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Deutschland

Solidarität unter Kumpeln in Deutschland

Wie reagieren türkische Bergarbeiter in Deutschland auf das Grubenunglück in Soma? Ein Besuch bei Kumpeln zwischen Trauer und Wut in der Zeche Marl im Ruhrgebiet.

Mehmet Özdemir und Hidayet Bekmezci im Steinkohlenbergwerk Augste Victoria in Marl (Foto: DW/Vera Kern)

Mehmet Özdemir und Hidayet Bekmezci im Steinkohlenbergwerk in Marl

Der Schock ist ihm anzusehen. "Wie muss es wohl den Kollegen in Soma ergangen sein?", fragt sich Mehmet Özdemir immer wieder. "Was, wenn so ein Unglück auch hier passieren würde?" - Der 47-jährige, aus der Türkei stammende Bergmann will es sich nicht ausmalen.

Auf den Fluren der Zeche Auguste Victoria im nordrhein-westfälischen Marl scheint zunächst alles normal. "Mahlzeit" grüßen vorbeihuschende Mitarbeiter. Es ist Mittagszeit in einem der letzten drei aktiven Steinkohlenbergwerke in Deutschland der RAG Deutsche Steinkohle AG. Mehmet Özdemir hat jetzt schon einen langen Arbeitstag hinter sich. Er trägt noch seine Bergmannskluft: beiger Anzug, Sicherheitsschuhe, ein Tuch um den Hals. Seine Augen sind klein vor Müdigkeit. Bis tief in die Nacht verfolgt er in den vergangenen Tagen die Nachrichten aus der Türkei.

Nur ein Lämpchen in der Ecke des Foyers verrät: Etwas stimmt heute nicht. Die Grubenlampe in der Glasvitrine ist angeschaltet. Zwischen Veranstaltungshinweisen und Kleinanzeigen hängt sie im Trauerkasten. Wie eine Grabkerze leuchtet die Lampe darin, wenn ein Kumpel stirbt - eines natürlichen Todes in der Belegschaft oder bei Unglücken weltweit. Gleich daneben hängt nun auch ein A3-Blatt mit schwarzer Umrandung: Die Beileidsbekundung des Betriebsrats. Auf Türkisch und auf Deutsch.

Als die Katastrophe am Dienstag (13.05.2014) im

Bergwerk im türkischen Soma

ausbricht, kommt Mehmet Özdemir gerade von seiner Frühschicht in Schacht 3/7 nach Hause. Wie üblich schaltet er nach dem Essen den Fernseher ein. "Grubenunglück in Soma" heißt es da in Eilmeldungen. Soma, das ist nur 100 Kilometer entfernt von seiner Heimatstadt Kütahya. Sofort hat Bergmann Özdemir ein ungutes Gefühl. Er ist schon oft an Soma vorbei gefahren. Nachbarn arbeiten dort unter Tage.

"Papa, musst du wirklich unter Tage arbeiten?"

"Als Bergmann vermutet man sofort etwas Schlimmes", erzählt er. Gemeinsam mit seinem Sohn verfolgt Mehmet Özdemir den ganzen Abend abwechselnd türkische und deutsche Fernsehnachrichten. Von Stunde zu Stunde erschüttern ihn die Meldungen mehr. "Papa, musst du wirklich unter Tage arbeiten?" fragt der 24-jährige Sohn schließlich.

Einen Tag später ruft ein Familienfreund an, der auch im Ruhrgebiet lebt: Er wird in die Türkei fliegen, weil ein Angehöriger unter den Toten ist. "Ich wusste nicht, was ich ihm sagen sollte". Immer noch ringt Mehmet Özdemir um die richtigen Worte. Wie um nach Halt zu suchen, verschränkt er seine Finger beim Sprechen fest ineinander.

