So bestimmen Ärzte das Alter von Menschen | Wissen & Umwelt | DW | 03.01.2018
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Medizin

So bestimmen Ärzte das Alter von Menschen

Ärzte und Politiker diskutieren kontrovers, ob es gerechtfertigt ist, das Alter von Menschen medizinisch zu bestimmen, die keine Ausweispapiere mehr haben. Aber wie exakt lassen sich unsere Lebensjahre überhaupt ablesen?

Mit dem Wachstum und zunehmendem Alter verändert sich unser Körper, kontinuierlich. Besonders stark sind diese Veränderungen in der Kindheit ausgeprägt. Nach der Pubertät werden die Veränderungen immer weniger deutlich. Der erwachsene Körper eines Menschen verändert sich nur noch langsam. Daraus folgt, dass mit dem Erwachsenwerden eine präzise Altersbestimmung für Ärzte immer schwieriger wird und die Ungenauigkeit immer größer.

Es gibt viele Indizien, anhand derer Ärzte das Alter eines Menschen einschätzen können. All diese können aber nur grobe Schätzungen sein, denn nicht jeder Mensch altert gleich schnell. Es gibt sogar Erkrankungen, die mit einem deutlich beschleunigten oder verlangsamten Wachstum einhergehen.

Das kann sowohl die körperliche als auch die geistige Reife eines Menschen betreffen. Insofern muss ein Arzt, der ein entsprechendes Gutachten verfasst, viele Aspekte berücksichtigen: die Persönlichkeit, emotionale und psychische Entwicklung, das Wachstum von Knochen und Zähnen, die Entwicklung primärer Geschlechtsmerkmale. 

Vergleich der Knochenentwicklung mit Referenztabellen

Ein relativ starker Indikator für das Alter eines Menschen bis zu etwa 17 Jahren ist die Entwicklung der Handwurzelknochen sowie der weiteren Knochen in der Hand und ihrer Abstände voneinander. Während ein neugeborenes Baby praktisch gar keine Handwurzelknochen aufweist, hat erst ein "erwachsener" Mensch ein voll ausgebildetes Handgelenk mit allen acht Handwurzelknochen.

Ist die Hand einmal vollständig ausgebildet, liegen diese auch immer enger beieinander. Auch die Abstände zwischen den Fingerknochen werden an den Gelenken immer geringer.

Eine präzise Altersbestimmung ist allerdings auch mit dieser Methode nicht möglich. Der Wachstumsprozess ist üblicherweise bei Jungen mit 16 bis 18 Jahren abgeschlossen, bei Mädchen mit 15 bis 17 Jahren.

Liegt ein nicht vollständig ausgebildetes Handgelenk vor, kann ein Arzt folglich mit großer Zuversicht sagen, dass der oder die Betroffene noch nicht oder gerade erst erwachsen geworden ist - also in der Regel noch nicht das 18. Lebensjahr überschritten hat. Andersherum ist die Unsicherheit aber größer: Nur weil das Handgelenk voll ausgebildet ist, muss der oder die Betroffene noch lange nicht volljährig sein.

Erfahrene Ärzte können anhand dieser Methode das Alter mit einer Schwankungsbreite von etwa zwei bis drei Jahren feststellen. Wäre der Sinn einer Untersuchung nun die Frage, ob jemand nach Jugendstrafrecht verurteilt wird, müssten Gerichte im Zweifel den Wert nach unten anpassen.

Angenommen ein Arzt begutachtet das Alter auf 20 Jahre, müsste ein Gericht dann davon ausgehen, dass der Betroffene noch unter 18 ist. Ähnlich wäre es mit der Behandlung alleinreisender Minderjähriger, die dann besondere Unterstützungsleistungen bekommen müssten.

Eine besondere Bedeutung bei der Bestimmung der Volljährigkeit kommt auch der Frage zu, wie weit sich eine Wachstumsfuge zwischen dem Brustbein und dem Schlüsselbein bereits geschlossen hat. Diese schließt sich nämlich erst etwas später, zwischen 20 und 24 Jahren. Damit wäre dies ein deutliches Indiz für Volljährigkeit.

Das Gebiss sagt viel aus

Genauso aussagekräftig wie das Handgelenk und das Brust- und Schlüsselbein, ist das Gebiss. Bei Kindern lässt sich sehr gut die Entwicklung verfolgen: von den Milchzähnen bis hin zum erwachsenen Gebiss. 

