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Globale Zusammenarbeit

So reagiert der Körper auf Hunger

Wenn der richtige Schalter im Gehirn umgelegt wird, kann ein Mensch eine ganze Weile ohne Nahrung auskommen. Die Tragik: Gerade bei Kranken, Schwachen und Kindern funktioniert dieser Mechanismus oft nicht.

Der Organismus hat ein Notprogramm für schlechte Zeiten

Der Organismus hat ein Notprogramm für schlechte Zeiten

Die Evolution hat den Menschen auf Phasen ohne ausreichendes Nahrungsangebot vorbereitet. Bis zu zwei oder gar drei Monaten kann ein Mensch ohne Nahrung überleben – vorausgesetzt, er hat genügend Wasser und ist gesund. "Wir alle sind ausgesuchte Hungerkünstler", erläutert Joachim Gardemann, Professor für Humanbiologie und humanitäre Hilfe an der Fachhochschule Münster. "Hunger ist keine Krankheit, sondern eine Kompetenz des menschlichen Körpers." Mit Blick auf hungernde Menschen in Afrika mag das zynisch klingen, doch aus Sicht des Mediziners handelt es sich um eine überlebenswichtige Strategie des menschlichen Organismus.

Ein unethisches Hungerexperiment

Was die Wissenschaftler über den Hunger wissen, basiert zu einem großen Teil auf einem Experiment, das heutzutage gar nicht mehr denkbar wäre: Jede Ethikkommission würde es sofort unterbinden. Mitte der 1940er Jahre untersuchte der US-amerikanische Wissenschaftler Ancel Keys, was der Hunger mit dem Menschen macht. 36 Versuchspersonen nahmen dabei drei Monate lang nur die Hälfte der Kalorien zu sich, die sie eigentlich benötigten. Keys' Ziel war es, dass jeder Proband während dieser Zeit ein Viertel seines Gewichts verlor. In den darauffolgenden drei Monaten baute er die Versuchspersonen mit unterschiedlichen Speiseplänen wieder auf.

Vor allem die psychischen Wirkungen von ständigem Hunger wurden deutlich. Viele Männer zogen sich zurück und wurden apathisch. Der Hunger überdeckte alles, sie interessierten sich nur noch für Dinge, die mit dem Essen zu tun hatten. Einige träumten sogar von Kannibalismus. Gleichzeitig waren ihre Sinne auf Äußerste geschärft: Die Versuchspersonen vermochten sehr viel besser zu riechen und zu hören als vor Studienbeginn.

Das Gehirn kennt die Tricks

Die Hungerzentrale im Gehirn wird aktiv

Die Hungerzentrale im Gehirn wird aktiv

Eine zentrale Rolle für die Geschehnisse im menschlichen Körper bei Hunger spielt das Hungerzentrum im Hypothalamus. Die Stoffwechsel-Zentrale im Gehirn wird aktiv, sobald der Blutzuckerspiegel fällt. Als erste Maßnahme sorgt dieser Teil des Gehirns dafür, dass die Nebenniere das Stresshormon Adrenalin ausschüttet – damit der Mensch alle Kräfte mobilisieren kann, um erfolgreich auf Nahrungssuche zu gehen. Wird keine Nahrung zugeführt, greift das Gehirn zu Plan B.

Um zu funktionieren, braucht das Gehirn Traubenzucker, also Glucose. Obwohl das Gehirn nur zwei Prozent der Körpermasse eines Menschen ausmacht, beansprucht es etwa die Hälfte des Glucoseverbrauchs im Körper. Also sichert sich das Gehirn durch einen Trick die gesamten Glucosevorräte. Und der geht so: Ohne Insulin kann Glucose nicht in die Muskeln gelangen. Also gibt das Gehirn das Signal, die Insulinausschüttung zu stoppen. Resultat: Die Muskeln gehen leer aus. "Das Gehirn steuert den Stoffwechsel so, dass es selbst überlebt", sagt Joachim Gardemann. "Jedes Organ schrumpft während starken Hungers auf etwa die Hälfte seines ursprünglichen Gewichts, bis der Tod eintritt. Nicht so das Gehirn: Es nimmt maximal um zwei bis vier Prozent ab." Kein Wunder, wenn das Gehirn sich die Glucosereserven exklusiv sichert…

Dauert der Nahrungsentzug weiter an, greift der Körper auf Eiweiß zur Energiegewinnung zurück. Auch diese Maßnahme geht zu Lasten der Muskeln, die zu einem großen Teil aus Eiweiß bestehen. Der Körper kann nämlich aus kleingehackten Eiweißen, den Aminosäuren, Traubenzucker herstellen. Also geht der Körper dazu über, die Aminosäuren der Muskeln zu Glucose umzubauen. "Wir brauchen gar nicht so viel Muskelmasse wie wir im wohlgenährten Zustand haben", erläutert der Wissenschaftler, "Muskeln sind nichts anderes als Eiweißspeicher." Zunächst kann der Mensch den Muskelabbau also verschmerzen.

