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Deutschland

So leben die Deutschen in 25 Jahren

Nach etlichen Enttäuschungen 2012 ruht viel Hoffnung auf 2013. Politik und Wirtschaft suchen nach möglichst verlässlichen Zukunftsvisionen. Eine führende deutsche Trendforscherin blickt 25 Jahre voraus.

Selbst im Jahr 2037 wird man nicht zur Arbeit fliegen oder vom Mars Gemüse beziehen. Die wesentliche Veränderung wird in einer noch viel tiefgreifenderen Vernetzung der Menschen liegen. Die heutigen Ängste vor Datenmissbrauch oder Überwachung schwinden, und die Vorteile des Datenaustauschs werden das Leben entscheidend verändern und verbessern. Arbeit, Freizeit und Familie sind leichter zu vereinbaren. Gesünder leben wird selbstverständlich. Die Arbeitswelt allerdings entwickelt sich für die Menschen in Deutschland noch wettbewerbsorientierter, der Sozialstaat zieht sich weiter zurück und die Kluft zwischen Armen und Reichen wird noch deutlicher sicht- und fühlbar werden als heute.

Birgit Gebhardt ist sich sicher, dass ihr Ausblick auf das nächste Vierteljahrhundert sehr realistisch ausfällt. Ihre Begründung: "Die Menschen mit ihren Sehnsüchten und Bedürfnissen werden gleich bleiben." Die technischen Trends, die heute bereits erkennbar sind, werden sich weiterhin an den Menschen und an den Vorteilen orientieren, die sie suchen.

Birgit Gebhardt (Foto: privat)

Trendforscherin Birgit Gebhardt

Birgit Gebhardt leitete als Geschäftsführerin mehrere Jahre das Trendbüro Hamburg. Es wurde vor 20 Jahren gegründet und entwickelte sich unter dem Soziologen Matthias Horx und dem Kommunikationsexperten Peter Wippermann zum führenden Beratungsunternehmen für gesellschaftlichen Wandel in Deutschland.

Die Vorhersagen des Trendbüros stützten sich stets auf bereits vorliegende Daten von Ministerien und Verbänden. Die Studien werden weitergedacht, und die aus diesen Daten entwickelten Zukunftsszenarien treten meist auch ein. Birgit Gebhardt ging für ihr Buch "2037 - Unser Alltag in der Zukunft" genau so vor: Zwei Autoren recherchierten Fakten, und Gebhardt entwarf im Auftrag der Körber-Stiftung daraus, wie das Leben in Deutschland in 25 Jahren aussehen könnte.

Leben und Alltag im Jahr 2037

Neue, bezahlbare Dienstleistungen unterstützen die Menschen beim Einkauf, bei der Betreuung von Kindern und von pflegebedürftigen Angehörigen. Roboter erleichtern die Altenpflege, übernehmen schweres Heben, kontrollieren Gesundheitswerte und schlagen im Notfall Alarm. Psychopharmaka einzunehmen, um leistungsfähig zu sein oder die Stimmung aufzuhellen, wird wesentlich selbstverständlicher sein als heute. Beim Eigentum steht ein deutlicher Wertewandel bevor: Teilen statt Besitzen. Tauschen statt Kaufen. Was heute noch viel Geld verschlingt, wird dadurch bezahlbarer.

Mann klickt Symbole auf durchsichtigem Touchscreen an (Foto: Fotolia/Photo-K)

Im ganzen Leben vernetzt - die Zukunft

Städte sind weiterhin die bevorzugten Wohnorte. Computergesteuerte Elektroautos ermöglichen in den Ballungszentren die Fortbewegung. In Hochhäusern wird Energie erzeugt oder Gemüse gezüchtet. Vertikal angelegte Gärten sorgen für ein besseres Klima. Öffentliche Einrichtungen sind weiter verkommen oder werden - vor allem im Kulturbereich - komplett von Unternehmen gesponsert.

Immer mehr Menschen wohnen in "Gated areas", in mit Mauern und von Wachdiensten abgeschirmten Stadtvierteln. Dort schotten sie sich gegen die "Verlierer der Gesellschaft" ab, also gegen unqualifizierte Arbeitslose und gegen Migranten, deren Anzahl dramatich angestiegen sein wird. Soziale Konflikte durch die gescheiterte Integration werden das beherrschende politische Thema sein.

