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Ostmitteleuropa

Slowakei ehrt ehemaligen Ministerpräsident Hodza - Der im Exil verstorbene Regierungschef kehrt postum in seine alte Heimat zurück

– Hodza war ein überzeugter Tschechoslowake und Gegenspieler von Edvard Benes

Prag, 3.7.2002, PRAGER ZEITUNG, deutsch

Einer der großen Politiker der Slowakei ist in die Heimat zurückgekehrt. Die sterblichen Überreste von Milan Hodza, der von 1935 bis 1938 als erster Slowake Ministerpräsident der Tschechoslowakischen Republik war, wurden aus den Vereinigten Staaten in die Slowakei überführt. Hier erhielt der 1944 in der Emigration verstorbene Politiker ein Staatsbegräbnis, das erste in der kurzen Geschichte der jungen Slowakischen Republik überhaupt.

Hodza versus Benes

"Milan Hodza war für die Slowaken der Politiker des 20. Jahrhunderts, er war nicht nur Regierungschef in Prag, er war ein Staatsmann, der eigene politische Konzepte hatte. Darin liegt auch seine Bedeutung", hebt der slowakische Historiker Dusan Kovac hervor. Tatsächlich war Hodza im Unterschied zu den anderen prägenden slowakischen Politikern wie Andrej Hlinka oder Jozef Tiso ein überzeugter Tschechoslowake. Sein Widerstand gegen einen slowakischen Separatismus beruhte auf dem Glauben an die Demokratie. Die in der Slowakei einflussreichste Partei, Andrej Hlinkas "Ludova strana" ("Volkspartei") neigte zu autoritären Regierungsmethoden, was sich nach der Entstehung des Slowakischen Staates 1939 zeigte, als sich ein totalitäres faschistisches Staatssystem etablierte.

Milan Hodza war aber auch ein Gegenspieler des zweiten tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Benes. Der Slowake wollte die tschechoslowakische Außenpolitik auf die Basis einer mitteleuropäischen Kooperation stellen. Darin unterschied er sich deutlich von der Konzeption Benes, der mit Rückendeckung Frankreichs und in Partnerschaft mit der Kleinen Entente vorbehaltlos an den Ergebnissen des Ersten Weltkriegs festhalten wollte. Hodzas Vorstellungen waren, so der Historiker Kovac, gewiss ihrer Zeit voraus. Doch heute würde sich "Mitteleuropa wieder auf sich besinnen", und die Konzeption Hodzas ihre Bestätigung finden.

Bündnis mit Prag

Dass die Regierung von Mikulas Dzurinda sich dazu entschied, Milan Hodza in die Heimat zu überführen und auf dem nationalen Friedhof im mittelslowakischen Martin beizusetzen, muss als Symbol gewertet werden. Die Slowakei steht an der Schwelle zur Europäischen Union und kurz vor der Aufnahme in die NATO. Die damit verknüpften Bemühungen werden eng mit der benachbarten Tschechischen Republik koordiniert, mit der die Slowakei bis 1993 einem gemeinsamen Staat angehörte.

"Das gesamte Land erlebt heute einen großen Tag. Auf dem Heimatboden verabschiedet es sich von einem Menschen, der sich in bedeutendem Maß um die Entwicklung der Slowakei verdient gemacht hat, dabei war er ein Verfechter der tschechisch-slowakischen Gegenseitigkeit", sagte Premierminister Dzurinda bei der Beisetzung in Martin.

Das Kabinett von Dzurinda, allgemein gilt es als ein dem tschechoslowakischen Erbe verpflichtetes, beging die Beisetzung als großen Staatsakt. Der Sarg wurde von einer Regierungsabordnung mit Kulturminister Milan Knazko aus Chicago abgeholt. In Martin wurden die Überreste mit allen staatlichen und militärischen Ehren beigesetzt.

Exil-Slowaken

Natürlich wollte die Regierung Dzurinda mit der Überführung Hodzas in die Heimat auch innenpolitisch Boden gut machen. Denn im September wird ein neues Parlament gewählt. Die nationalistische Opposition kritisierte denn auch den gesamten Staatsakt scharf. Zugleich war diese Rückbesinnung auf einen verdienten Slowaken auch eine Geste des guten Willens gegenüber den Exil-Slowaken. Diese bilden besonders in den USA eine sehr starke Gemeinschaft, wenn man bedenkt, dass die fünf Millionen Einwohner zahlende Slowakei alleine in den USA zwei Millionen Slowakisch-Stämmige besitzt, die sich zu ihren Wurzeln bekennen.

