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Politik

Solidarität im Herzen und Sandino-Dröhnung in der Tasse

Ost- und Westdeutsche blicken in einem Buch auf ihre Erlebnisse im revolutionären Nicaragua zurück. Mit Ortegas neuem Sandinismus haben sie nichts am Hut. Manche sind trotzdem noch als Helfer aktiv.

Sandinisten feiern am 19. Juli 1979 in Managua den Sieg über die Regierungstruppen (Foto: DPA)

19. Juli 1979: Einmarsch der Sandinisten in Managua nach dem Sturz Somozas

Latino-Musik rieselt aus den Lautsprechern. Nicht zu laut, eher dem Alter der Gäste entsprechend, die an diesem Mai-Abend 2009 das "Taz"-Café in der Berliner Rudi-Dutschke-Straße füllen. Grauhaarige Veteranen und blondgefärbte Veteraninnen der Nicaragua-Solidaritätsbewegung aus Ost und West sind gekommen, um Rückschau zu halten auf die 80er-Jahre. Damals, als man noch als "Internacionalista" ins ferne Nicaragua flog und Kaffee der Marke "Sandino-Dröhnung" trank, benannt nach der Vaterfigur der nicaraguanischen Revolution.

"Wir waren so was von engagiert"

Gaby Gottwald war damals Entwicklungspolitikerin der Grünen im Bonner Bundestag und fühlte eine große Nähe zum fernen mittelamerikanischen Land. "Damals waren wir so was von engagiert, politisch und emotional. Wir haben viele Freunde in Nicaragua gehabt, einige sind in den Kämpfen ums Leben gekommen. Selbst wenn man nicht Teil der Auseinandersetzung war, war es doch so nah."

Der Sturz von Nicaraguas Diktator Somoza, die Alphabetisierungskampagne der Sandinisten, ihr vermeintlicher "dritter Weg" zwischen Kapitalismus und Ostblock-Sozialismus, der verlustreiche Kampf gegen "Contras" und CIA - alles das faszinierte Menschen in Ost- wie Westdeutschland.

Christoph Links war einer aus dem Osten. Er organisierte 1981 als Redakteur der "Berliner Zeitung" unter den Lesern eine Sammlung gebrauchter Brillen für Nicaragua. 67.000 Brillen kamen zusammen und wurden mit Hilfe von Optikern sortiert.

Anprobe mit Aha-Effekt

Der Verleger Christoph Links im Porträt (Foto: Ch. Links Verlag)

Der Verleger Christoph Links lässt Nicaragua-Helfer aus Ost und West in einem Buch erzählen

Links erinnert sich an die Verteilung auf dem Lande: "Wir haben die Bauern einfach gefragt, ob sie schlecht in die Ferne sehen können oder schlecht lesen können. Und dann haben wir in die Kartons mit den Minusbrillen und den Plusbrillen gegriffen, haben angefangen mit der kleinsten Stärke und dann einfach probiert, bis irgendwann der laute Aha-Effekt kam."

Heute ist der 54-Jährige Verleger und hat ein Buch mit Erlebnissen der ost- und westdeutschen Solidaritäts-Aktivisten herausgebracht. Es zeigt, wie sich damals die innerdeutsche Grenze bis ins ferne Nicaragua verlängerte und teilweise peinliche Situationen für die Gastgeber schuf.

Für die Ostdeutschen galt eine Kontaktsperre, aber ohnehin hatten sich Ost und West nicht allzu viel zu sagen. Man hatte, wie jemand schreibt, "die Mauer im Koffer". Eine Pädagogin aus dem Westen berichtet über ihre Begegnung mit einem Monteur aus dem Osten: "Für uns war er ein privilegierter Reisekader mit gutem Einkommen und jeglicher sozialer Absicherung zuhause und am Einsatzort. Für ihn waren wir - und vor allem wir Frauen - junge Abenteurer und politische Spinner, die nicht einmal davor zurückschreckten, ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen."