Dafür sind Nachbarschaftsformen wie das Mehrgenerationenwohnen verbeitet. Digitale Visitenkarten erleichtern das Kennenlernen. Auf Smartphones, Tablets oder über Spezialbrillen wird die Realität durch mobile Hinweise ergänzt: Scanner mit Erkennungssoftware werden dann anzeigen, wo man bestimmte Produkte zu welchem Preis kaufen kann. "Die Umgebung wird zum Kaufhaus", schwärmt Trendforscherin Birgit Gebhard. Waren werden verstärkt nur auf Nachfrage produziert und wesentlich individueller hergestellt. Der Konsument wird zum Produzenten.

Arbeit, Wirtschaft und Politik in einem Vierteljahrhundert

Viele Menschen arbeiten an einem Tisch an Computern (Foto: Getty Images)

Das Leben wird gemeinsam bewältigt - aber die Konkurrenz wird härter

Das von der Zukunftsforscherin Gebhardt entworfene Szenario für das Jahr 2037 geht davon aus, dass das kapitalistische Grundsystem weiter besteht. Die digitalen Möglichkeiten bringen allerdings mehr Wettbewerb. Weltweit stimmen sich dann rund um die Uhr Unternehmer im Internet ab über die Lösung von ausgeschriebenen Aufgaben - und bewerben sich danach sofort um das nächste Projekt. "Das wird ablaufen wie in einer 'Inner Cloud'", prognostiziert Birgit Gebhardt. Der 'klassische' Angestellte ist in der Zukunft eine absolute Ausnahme.

Mehrere Jobs zu machen, um finanziell abgesichert zu sein, wird ebenfalls zum Alltag vieler Menschen gehören. Das bedeutet: ständig dazulernen und Beratungsangebote nutzen. Arbeiten bis ins hohe Alter wird eine allgemein akzeptierte Selbstverständlichkeit sein. Berufserfahrung wird durch den immer schnelleren Wandel der Anforderungen und durch die Verlagerung von Wissen in vernetzten Unternehmen zunehmend unbedeutender. Gefragt ist dann der Generalist, der ebenso vernetzt und analytisch denken kann - und das gesamte Bildungssystem wird sich darauf einstellen müssen.

Im Gegenzug wird das Wirtschaftssystem dafür sorgen, dass Ruhephasen oder Auszeiten möglich sind. Im Wettbewerb um Fachkräfte werden diese Vorteile zentraler sein als regelmäßige Gehaltssteigerungen.

Berufliches und Privates verschmilzt. Die Frage nach dem tieferen Sinn von Tätigkeiten wird Erwerbsbiografien stärker bestimmen. Die staatlichen Strukturen werden sich nach den wirtschaftlichen Erfordernissen verändern: Die heutige föderale Struktur in Deutschland sieht die Autorin des Zukunftbildes 2037 nicht auf Dauer zementiert. Der Sparzwang bleibt, und so werden viele Lebensbereiche zentral geregelt.

Chancen für Optimisten

Projektzeichnung für einen Garten in der Luft, vertical farm. (Foto: verticalfarm.com)

Entwurf: Gärten in der Stadt der Zukunft

"In so einer Welt möchte ich eigentlich nicht leben, sagen mir viele Menschen", gibt Birgit Gebhardt zu. Überall dort, wo sie ihre Zukunftsvision vorgestellt hat, ging ein Zucken durch den Kreis der Zuhörer, erzählt sie. Ihre Leser befürchten eine zunehmende Ich-Bezogenheit, Vereinsamung und Verrohung. Gebhardt meint jedoch, mehr Positives als Negatives aufgezeigt zu haben: "Mir war daran gelegen, die Chancen zu zeigen." Sie freut sich auf die nächsten Jahrzehnte. Man dürfe nur keine Angst haben, Neues zu probieren, dann habe man auch nichts zu befürchten, glaubt sie. Deutschland wird sich verändern, die Liebe aber wird bleiben: "Sie wird technischer und weniger dem Zufall überlassen, aber die Romantik wird nicht verschwinden." Ein Hoffnungsschimmer.