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Amerika

Sklaven-Route in Rio eröffnet

Die "schönste Stadt der Welt" arbeitet eines ihrer dunkelsten Kapitel auf. Ein neuer historisch-archäologischer Rundgang informiert über den Sklavenhandel, der Rio de Janeiro vor 200 Jahren nachhaltig prägte.

Besucher im Gedenkmuseum für die Sklaven aus Afrika in Rio de Janeiro (Foto: Prefeitura do Rio de Janeiro)

Brasilien Jardins do Valongo Rio de Janeiro 2012 NEU

Der 20. November ist in vielen Bundesstaaten Brasiliens der "Tag des Schwarzen Bewusstseins". Es geht um die Rolle der Schwarzen in der Gesellschaft, um negative Vorurteile, um den Kampf gegen Diskriminierung und das dunkle Kapitel der Sklaverei.

Die Stadtverwaltung von Rio de Janeiro hat den Gedenktag 2012 gewählt, um eine neue Touristenattraktion einzuweihen: den "Historischen und archäologischen Rundgang Afrikanisches Erbe".

Damit thematisiert die Traumstadt am Zuckerhut ein lange totgeschwiegenes Kapitel ihrer Vergangenheit: Einst war sie ein Zentrum des südamerikanischen Sklavenhandels. Touristen und Einheimische sollen hier viel über das Erbe dieser Zeit erfahren, das die brasilianische Gesellschaft noch heute prägt: "Vieles in unserer Sprache, Musik und Gastronomie ist afrikanischer Herkunft. Doch wir haben nur wenige Denkmäler", erklärt Washington Fajardo, Präsident des Instituts für das Weltkulturerbe in Rio. "Diese Lücke möchten wir nun schließen."

Projekt "Wunderbarer Hafen"

Die Ausgrabungsstätte mit einer Menschenmenge vor einem Backsteingebäude. (Foto: Prefeitura do Rio de Janeiro)

Der Cais do Valongo wurde nach Ende der Ausgrabungen im Juli 2012 eingeweiht

Vor zwei Jahren startete die Stadtleitung eine Initiative, um das ehemalige Hafengebiet mit den Vierteln Saúde, Santo Cristo und Gamboa wiederzubeleben. Dabei entstand auch die Touristenroute auf den Spuren der Sklaverei. Alberto Silva koordiniert das Erneuerungsprojekt mit dem ambitionierten Namen "Porto Maravilha" (dt.: wunderbarer Hafen). Er findet es sehr wichtig, das afrikanische Erbe anzuerkennen und wertzuschätzen: "Wir dürfen unsere Vergangenheit nicht mehr verstecken."

Mitglieder des Stadtrates, Vertreter afrobrasilianischer Bürgerrechtsbewegungen und Anwohner arbeiteten zusammen an dem Konzept. Nach sechs Monaten legten sie die 1,2 Kilometer lange Strecke fest. Jeder der historischen Orte ist ausgeschildert und mit erklärenden Tafeln versehen. Aber auch Führungen werden angeboten.

Der Sklavenpier

Ausgangspunkt und Hauptattraktion der Route ist der Cais do Valongo. Zwischen 1769 und 1830 kamen hier rund 500.000 Sklaven an. Später verlor der Umschlagplatz an Bedeutung - auch weil das Geschäft mit der menschlichen Ware damals bereits heftig kritisiert wurde.

1843 musste der Pier dem Cais da Imperatriz weichen. Der "Hafen der Kaiserin" wurde eigens für die Ankunft von Teresa Maria Cristina di Bourbon von Neapel-Sizilien errichtet, der zukünftige Ehefrau des brasilianischen Kaisers Dom Pedro II.

Historische Schwarz-weiß-Aufnahme des Sklavenmarktes: ein großer Platz mit einer Säule und Gebäuden an den Seiten. (Foto: Prefeitura do Rio de Janeiro)

So sah der ehemalige Sklavenpier 1904 als Cais da Imperatriz aus.

