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Wirtschaft

Sklavenarbeit auf den Feldern Portugals

Weil die Exporte ständig steigen, schuften immer mehr asiatische Billigarbeiter im Alentejo in der Landwirtschaft. Sie werden oft von Menschenhändlern eingeschleust und leben unter menschenunwürdigen Bedingungen.

Mahendra Sapkota strahlt übers ganze Gesicht: Erstens scheint endlich die Sonne, zweitens gehen die Geschäfte gut und drittens arbeitet er jetzt endlich legal im südportugiesischen Städtchen São Teotónio an der Atlantikküste. Nicht mehr auf den riesigen Orangenplantagen, die rund um den Ort liegen, sondern im Laden 'Darshan Nepal', der nepalesische und indische Nahrungsmittel und Gewürze verkauft. Mahendra Sapkota, der 34jährige Mann aus Nepal, hat es geschafft.

Asiaten in Portugal (Jochen Faget)

Mahendra Sapkota aus Nepal ist froh darüber, nicht mehr auf einer Plantage arbeiten zu müssen

Viele seiner Landsleute, aber auch Inder, Thais, Bangladeshi, Pakistani und Vietnamesen in der portugiesischen Provinz Alentejo können davon nur träumen. Seit in der Region die landwirtschaftlichen Großunternehmen wachsen, kommen immer mehr von ihnen. Allein in São Teotónio, offiziell rund 6500 Einwohner, sind es wohl über 4000. Auf die Region hochgerechnet dürften es mehrere Zehntausend sein. Sie ernten Orangen, pflanzen Blumen, pflücken Erdbeeren, die dann in andere EU-Länder exportiert werden. Arbeiten oft zehn Stunden und mehr am Tag, an Wochenenden und Feiertagen. Oft für Hungerlöhne: "Sie verdienen zwischen drei und 3,40 Euro die Stunde. Wenn sie Glück haben", sagt Mahendra Sapkota und zuckt die Schultern.

Portugiesen wollen nicht

"Irgendjemand muss die Arbeit ja machen", erklärt Tânia Guerreiro, Sozialarbeiterin bei der NGO Taipa aus der Kreisstadt Odemira, die die Asiaten in São Teotónio betreut. Im bevölkerungsarmen Alentejo gebe es nicht genug Arbeitskräfte, andere Portugiesen seien nicht bereit dazu. "Das ist harte Saisonarbeit, für die die Unternehmen sonst niemanden finden." Also kommen immer mehr Asiaten in den Alentejo, teils legal in ihren Heimatländern angeworben, die meisten jedoch illegal. Viele sind skrupellosen Menschenhändlern in die Hände gefallen. Der Sprecher der portugiesischen Landpolizei GNR nennt sie 'kriminelle Elemente', die aus Osteuropa und Indien kommen.

Asiaten in Portugal (Jochen Faget)

Rita Penedo leitet die portugiesische Beobachtungsstelle für Menschenhandel

Es sei aber schwer, Menschenhandel in der Landwirtschaft nachzuweisen, gibt Rita Penedo, die Direktorin der portugiesischen Beobachtungsstelle für Menschenhandel zu. Erstens sei es ein neues Phänomen, zweitens seien die Behörden auf konkrete Hinweise und Indizien angewiesen, die nur schwer zu erlangen seien. Aktenkundig sei bis jetzt nur ein einziger Fall, in dem es jedoch gleich um 20 Betroffene gehe. Immerhin: "Das Öffentlichkeitsinteresse an solchen Fällen ist stark gestiegen, die zuständigen Polizeibehörden sind sensibilisiert."

Menschenunwürdige Lebensbedingungen

Zurecht, findet die Sozialarbeiterin Tânia Guerreiro. Denn die asiatischen Landarbeiter im Alentejo leben zum Teil unter menschenunwürdigen Bedingungen: zusammengepfercht in Containern oder in halb verfallenen Häusern, oft sogar ohne Strom und fließendes Wasser.

"Wir sind auf der Suche nach einem besseren Leben", sagt Mahendra Sapkota aus dem Laden in São Teotónio. Um die Familie zuhause zu versorgen, nehme man vieles in Kauf: Schlepper, die die Arbeiter illegal ins Land bringen ebenso wie die Tatsache, dass der ersehnte Job oft viel schlechter ist als versprochen. Er ist vor vier Jahren über Dänemark nach Portugal gekommen, hat lange ohne Papiere geschuftet, bis es ihm gelang, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. "So ist das Leben eben, aber jetzt geht es mir gut und ich bin glücklich."

Legalisierung erschwert

Die meisten Asiaten im Alentejo sind es nicht. "An manchen Tagen kommen 50 und mehr Leute zu mir in die Sprechstunde", berichtet die Sozialarbeiterin Guerreiro. Während es ihr früher noch gelang, vielen die ersehnten Papiere zu beschaffen, werde das nun immer schwieriger. Portugals neue Regierung habe die nachträgliche Legalisierung von Illegalen erschwert, praktisch unmöglich gemacht. Die aber werden immer mehr, denn die Agrarindustrie im Alentejo - darunter auch viele internationale Unternehmen - expandiert. Portugal braucht Devisen und Fruchtexporte in EU-Länder, darunter auch Deutschland. Ohne Billigarbeiter aus Asien geht also nichts. Ein Teufelskreis, vor dem die Behörden die Augen verschließen.

Asiaten in Portugal (Jochen Faget)

Sozialarbeiterin Tânia Guerreiro tut ihr Bestes, um den asiatischen Landarbeitern zu helfen

Solange die Betriebe Landarbeiter brauchen und keine Portugiesen oder andere EU-Bürger die harten Jobs für den staatlich garantierten Mindestlohn von rund 500 Euro machen wollen, werde der Zustrom der Asiaten nicht aufhören, ist sich Tânia Guerreiro sicher. Da blieben ihr und ihren Kollegen nur, zu versuchen, die schlimmsten Ausbeutungsfälle abzumildern. Resigniert fügt die Sozialarbeiterin hinzu: "In den Ländern, aus denen sie kommen, ginge es diesen Menschen doch noch schlechter."

Sklavenarbeit für portugiesisches Wirtschaftswachstum

Mahendra Sapkota und seine Freunde bestätigen das: Sie stehen vor dem kleinen Laden, der zu einer Art Treffpunkt der Nepalesen in São Teotónio geworden ist, unterhalten sich. Die Menschen seien freundlich zu ihnen, das Leben in Portugal schön, das Klima fast wie in Nepal. "Für ein besseres Leben unserer Familien zuhause müssen wir eben Opfer bringen", sagt er zum Abschied. Dass sie damit auch noch der portugiesischen Exportwirtschaft helfen, kommt ihnen gar nicht in den Sinn.