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Deutschland

"Soldaten haben Angst Schwäche zu zeigen"

Die Zahl der Bundeswehrsoldaten, bei denen nach einem Auslandseinsatz eine psychische Belastungsstörung festgestellt wird, steigt. Dabei sei die Versorgung eigentlich gut, sagt ein Ex-Bundeswehrarzt.

DW: Herr Biesold, nach Angaben der Bundeswehr sind die psychischen Neuerkrankungen von Soldaten, die im Auslandseinsatz waren, 2014 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 25 Prozent gestiegen. Mit welchen Problemen kehren diese Männer und Frauen aus dem Einsatz zurück?

Karl-Heinz Biesold: Sie kommen mit allgemeinen Stresserkrankungen und Belastungsstörungen zurück. Davon ist die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) sicher das bekannteste Krankheitsbild. Es gibt auch Soldaten die entwickeln Depressionen oder Angststörungen. Manche kriegen Suchtprobleme im Nachhinein, weil sie das, was sie erlebt haben, so nicht verarbeiten.

Anpassungsstörungen an die Situation wieder daheim gibt es auch. Für viele ist das ein Problem, da sie im Auslandseinsatz Dinge erleben, die sie so bisher in diesem Ausmaß nicht gekannt haben: Not, Elend, Zerstörung, Tod, Verwundung. Und wenn sie dann nach Hause kommen, müssen sie sich erst mal wieder an das normale Umfeld gewöhnen. Das fällt eben manchen schwer.

Gibt es bestimmte Faktoren, die dafür verantwortlich sind, dass einige Soldaten diese Probleme kriegen und andere nicht?

Karl-Heinz Biesold, Bundeswehrkrankenhaus Hamburg (Foto: privat)

Ex-Bundeswehrarzt Karl-Heinz Biesold

Da gibt es viel Forschung drüber. Die meisten Menschen, die traumatisierende Erlebnisse haben, nicht nur Soldaten, verarbeiten das. Nur der geringere Prozentsatz entwickelt Krankheiten. Ich denke eines, was immer ganz wichtig ist, ist das Ausmaß sozialer Unterstützung, das man erfährt, nachdem einem etwas Schlimmes passiert ist. Das beeinflusst sehr, ob etwas verarbeitet wird, oder in der Verarbeitung stecken bleibt. Darauf fußen auch beim Militär die ganzen Unterstützungsprogramme.

Wie wird denn den Soldaten bei der Bundeswehr geholfen? Was sind die Angebote, wer trägt die Kosten?

Es gibt ein ganzes Versorgungspaket. Das fängt mit der Einsatzvorbereitung an, dass man Leute darauf vorbereitet, dass sie solche Belastungsstörungen kriegen können. Sie bekommen gesagt, wie sie sich selbst schützen können, wie man sich auch selbst entspannt und reguliert. Sie werden auf die Unterstützungskräfte hingewiesen, die bei den Auslandseinsätzen dabei sind. Auch da werden die Soldaten psychologisch, seelsorgerisch und medizinisch betreut.

Wenn sie dann zurückkommen, gibt es Nachbereitungsseminare, sowie medizinische und psychologische Nachuntersuchungen. Wenn die Soldaten krank sind, kommen sie in das normale medizinische Versorgungssystem hinein wie körperlich Verletzte auch. Natürlich zahlt das die Bundeswehr.

Wie hat sich die Akzeptanz innerhalb des Militärs in den letzten Jahren verändert - werden psychische Probleme mehr anerkannt als früher?

Bei den Soldaten gibt es die Angst: 'Wenn ich Schwäche zeige, wenn meine Belastbarkeit eingeschränkt ist, psychisch wie auch körperlich, dann kann es Nachteile für meine Karriere geben.' Da haben wir sehr viel Aufklärungsarbeit geleistet, nicht nur bei den Soldaten, sondern auch bei den Vorgesetzten. Ich würde schon sagen, dass die Akzeptanz besser geworden ist, und dass man auch bereit ist, solche Soldaten zu integrieren, genauso wie man körperlich Verwundete versucht zu integrieren.

Wir haben in den letzten fünf Jahren deutlich steigende Zahlen von Soldaten gehabt, die mit Problemen aus dem Auslandseinsatz zurück kamen. Das ist vom Psychotrauma Zentrum in Berlin untersucht worden, in Zusammenarbeit mit der Universität in Dresden. Diese höhere Anzahl hat nicht nur damit zu tun, dass die Belastung zugenommen hat, sondern auch damit, dass sich mehr Soldaten, die diese Probleme haben, auch melden. Die Dresdner haben aber auch geschätzt, dass immer noch nur ungefähr die Hälfte der Soldaten, die Probleme haben, ins Versorgungssystem kommt.

Wie steht das Auffangsystem der Bundeswehr da im Vergleich zu der Hilfe für Soldaten in anderen Ländern?

Ich glaube, dass wir im internationalen Vergleich schon sehr gut dastehen. Jetzt muss man sagen, dass wir überhaupt ein vorbildliches Gesundheitsversorgungssystem haben, sodass in Deutschland ein Auffangen auch im zivilen Bereich ja deutlich besser geregelt ist als zum Beispiel in England oder den USA. Die Amerikaner sind ja auch, weil sie ein ganz anderes Krankenkassensystem haben, angewiesen auf die vom Militär, beziehungsweise von den Veteranenverbänden organisierten medizinischen Versorgungssysteme.

Es gab bei uns eine Zeit lang noch Probleme, was die Regelung der Versorgungsleistung von ehemaligen Soldaten anging, weil wir bei uns im Militärsystem nur die Versorgung der aktiven Soldaten drin haben - und auch nicht die der Angehörigen. Da wird jetzt aber nachgebessert.

Karl-Heinz Biesold ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Von 2000 bis 2012 war er Leitender Arzt der Abteilung für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychotraumakologie am Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg. Biesold war für die Bundeswehr unter anderem im Kosovo und in Afghanistan im Einsatz. Seit Juni 2012 ist er im Ruhestand.

Das Interview führte Carla Bleiker.

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