Insgesamt sind außerhalb der Slowakei 2,65 Millionen Menschen auf der gesamten Welt slowakischen Ursprungs. "Das bedeutet, dass mehr als 36 Prozent der Menschen slowakischen Ursprungs, also ein Drittel der Nation, außerhalb der Heimat der Vorfahren leben", sagte in einem Interview mit der tschechischen Nachrichtenagentur CTK der Regierungsbeauftragte für Auslandsslowaken, Claude Balaz. "Der Staat hat nach 1989 und nach 1993 die Landsleute nicht angemessen aufgerufen, ihre Aufmerksamkeit der alten Heimat zu widmen", ergänzt der hohe Staatsbeamte.

Gegenwärtig bemüht sich die Slowakei besonders darum, von den Landsleuten in den Vereinigten Staaten Unterstutzung für den Beitritt des Landes in die NATO zu gewinnen, ähnlich wie das vor fünf Jahren Ungarn und Polen taten.

Der slowakische Botschafter in den USA, Martin Butora, hat letztendlich die Überführung von Hodzas Überresten in die Heimat mit den Begräbnissen des früheren ungarischen Premierministers Nagy oder des polnischen Kriegshelden und Premiers der Exilregierung Sikorsky verglichen. Beide Ereignisse kennzeichneten eine Trendwende in der jüngeren Geschichte Ungarns und Polens.

Impuls für Nationalstolz

Hodzas Begräbnis hatte laut Beobachtern denn auch für die Slowakei eine starke symbolische Bedeutung. An dem Akt selbst haben in Martin nur einige Hundert Menschen teilgenommen, aber dank umfangreicher Berichterstattung in allen Medien ist dieser vergessene slowakische Politiker erneut ins Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit gerückt.

"Obwohl heute in der slowakischen Politik Staatsmänner europäischen Formats oder Weltformats völlig fehlen, haben wir mit Hodza einen Politiker, auf den wir uns stützen können", sagte Knazko zur Bedeutung Hodzas für die heutige Slowakei. "Die Tschechen haben ihren Masaryk, haben Benes, Kramar oder Svehla, die Slowaken haben wenigstens Hodza, der weit über den provinziellen Durchschnitt hinauswuchs", ergänzt der Historiker Dusan Kovac.

Wer ist Milan Hodza?

Milan Hodza (1878-1944) zog schon in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie als einer der wenigen Slowaken in das ungarische Parlament ein. Als Politiker mit der Vision einer föderalisierten Monarchie war er Berater des Thronfolgers Franz Ferdinand. Dieser Vorstellung blieb Hodza treu über den Zusammenbruch der Monarchie 1918 hinaus bis ans Ende der Tschechoslowakischen Republik. Hodzas Vorstellung war das Gegenstück zur Diplomatie des zweiten tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Benes. Dieser verfolgte eine Verankerung der Ersten Republik im internationalen System insbesondere in Zusammenarbeit mit den damaligen Siegermächten Großbritannien und besonders Frankreich, ab Mitte der 30er Jahre auch mit der Sowjetunion unter Stalin.

Hodza war führender Politiker der tschechoslowakischen Agrarpartei, in der Zwischenkriegszeit die stärkste politische Kraft der Tschechoslowakei. Er bekleidete mehrere Ministerämter. Von 1935 bis 1938 war er als erster Slowake tschechoslowakischer Premierminister. Nach Annahme des Münchener Abkommens und dem Zerfall der Ersten Republik ging Hodza in die Emigration.

Zu Kriegsbeginn bemühte er sich, in Paris das politische Zentrum des tschechoslowakischen Auslandswiderstandes zu bilden, welche Benes und dessen Londoner Gruppe konkurrieren sollte. Diesen Zweikampf um die Führung in der Emigration verlor er, nach der Niederlage von Frankreich begab er sich in die USA. Vor seinem Tod 1944 schrieb er sein politisches Testament "Die Föderation Mitteleuropa." (ykk)

  • Datum 05.07.2002
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