Solidarität von oben und von unten

In der DDR-Führung war die Unterstützung der Sandinisten Herzenssache und Staatspolitik. Die Hilfe umfasste Hunderte Millionen Mark. Sie wurde aus dem Staatshaushalt und dem monatlichen Solidaritätsobolus der Werktätigen finanziert. Ganze Schiffs- und Flugzeugladungen gingen auf die Reise nach Mittelamerika, man schenkte den Sandinisten ein komplettes Hospital und ein Berufsbildungszentrum.

In der alten Bundesrepublik dagegen kam die Nicaragua-Solidarität von unten, misstrauisch beäugt vom offiziellen Bonn. Die Westler waren eine bunte Truppe: Linke, Gewerkschafter, basisbewegte Christen, Idealisten unterschiedlicher Couleur. Sie halfen bei der Kaffee-Ernte oder in Krankenhäusern - mancher, wie der Verwaltungswissenschaftler Michael Rediske, sogar in Ministerien. Man habe versucht, kommunale Entwicklung zu machen, kleine Projekte anzubieten, die Dorfgemeinschaften zur Selbsthilfe anzuspornen, erzählt Rediske. "Wir haben aber gemerkt, dass immer gegengesteuert wurde und als sich dann 1980 das zentralistische Modell durchsetzte, war auch für Leute wie mich kein Platz mehr."

Der DDR den Spiegel vorhalten

Solche Solidarität von unten war in der DDR die Ausnahme und organisierte sich unter dem Dach der Kirche. Willi Volks gehörte zur Gruppe "Hoffnung Nicaragua" an der Leipziger Nikolai-Kirche. "Für mich war Nicaragua attraktiv, weil dort eine andere Art Sozialismus zu entstehen schien. Wir wollten das auch nutzen, um der DDR den Spiegel vorzuhalten."

Nicaraguas Präsident Daniel Ortega wird von einer jungen Anhängerin nach seinem Wahlsieg 2006 geküßt (Foto: AP)

2006 wurde Daniel Ortega erneut Präsident, diesmal durch Wahlen. Von den sandinistischen Idealen ist nicht mehr viel übrig.

Die Staatssicherheit stufte die Leipziger Nicaragua-Enthusiasten zunächst als "feindlich negativ" ein, erst kurz vor dem Mauerfall 1989 erhielt Volks die Erlaubnis für eine Nicaragua-Reise. Seitdem ist er dort Stammgast und koordiniert unermüdlich Entwicklungsprojekte für kleinbäuerliche Familien.

Im Buch aus dem Ch.-Links-Verlag kommen auch die Vertreter der staatlichen DDR-Solidarität zu Wort, der letzte Botschafter in Managua etwa, und der Chef des Solidaritätskomitees. Beim "Veteranentreffen" im "Taz"-Café fehlen sie. Auf die Frage, ob jemand unter den Anwesenden in einem offiziellen DDR-Solidaritätsprojekt in Nicaragua war, folgen ratlose Blicke. Der deutsch-deutsche Dialog gerät kurzzeitig ins Stocken, fast wie früher.

Engagiert in kommunalen Projekten

Dabei engagieren sich Deutsche aus Ost und West auch heute noch in Nicaragua, allerdings fast ausschließlich auf kommunaler Ebene. Der Traum vom dritten Weg der Sandinisten ist lange ausgeträumt. Für Daniel Ortegas so genannten neuen Sandinismus, eine bizarre Mischung aus Religiosität, prinzipienloser Machtpolitik, Populismus und fremdfinanzierten Sozialprogrammen, will sich auch Gaby Gottwald nicht mehr engagieren. Die 80er-Jahre nennt die 53-Jährige die intensivste Zeit ihres politischen Lebens. "Es hat sich gelohnt, was wir gemacht haben. Aber es ist auch vorbei."

Nicaragua hat längst seine Strahlkraft verloren. Heute ist es eines von vielen bitterarmen Ländern - nicht mehr und nicht weniger.

Autor: Bernd Gräßler

Redaktion: Kay-Alexander Scholz

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