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Filme

Soap für Anspruchsvolle: Sönke Wortmanns "Charité" startet

Krankenhausserien sind Klassiker deutscher Fernsehunterhaltung. Sönke Wortmanns sechsteilige TV-Serie will sich aber von den anspruchslosen Vorbildern abheben. Das gelingt nur zum Teil.

Deutschland Fernsehserie Charité (ARD/Nik Konietzny)

Der berühmte Pathologe Rudolf Virchov (Ernst Stötzner) am Arbeitsplatz, im Hintergrund Ida Lenze (Alicia von Rittberg)

Froh ist man beim Zuschauen darüber, dass heute alles anders ist. Krank sein war früher noch viel schlimmer. Es war eine Katastrophe. Das ist eine Erfahrung, die wohl jeder Zuschauer der sechsteiligen Serie "Charité" machen dürfte, die heute (21.3.) im Ersten Deutschen Fernsehen (ARD) startet. Und das ist auch das Pfund, mit der die Serie wuchern kann. Die Kerngeschichte, die Regisseur Sönke Wortmann und sein Team in "Charité" erzählen, dürfte viele Fernsehzuschauer ansprechen.

Historisches und Fiktives in aufwendiger TV-Produktion

"Charité" ist im sogenannten Drei-Kaiser-Jahr 1888 angesiedelt, in dem das Deutsche Reich innerhalb kurzer Zeit drei Kaiser zu verkraften hatte. Die Serie zeigt Geschichte und Geschichten aus dem berühmten gleichnamigen Berliner Krankenhaus. Sie vereint Authentisches und Fiktives, stellt berühmte Ärzte und deren bahnbrechende Leistungen in den Mittelpunkt und verzahnt diese "wahren Geschichten" mit den fiktiven Lebensläufen weiterer Figuren.

Deutschland Fernsehserie Charité - Drehbilder (ARD/N. Konietzny)

Kamermamann Holly Fink (l.) und Sönke Wortmann beim Dreh von "Charité"

Aus der Perspektive der jungen (fiktiven Figur) Ida Lenze, die zunächst mit einer lebensbedrohlichen Krankheit in die Charité eingeliefert und dort gerettet wird, und die dann als Schwesternhelferin in der Charité arbeiten muss, ist das Fernseh-Epos erzählt. Die vier berühmten Ärzte und Forscher, die im Mittelpunkt der Erzählung stehen, gab es hingegen tatsächlich. Es sind der berühmte Pathologe und sozial engagierte Politiker Rudolf Virchow, der jüdische Arzt und Forscher Paul Ehrlich, der Entdecker des Tuberkulose-Erregers Robert Koch sowie der Militärarzt Emil Behring. Letztere drei erhielten später den Medizin-Nobelpreis.

Drehbuchautorinnen: "Bahnbrechende Forschungen"

Um dieses Personen-Ensemble haben Wortmann und seine beiden Drehbuchautorinnen ein Handlungskorsett gestrickt, das dem Zuschauer historische Medizingeschichte, amouröse Verstrickungen und Krankenhausalltag unterhaltsam nahe bringt. "Warum gerade diese kurze Phase der Klinikgeschichte? Zum einen kreuzten sich damals an der Charité die Wege von vier bahnbrechenden Forschern", erläutern die beiden Autorinnen der TV-Saga Dorothee Schön und Sabine Thor-Wiedemann und fügen hinzu: "Zum anderen steht dem wissenschaftlichen Höhenflug der Charité die brutale Wirklichkeit eines Armenkrankenhauses entgegen, das am Ende des 19. Jahrhunderts so marode war, dass sogar die neu gegründeten Krankenkassen öffentlich zum Boykott aufriefen."

Deutschland Fernsehserie Charité - Drehbilder (ARD/N. Konietzny)

Konkurrenz in der Klinik: Behring, Robert Koch (Justus von Dohnányi) und Ehrlich

Die "Charité" ein Armenkrankenhaus? Das dürfte für viele Zuschauer, die das heutige Hospital im Herzen der deutschen Hauptstadt vor allem als Vorzeigekrankenhaus kennen, eine Überraschung sein. Doch damals war das anders - auch wenn es andernorts in Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts noch viel schlimmer zuging. Aber auch die Zustände in der Charité waren - verglichen mit heutigen medizinischen Standards - katastrophal: "Die Klinik verfügte weder über elektrisches Licht noch über fließendes Wasser. Geheizt wurde mit Torf und operiert bei Gaslicht, nachts auch bei Kerzenschein", so das Autorinnen-Duo.

Kampf gegen frühe Sterblichkeit

Und die Autorinnen zählen weitere Missstände der Zeit auf: "Das Röntgen war noch nicht erfunden, Antibiotika und Bluttransfusionen waren unbekannt, ebenso die intravenöse Verabreichung von Medikamenten." Narkose und Desinfektion hätten noch in den Kinderschuhen gesteckt, die Säuglings-Sterblichkeit habe bei 60 Prozent gelegen. Vor diesem Hintergrund gestaltete sich der Alltag in der Klinik dramatisch. Doch der Forschung war Tor und Tür geöffnet. Die wissenschaftlichen und medizinischen Fortschritte, zu denen insbesondere die vier berühmten Mediziner damals beitrugen, waren gewaltig.

Deutschland Fernsehserie Charité - Drehbilder (ARD/N. Konietzny)

Bei den Dreharbeiten: Emil Behring (Matthias Koeberlin, l.) und Paul Ehrlich (Christoph Bach) bei einer Behandlung

Eine Neuauflage der populären deutschen Fernsehserie "Schwarzwaldklinik" aus den 1980er Jahren in historischem Gewand ist "Charité" also nicht. Dafür steckt zu viel Geschichte in der Serie, die sich auch um eine Ausmalung von Zeitkolorit und politischen Hintergrund bemüht. Trotzdem hat auch "Charité" eine Menge unterhaltenden Herz-Schmerz zu bieten, so dass die Zuschauer nie allzu lange mit dem düsteren Alltag im Krankenhaus konfrontiert werden. Eine Liebschaft nach einer tödlich verlaufenen Operation hier, ein Eifersuchtsdrama nach den neusten Schreckensnachrichten aus dem OP dort - auf jede Härte folgt in "Charité" ein wenig Ablenkung.

Unterhaltung für breite Publikumsschichten

Die Serie ist für ein großes Publikum konzipiert. Als "Eventserie" bewirbt die ARD den aufwendigen Fernsehmehrteiler dann auch selbst, wohl wissend, dass der Begriff "Eventfernsehen" für populäre TV-Unterhaltung steht und nicht für künstlerisch ambitioniertes Fernsehen. Mediengeschichte wird "Charité" sicher nicht schreiben, doch bietet die von Regisseur Sönke Wortmann in Szene gesetzte Serie Unterhaltung mit Niveau. Erfreuen kann sich das Publikum an einer Reihe großartiger Darsteller. Und vor allem wartet "Charité" mit einem hochinteressanten Sujet auf. Das dürfte die Meisten interessieren. Krank ist schließlich jeder mal.

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