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Deutschland

"Solche Handlungen gehören zum Alltag"

Die Bilder von Bundeswehrsoldaten, die mit Totenschädeln in Afghanistan posieren, haben einen Aufschrei hervorgerufen. Die Sozialpsychologin Kristin Platt bezeichnet solche Handlungen als 'typisches Phänomen'.

Bundeswehr-Panzer in Afghanistan

Auf der Suche nach dem unsichtbaren Feind

DW-WORLD : Waren Sie überrascht, als Sie von den Totenschändungen deutscher Soldaten in Afghanistan gehört haben?

Kristin Platt: Nein, solche Handlungen gehören mittlerweile zum Alltag. Natürlich erschreckt man sich, wenn solche Bilder durch die Medien gehen. Aber ich denke, es ist ein ganz typisches Phänomen dieses Einsatzes in so genannten Krisenregionen.

Wieso denken Sie, dass es typisch ist?

Das Militär ist nach wie vor ein extrem autoritäres System. Es ist ein System, das von Abwertung und Aufwertung geprägt ist. Die Idee ist zwar heute, dass wir Soldaten haben, die Sicherheitsaufgaben ausführen, die in erster Linie dazu da sind, sich zu schützen und andere zu schützen. Doch die Männer werden weiterhin zu Soldaten ausgebildet, die in den Krieg ziehen, und nicht zu Sicherheitspolizisten. Wir unterschätzen in der Regel, dass die Militärerziehung auch eine Erziehung zu Gewalt und zum Töten ist. Es werden klare Feindbilder etabliert, die dazu dienen, den anderen zu entwerten. Früher wurde das mit nationalen Bildern gemacht. Heute ist das Feinbild viel extremer. Es ist nicht mehr auf Nationalitäten und Kämpfende beschränkt, sondern trifft auch Zivilisten, denn jeder ist ein potentieller Bombenträger.

Glauben Sie, dass bei den Soldaten in Afghanistan Aggressivität der Auslöser war?

Nein, das glaube ich nicht. Ich denke, dass Frustration der Auslöser war. Auch hier liegt das Problem darin, dass die Soldaten Aufgaben haben, für die sie nicht ausgebildet sind. Sie wollen sich dort bewähren, kommen aber letztendlich nicht wirklich zum Einsatz. Sie fühlen sich als Soldaten, leben aber in ihren Kasernen relativ abgeschnitten. Sie wissen, wenn sie rausgehen, sind sie Zielscheiben. Sie leben in einer Bedrohungssituation. Aber es kommt nicht zum Konflikt. Man wartet, dass irgendwas passiert. Und dieses Warten und die Frustration in diesem Warten, zusammen mit dem Problem, dass man aufgrund der Hierarchie die Aufgabe selber nicht hinterfragen kann, führt so solchen Handlungen. Gerade die jungen Männer, die noch nicht so lange dabei sind, wollen sich im Einsatz beweisen, um in dem geschlossenen System des Militärs ihren Platz zu behaupten. Doch es kommt nicht dazu.

Ein weiterer Punkt ist zudem, dass man bei einer solchen Handlung den Feind endlich mal in der Hand hat, ihn sichtbar gemacht hat. Der Feind dort ist unsichtbar. Er kann eine Frau sein oder ein Kind. Jeder Mensch auf der Straße ist ein potentieller Selbstmordattentäter. Man kann niemandem trauen.

Was müsste die Bundeswehr denn tun, um solchen Aktionen entgegen zu wirken?

Ich glaube nicht, dass die Bundeswehr Interesse hat, etwas an der militärischen Ausbildung bzw. Erziehung zu ändern. So ein Handeln wird verurteilt, aber es ist nicht wirklich störend, ganz im Gegenteil. Es ist zwar unangenehm, wenn so etwas nach außen dringt, wenn die Leute ihre Aggressionen nicht im Kraftraum abbauen, sondern auf diese Weise. Aber es ist nicht etwas, was die militärische Aufgabe selbst empfindlich stört.

Kristin Platt ist Sozialpsychologin am Institut für Diaspora- und Genozidforschung an der Ruhr-Universität Bochum.

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