Warum man Hunger riechen kann

Nach acht bis zehn Tagen stellt der Körper seinen Stoffwechsel auf eine Art Energiesparprogramm um: Wesentliche Aktivitäten werden heruntergefahren, laufen auf Sparflamme: Herzfrequenz, Blutdruck und Körpertemperatur sinken - ähnlich wie bei einem Tier in Winterschlaf. "Das ist bei verringertem Nahrungsangebot ja auch das Beste, was sie machen können", urteilt Joachim Gardemann.

Daneben geht der Körper dazu über, seine Fettdepots anzuzapfen. Dazu baut er Fettsäuren zu sogenannten Ketonkörpern um. Diese Ketonkörper sind eine äußerst wichtige Energiequelle und machen das Überleben in Hungerzeiten überhaupt erst möglich, denn sie sind die einzigen Verbindungen, die das Gehirn neben Glucose überhaupt verwerten kann. Den Umstand, dass der Stoffwechsel eines Hungernden auf die Fettdepots zurückgreift, kann man mitunter sogar riechen. Denn zu den Ketonkörpern, die über die Niere und die Atemluft ausgeschieden werden, gehört auch Aceton mit seinem charakteristischen Nagellack-Geruch.

Mit anhaltender Dauer des Hungerns treten immer mehr negative Folgen auf: Die Barrierefunktion der Haut lässt nach, das Immunsystem wird schwächer, Entzündungen machen sich breit. Am gravierendsten ist, dass der Körper auch den Herzmuskel allmählich zu Gehirnfutter umbaut – und ebenso alle anderen lebenswichtigen Organe, denn auch sie bestehen zu einem großen Teil aus Eiweißen. Nach einer Weile ist der Mensch nur noch Haut und Knochen, Kinder sehen dann aus wie alte Leute. Der Mensch stirbt, wenn seine Organe versagen. "Oft ist es das Herz, das zuerst aufgibt", sagt Gardemann, "Da hat man ein hungerndes Kind im Arm, es schaut einen an - und von einer Sekunde auf die andere ist es tot."

Kinder haben in Hungerzeiten oft nichts zuzusetzen (Foto: dpa)

Kinder haben in Hungerzeiten oft nichts zuzusetzen

Voraussetzung für die Umstellung auf den Hungerstoffwechsel

Der Mensch kann nur dann maximal drei Monate hungern, wenn sich der Stoffwechsel wie beschrieben umprogrammiert hat: Das Gehirn stellt sich zum Teil auf Ketonkörper als Energiequelle um. Das heißt, es braucht weniger Glucose, die Eiweißreserven in den lebenswichtigen Organen werden geschont. Voraussetzung dazu ist, dass der Körper das nötige Hungersignal, also den Stopp der Insulinausschüttung, gegeben hat. Aber genau das klappt nicht immer, schildert Joachim Gardemann. "Leidet jemand an Malaria, AIDS oder anderen Krankheiten, hat er so viele Entzündungsstoffe im Blut, dass die Bauchspeicheldrüse weiterhin Insulin ausschüttet." Und das bedeutet, dass der Hungerstoffwechsel nicht in Gang kommt. Die Folge: Der Körper baut innerhalb kürzester Zeit das gesamte Eiweiß ab, Ketonkörper als Energielieferant entstehen keine, die Fettreserven bleiben unangetastet.

Sehr schnell sind alle Eiweiße, die den Menschen am Leben halten, dem Glucosehunger des Gehirns zum Opfer gefallen. Ein Kind, das es nicht schafft, seinen Stoffwechsel umzustellen, weil es zum Beispiel einen Infekt hat, "ist ein paar Wochen später bereits tot", sagt Mediziner Gardemann.

Autorin: Brigitte Osterath/ Birgit Görtz
Redaktion: Matthias von Hein