Hidayet Bekmezci im Steinkohlenbergwerk Augste Victoria in Marl (Foto: DW/V.Kern)

Hidayet Bekmezci: "Ich bin einfach schockiert"

Auch sein Bergbaukollege Hidayet Bekmezci stockt immer wieder beim Erzählen: "Ich bin einfach schockiert." Ständig muss er an die Hinterbliebenen denken. Vielen der insgesamt rund 700 Beschäftigten mit türkischen Wurzeln geht es so. "Wir wissen ja, was Bergbau bedeutet und was da passieren kann", sagt der 45-jährige Bergmann Bekmezci und erinnert sich an ein Plakat, das mal in der Zeche Auguste Victoria hing: "Der Tod fährt immer mit" hieß es da. In Deutschland seien die Sicherheitsstandards zwar sehr hoch.

Aber in der Türkei?

Jeder dritte Kumpel ist aus der Türkei

Seit ihrem 16. Lebensjahr arbeiten Mehmet Özdemir und Hidayet Bekmezci schon im deutschen Bergbau. Nach rund 30 Jahren unter Tage haben sie eine Ahnung davon, wie gefährlich ihre Arbeit sein kann. Sicherheitstrainings sollen die Bergleute auf solche Katastrophen vorbereiten. Und doch bleibt der Unglücksfall in Soma abstrakt. "Im Fernsehen sprechen sie immer von einer Explosion. Aber was genau bedeutet das für die Leute? Das kann man sich nicht vorstellen", so Mehmet Özdemir.

Etwa ein Drittel der Bergarbeiter in Deutschland ist türkischer Herkunft. Die Solidarität unter Kumpeln sei in dieser schweren Stunde groß, so Thomas Prinz, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender der Zeche Marl. Alle seien erschüttert über das Grubenunglück in Soma. Natürlich könne man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Als Zeichen der Anteilnahme wollen sie beim demnächst anstehenden Marathonlauf vom Betriebsrat einen Trauerflor tragen. "Solidarität ist das Gebot der Stunde", so Prinz.

Tatsächlich: Draußen beim Fototermin scherzt ein deutscher Bergmannskollege im Vorbeigehen: "Lächeln nicht vergessen". Es ist freundschaftlich gemeint. "Natürlich wissen alle, was los ist und leiden mit", sagt Mehmet Özdemir und lächelt dem Kollegen zu. Fürs Foto blickt er dann doch ernst.

Steinkohlenbergwerk Augste Victoria in Marl (Foto: DW/V.Kern)

Ein Drittel der Bergarbeiter in Deutschland kommt aus der Türkei

Falscher Zeitpunkt für Proteste

Für die

Proteste in der Türkei

haben die türkischstämmigen Bergleute in Marl wenig Verständnis. "Es bringt ja nichts, wenn wir uns jetzt gegenseitig anschreien", mahnt Mehmet Özdemir. "Das ist der falsche Zeitpunkt." Wut mischt sich in seine Worte. Nicht auf den erneut in die Kritik geratenen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan oder die mangelnden Sicherheitsbedingungen oder die Privatisierung des Bergbaus. Nein, es ist der Ton der Fassungslosigkeit: "Da sind immer noch Leute unten in der Grube! Zuerst müssen die doch geborgen werden!" Auch Hidayet Bekmezci hält nicht viel davon, momentan nach Schuldigen zu suchen: "Jetzt ist die Zeit der Trauer." Erst müssten die Toten unter die Erde gebracht werden. Dann könne man eine Katastrophenbilanz ziehen.

In der Zeche Auguste Victoria geht Mehmet Özdemir am frühen Nachmittag in den Feierabend. Die Bergmannskluft hängt wieder in seinem Spind. Er trägt nun eine schwarze Bügelfaltenhose und ein dunkles Hemd. Zuhause wartet schon der Fernseher mit neuen Nachrichten. Auch wenn der Bergmann nichts Gutes ahnt: Er hofft auf gute Nachrichten aus Soma. Immer noch.

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