Geht es um die Feststellung der Volljährigkeit untersuchen die Ärzte vor allem die Ausbildung der Weisheitszähne - sie wären ein Indiz dafür, dass es sich um einen Erwachsenen handelt. Auch der Mineralisierungsgrad der Zähne verändert sich mit dem Alter. Das wirkt sich darauf aus wie transparent die Zähne wirken. Allerdings ist gerade dies auch stark von der Ernährung abhängig.

Ist jemand etwa in einer Region mit hohem natürlichem Fluoranteil im Trinkwasser oder im Boden aufgewachsen, können die Zähne viel fester sein als bei anderen Gleichaltrigen aus Regionen mit ärmerem Mineralanteil im Wasser.

Entwicklung der sexuellen Geschlechtsmerkmale

Die Grundlagen für die Altersbestimmung anhand der Körperentwicklung von Kindern und Jugendlichen hatte der britische Kinderarzt James M. Tanner in den 1960er Jahren gelegt. Neben detaillierten Listen zur Knochenentwicklung beschäftigte er sich auch mit der Entwicklung der primären Sexualmerkmale, etwa der Brüste, Genitalien und der Schambehaarung.

Auf dieser Grundlage entwickelte der Arzt die sogenannten Tanner-Stadien - fünf Wachstumszustände von vorpubertär bis hin zu erwachsen. Auch diese Stadien können Ärzten bei ihrer Begutachtung helfen. Allerdings sagen die Stadien selbst nichts über das Alter aus, weil nicht alle Menschen gleichzeitig die jeweiligen Reifestadien erreichen.

Symbolbild Deutschland Migration (picture-alliance/dpa/D. Karmann)

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Ethische Fragestellungen

Der Deutsche Ärztetag hat sich wiederholt gegen eine reguläre medizinische Altersbestimmung von Jugendlichen ohne Ausweispapiere ausgesprochen. Er rät Ärzten davon ab, eine solche durchzuführen - auch wenn diese vom Gesetzgeber erlaubt oder vorgesehen wird.

Die Hauptargumente dagegen sind, dass eine Röntgenuntersuchung ohne medizinische Indikation immer eine Körperverletzung darstellt, weil Körperzellen ionisierender Strahlung ausgesetzt werden.

Hierbei ist allerdings das Röntgen des Handgelenkes noch der geringste Eingriff. Er führt zu einer Belastung von nur etwa 0,0001 Millisievert. Das entspricht dem 40tel eines Transatlantikfluges nach New York und zurück.

Eine Röntgenaufnahme des Gebisses belastet den Körper bereits mit 0,0004 Millisievert. Am schwerwiegendsten ist eine Untersuchung des Brust- und Schlüsselbeins. Die wird üblicherweise mit einer Computertomographie durchgeführt. Ein solches CT schlägt mit etwa 6 bis 8 Millisievert zu Buche. Das entspricht dem drei- bis vierfachen der jährlichen natürlichen Strahlenbelastung in Deutschland (2,1 Millisievert).

Die Begutachtung der sexuellen Entwicklung stellt wiederum einen schwerwiegenden Eingriff in die Privatsphäre der Betroffenen dar. Gerade dann, wenn traumatische Erlebnisse Teil ihrer Fluchterfahrung waren, kann so eine Untersuchung vorhandene psychische Verletzungen vertiefen. 

Mehr dazu: Ärztepräsident kritisiert Alterstests für Flüchtlinge

Was verrät die DNA?

Niederländische Forscher haben 2010 eine Methode entwickelt, das Alter von Menschen nur anhand einer Blutprobe zu bestimmen. Allerdings ist dieses Verfahren noch viel ungenauer als die oben genannten Methoden über die Knochenentwicklung.

Die Wissenschaftler suchen DNA-Bruchstücke, sogenannte sj-TRECs, die als Nebenprodukt der Immunabwehr anfallen. Weil diese Indikatoren mit zunehmendem Lebensalter immer weniger werden, ist es möglich, das Alter des Menschen auf etwa 20 Jahre genau einzugrenzen, wenn man ausreichend Blut zur Untersuchung zur Verfügung hat.

Nützlich könnte das etwa für polizeiliche Ermittlungen sein, wenn man eine Blutlache aber kein dazugehöriges Opfer hat, oder Blut von einem unbekannten Täter und grob wissen möchte, wie alt der wohl ist. Für die Bestimmung des Alters eines bereits bekannten Menschen taugt die Methode indes nicht.

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