff des Staates zu entziehen, so Feld.

In einigen Ländern ist die Obergrenze für Bezahlungen mit Bargeld bereits gesetzlich begrenzt: in Italien liegt sie bei 1000 Euro, in Frankreich bald auch, in Griechenland bei 500 Euro. Das Argument auch hier: Kampf gegen Terrorismus und Steuerhinterziehung. Datenschützer kritisieren das und warnen vor einem "gläsernen Bürger", während es doch eigentlich darum gehen sollte, Handlungen des Staates transparent zu machen.

Hauptgrund für die aktuelle Diskussion des Themas dürfte jedoch ein anderer sein - die Politik des billigen Geldes, die die Zentralbanken in Europa und den USA verfolgen. Wenn Menschen auf Bargeld ausweichen können, "dann kann die Zentralbank den Leitzins nicht allzu weit unter null senken, selbst wenn das sinnvoll wäre, um eine lahmende Wirtschaft wieder in Gang zu bringen", so Rogoff.

Höhere Strafzinsen

Es ist kein Zufall, dass die Londoner Konferenz, auf der Rogoff und andere am Montag (18.05.2015) die Abschaffung des Bargelds diskutieren, von der Schweizer Notenbank (SNB) organisiert wird. Denn die Schweizer sind einer der Vorreiter der Negativzinsen, ihr Satz beträgt bereits minus 0,75 Prozent.

Logo Nationalbank Schweiz

Vorreiter beim Strafzins: Die Schweizer Nationalbank

Diesen Strafzins müssen Banken zahlen, die ihr Geld lieber sicher bei der Zentralbank lagern, anstatt das Geld in Form von Krediten an Firmen und Privatpersonen zu verleihen. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) erhebt einen Strafzins, allerdings fällt der mit Minus 0,2 Prozent niedriger aus als in der Schweiz.

Die Frage ist nun, ob und wie Banken diese Strafzinsen an normale Kunden weiterreichen. Bisher sind nur Großkunden wie Investmentfonds und Unternehmen bei einzelnen Instituten betroffen, die mehr als etwa eine halben Million Euro auf einem Tagesgeldkonto lagern. Normale Sparer würden verschont, heißt es.

Berichten zufolge sind in der Schweiz einige Pensionskassen bereits auf die Idee gekommen, ihr Geld lieber in bar in den Safe zu legen als Strafzinsen zu zahlen - allerdings hätten die Banken die Auszahlung verweigert.

"Notenbanken mit ihrem Latein am Ende"

"Als ob es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Regierungen und Notenbanken der Welt in der Bewältigung der Schuldenkrise mit ihrem Latein am Ende sind. Hier ist er: Das Verbot von Bargeld wird offen gefordert", schreibt der Unternehmensberater Daniel Stelter in seinem Blog.

"Die Annahme, dass man die Zinsen nur weit genug in den negativen Bereich drücken muss, um Investitionen zu befeuern, ist reichlich naiv", so Stelter weiter. "Unternehmen investieren, weil sich Projekte lohnen, nicht weil man ihnen Geld schenkt."

Strafzinsen und der Zwang zur Kreditvergabe erhöhen laut Stelter vielmehr die Gefahr von "Fehlinvestitionen und Kapitalmarktblasen, die die nächste Krise nur noch schlimmer machen."

Euro-Bargeld ist in der Europäischen Union gesetzliches Zahlungsmittel - für eine Abschaffung müssten zahlreiche Gesetze geändert werden. Selbst Rogoff glaubt, dass dies nur "über einen längeren Zeitraum" möglich wäre. Ob sich allerdings Politiker finden, die solche Pläne unterstützen, ist angesichts der Bargeld liebenden Wähler in Deutschland mehr als fraglich.

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