1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wirtschaft

SMS-Nachfolger joyn: Ein erfolgloses System

Ein Nachfolger für die SMS sollte es werden - und eine Alternative zu WhatsApp und Co.: Vor einem Jahr starteten deutsche Mobilfunk-Anbieter die App "joyn" - bislang ohne Erfolg.

Soviel steht fest: Wer joyn nicht kennt, dem wird das Programm auch so schnell nicht über den Weg laufen. In der Download-Hitparade von Apple beispielsweise ist joyn nicht einmal unter den Top-200-Apps vertreten. Im "Play-Store" von Google, über den sich Android-Smartphones mit frischen Programmen versorgen können, sieht es nicht besser aus. Das ist umso erstaunlicher, weil die sogenannten Messenger-Programme, zu denen auch joyn zählt, derzeit im Trend liegen: Nach dem

Kauf von WhatsApp durch Facebook

schauen sich viele Nutzer nach Alternativen um; die Rangliste der kostenlos verfügbaren Apps für das iPhone beispielsweise wird angeführt vom Programm "Telegram", bei den Bezahl-Apps liegt mit "Threema" ebenfalls ein Messenger-Programm auf dem ersten Platz.

joyn scheint dagegen wie verschollen. Auch in Online-Artikeln, die verschiedene WhatsApp-Alternativen vorstellen, taucht die App nur selten auf. Der Stiftung Warentest beispielsweise, die Messenger unter Datenschutz-Aspekten unter die Lupe genommen hat, ist joyn keine Zeile wert. Ist das Programm, ein Jahr nach seiner Premiere, schon wieder weg vom Fenster?

Vodafone und Co. halten weiter zu joyn

Netzbetreiber wie Vodafone, die joyn unterstützen, sehen das anders. Von einer Kapitulation gegenüber

WhatsApp und Co

ist dort - zumindest noch - nicht die Rede. Stattdessen verweist man auf die Vorteile, die joyn gegenüber anderen Messenger-Diensten hat. Dirk Ellenbeck, Pressesprecher des Bereichs "Technik und Innovationen" bei Vodafone gegenüber der DW: "Wir bieten mit joyn einen Dienst an, der einfach zu bedienen und trotzdem sicher ist, weil er eine komplette Verschlüsselung beinhaltet. Zudem müssen Sie als Kunde nicht - wie bei anderen Anbietern - ihre Daten preisgeben, wo sie nicht wissen, was mit diesen Daten passiert. Wir als Netzbetreiber kennen Sie als Kunden natürlich bereits, und Sie müssen uns keine zusätzlichen Daten anvertrauen."

Ein Argument, wie gemacht für die aktuelle Diskussion um WhatsApp und Co. Die Frage ist: Warum verfängt dieses Argument nicht, warum ignorieren viele Nutzer den Dienst offenbar? Eine Erklärung dafür liefert Sarah Raymaekers vom Online-Dienst "teltarif": "Ein massiver Nachteil ist, dass nicht alle Netze diesen Dienst unterstützen." Bislang vor allem Vodafone- und Telekom-Kunden. Der eigentliche Vorteil von joyn, dass es sich um einen Dienst handelt, der direkt von den Netzbetreibern angeboten wird, wird damit zu einem Nachteil. Kunden von E-Plus beispielsweise können joyn bisher gar nicht nutzen. WhatsApp und viele andere Messenger dagegen, die komplett auf der Übertragung per Internet basieren, sind unabhängig vom Netzbetreiber. Man muss die App nur auf dem eigenen Smartphone installieren und eine Verbindung ins Internet herstellen - und das kann auch zuhause per WLAN passieren.

Bei

joyn

dagegen muss man sehr genau darauf achten, an welchen Provider man sich bindet. Ein Beispiel: Wer direkt bei der Telekom einen Vertrag abschließt, kann joyn nutzen. Wer dagegen einen Vertrag beim Anbieter congstar hat - einem Tochterunternehmen der Telekom, das das gleiche Mobilfunknetz nutzt - kann das Programm nicht aktivieren. Nicht gerade ideale Voraussetzungen, um möglichst viele Nutzer für den Messenger zu gewinnen.

joyn im Selbstversuch – Enttäuschung pur

Auch der Selbstversuch zeigt, wie abgeschlagen joyn inzwischen ist. Da sind zum einen die schlechten Bewertungen für das Programm. Im App-Store von Apple bekommt joyn von den Nutzern gerade einmal 1,5 von 5 Sternen. Die Nutzer-Kommentare sprechen für sich: "Kein Vergleich zu WhatsApp", heißt es an einer Stelle. Ein anderer Nutzer schreibt: "Diese App ist eine Frechheit."

Der größte Nachteil aber zeigt sich erst nach der Installation: Mein Telefonbuch auf dem iPhone umfasst rund 400 Kontakte - inklusive solcher, bei denen ich nur die Postanschrift oder die Festnetznummer gespeichert habe. Immerhin rund 140 dieser Kontakte kann ich per WhatsApp erreichen. Bei joyn dagegen herrscht gähnende Leere: Gerade einmal vier meiner Kontakte werden hier aufgeführt. Und auch die scheinen den Messenger nicht wirklich zu nutzen: Ich habe allen eine kurze joyn-Nachricht geschrieben mit der Frage, wie häufig sie die App denn nutzen. Die Antwort ergibt sich von selbst: Nur ein einziger Nutzer hat bisher überhaupt geantwortet. Und das auch erst nach drei Wochen und paralleler Nachfrage per E-Mail. Ein Messenger-System mit Zukunft sieht mit Sicherheit anders aus.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema