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Kunst

Skulptur Projekte Münster 2017: Spa für die Kunst

Nasse Füße, Handyladestationen, Ameisen in Sporthallen: Skulptur kann heutzutage alles sein. Die Skulptur Projekte Münster krempeln derzeit den Begriff um.

Jeremy Deller sitzt wie ein echter Laubenpieper zwischen Geranien und Dahlien im Kleingartenverein Mühlenfeld in Münster. Der Künstler (*1966) lebt eigentlich in London, doch hat er sich nun mit seiner Arbeit tief in das Gedächtnis der Stadt Münster eingegraben. Bereits vor zehn Jahren nahm er an der vierten Ausgabe der Skulptur Projekte teil und initiierte eine Langzeitstudie. Er bat 50 Schrebergartenvereine, ein Tagebuch zu führen: Sie sollten zehn Jahre lang ihren Alltag dokumentieren, ihre Feste, ihre Pflanzerfolge, ihre Gartentricks und Ticks. Laube, Liebe, Hoffnung sozusagen. Festgehalten für die Ewigkeit. Das Ergebnis dieser kulturanthropologischen Recherche liegt jetzt vor ihm auf dem Tisch bzw. steht im Regal der Laube in Form von 26 dicken Tagebuchwälzern voller Fotos, Texte und Zeichnungen. Anrührend bis banal lesen sich die Ergebnisse: "13.05.2004: Buschbohnen gelegt" ist dort zu erfahren, oder: "In unserem Garten fühlte sich eine Ente mit ihren Küken wohl."

Erinnerungskultur bei den Skulptur Projekten in Münster

Dellers Beitrag für die Skulptur Projekte ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich der Skulpturbegriff über die Jahrzehnte verändert hat. Handfeste Skulpturen kommen eher am Rande vor, wie der Entwurf für einen Brunnen von Nicole Eisenman. Die US-amerikanische Künstlerin hat in einem Park ein Wasserbassin errichten lassen und eine Figurengruppe darum gruppiert. Ein ironisches Zitat auf das klassische Denkmal, erinnern die plumpen und geschlechtslosen Herumlungernden doch eher an ein Arkadien der Neuzeit denn an die Grazien des 19. Jahrhunderts.

Wem gehört die Stadt?

Im Vordergrund steht Urbanismus und die Frage danach, wem die Stadt gehört. Das sind Themen, die aus den Skulptur Projekten nicht mehr heraus zu denken sind. Was noch vor 40 Jahren marginal den Kunstbetrieb beschäftigte, dominiert die Kunst im öffentlichen Raum in Münster. Der Alltag in Schrebergartenkolonien als ein Stück Arbeitergeschichte, die vom Aussterben bedroht ist, weil immer mehr dieser "urbanen Paradiese", wie Jeremy Deller sie bezeichnet, durch Immobilienspekulation zu verschwinden drohen, gehört genauso dazu wie der Steg, den die Künstlerin Ayşe Erkmen im Hafenkanal installiert hat. Er besteht aus Gitterrosten, die circa zehn Zentimeter unter der Wasseroberfläche liegen.

Deutschland Skulptur Projekte Münster 2017 (picture alliance/dpa/F. Gentsch)

Wie Jesus: In Münster kann man übers Wasser gehen

Mit allen Sinnen genießen

Jetzt sieht es aus, als würden die Kunstbesucher über Wasser gehen können. Bei heißem Wetter eine durchaus willkommene Erfrischung für müde Füße. Der Steg verbindet aber auch zwei Ufer, deren Nutzung unterschiedlicher kaum sein könnte: Gastronomie auf der einen und Industrie auf der anderen Seite. Und auch Gedanken an einen großen Künstler wie Christo werden wachgerufen, wenn Erkmen auch mit umgekehrten Vorzeichen arbeitet und eher einen Illusionismus schafft, als auf eine ästhetische Erfahrung zu setzen.

Konzept seit 40 Jahren unverändert

Die Skulptur Projekte Münster wiederholen sich seit 1977 alle zehn Jahre. Während die ersten Skulpturen noch unter Polizeischutz standen, damit die Bürger nicht ihren Protesten freien Lauf lassen konnten, sind die Skulptur Projekte nach nunmehr vierzig Jahren in der Stadt angekommen. Das Konzept hat sich über die Jahre kaum verändert. Die 35 eingeladenen Künstler haben die Aufgabe, den Stadtraum und seine künstlerischen Möglichkeiten auszuloten. Das ideale Fortbewegungsmittel ist das Fahrrad. Überall gibt es alle erdenklichen Modelle auszuleihen: Tandems, Kinder- oder Lastenräder. In einem Radius von 30 Minuten lassen sich radelnd alle Kunstwerke erreichen. Von der Schrebergartenkolonie zu dem wohl spektakulärsten Werk der Skulptur Projekte sind es so nur 15 Minuten mit dem Rad.

Skulptur Projekte Münster 2017 (picture-alliance/dpa/F. Gentsch)

Summ, summ: Bienenstock in Pierre Huyghes Installation

Atmosphäre zwischen Katastrophe und Schönheit

Der Franzose Pierre Huyghe scheint der Meinung zu sein, dass sich die Münsteraner zu sehr in einer Pseudoidylle eingerichtet haben. "After Alife Ahead" (dt. Nach einem K-Leben vor dem, was kommt) nennt er seine Installation in einer Eissporthalle, die kurz vorm Abriss steht. Pierre Huyghe, der bekannt wurde, als er auf der documenta 13 einen Hund mit einem rosafarbenen Bein zur Kunst erklärte, fängt mit der Demontage schon mal an, indem er die Eisfläche aufgeschnitten und tiefe Löcher in den Untergrund gehackt hat. Bis zu drei Meter tiefe Krater sind entstanden, durch die sich der Besucher hindurchbewegen kann. Die surreale Atmosphäre wird durch ein elektronisches Wummern verstärkt. In der Mitte steht wie ein Altar ein Aquarium, in dem Krebse und Fische leben. Auch andere Lebewesen wie Pfauen, Bienen und Ameisen bevölkern das Gelände. Huyghe gelingt es, auch in Münster eine Atmosphäre zwischen Katastrophe und Schönheit zu schaffen.

Kooperation mit Marl

So gelingt es der westfälischen Universitätsstadt, die weltweit als Stadt der Skulptur für sich wirbt, sich mit Hilfe der Kunst immer wieder selbst zu erneuern. Dies gelingt bei der 5. Auflage auch durch eine Kooperation mit der Ruhrgebietsstadt Marl. Kostenlose Shuttle-Busse bringen die Besucher in die krisengebeutelte Malocherheimat, die aber – Überraschung – auf eine lange Tradition als Stadt der Skulpturen blicken kann.

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