Die Sklaverei selbst schaffte Brasilien 1888 offiziell ab, als letztes Land in Amerika. Die letzten Spuren des Sklavenhafens verschwanden erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zuge der Neugestaltung Rio de Janeiros. Zu dieser Zeit trug die Gegend den Beinamen "Kleinafrika", weil hier überwiegend Afrobrasilianer wohnten

Ausgegrabene Erinnerung

Rund 150 Jahre lang lag der Cais do Valongo verschüttet unter Erdmassen. Als die Arbeiter 2011 begannen ihn freizulegen, mussten sie erst zwei belebte Straßen aufbrechen und ein Gewirr von Kabeln, Rohren und Kanälen entfernen, die jahrzehntelang darüber gelegen hatten.

"Dieser Ort sollte vergessen werden und wurde absichtlich begraben, damit niemand mehr an die schreckliche Zeit der Sklaverei erinnert wurde", glaubt Tânia Lima, die die verantwortliche Archäologengruppe leitet. Es sei wichtig, die Geschichte aufzuarbeiten: "Die Straßen und Plätze haben mit der Zeit ihre Namen geändert. Deshalb wissen heute nur noch wenige Bewohner Rio de Janeiros, was der Cais do Valongo war."

Karte der Innenstadt von Rio de Janiero mit dem historischen Rundgang (Foto: Prefeitura do Rio de Janeiro)

Der historische Rundgang umfasst sechs Stationen, ausgehend vom Cais do Valongo

UNESCO-Welterbe

Doch trotz allem förderten die Archäologen eine sehr gut erhaltene Hafenanlage zutage. Dabei wurde auch ein Teil des Cais da Imperatriz ans Licht geholt. Die Unterschiede der beiden übereinander konstruierten Anlegestellen sind gut zu erkennen: Die ungleichmäßigen Steine des alten Sklavenpiers heben sich deutlich von dem viel präziser verarbeiteten Pflaster des neueren Platzes ab. Es ist sehr symbolträchtig, dass der Cais da Imperatriz über den Cais do Valongo gebaut wurde, findet Lima: "Die Prinzessin von Bourbon tritt auf die Sklaven."

Die Stadtverwaltung setzt sich nun bei der UNESCO dafür ein, dass der Cais do Valongo als Weltkulturerbe ausgezeichnet wird.

Stationen der Sklaverei

Weniger als 200 Meter vom Cais do Valongo entfernt befinden sich zwei weitere Stationen des historischen Rundgangs: der kleine Platz Largo do Depósito, einst Schauplatz des Sklavenmarktes. Gegenüber führt eine Treppe hinauf durch die "hängenden Gärten" von Valongo, einer grünen Oase an einem der zahlreichen Hänge Rios. Sie überdecken seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Straße, in der einst die sogenannten "Masthäuser" standen - Hütten, in denen Sklaven Gewicht zulegen sollten, um ihren Marktwert zu steigern.

Etwas weiter entfernt liegt das Gebiet Pedra do Sal. Dessen Felsen bildete einst das Zentrum von "Kleinafrika". Hier trafen sich die Sklaven, um ihre Vorfahren zu ehren, Rituale durchzuführen und Feste zu feiern. Die Pedra do Sal gilt als Geburtsort des Sambas.

Der Platz Largo do Depósito in Rio de Janeiro (Foto: Prefeitura do Rio de Janeiro)

Der Largo do Depósito war früher Hauptschauplatz des Sklavenhandels

Die nächste Station ist der "Cemitério dos Pretos Novos", der "Friedhof der neuen Neger", wie er dem alten Sprachgebrauch gemäß noch heute heißt. 1769 wurde der Massenfriedhof für die Afrikaner errichtet, die die unmenschlichen Bedingungen auf den Sklavenschiffen nicht überlebten. Seit 16 Jahren steht dort ein kleines Museum, das an das Schicksal der verschleppten Afrikaner erinnert.

Die letzte Station des Rundgangs ist das Kulturzentrum José Bonifácio, das größte Zentrum zur afrobrasilianischen Kultur des Landes. Die Bauarbeiten sind hier noch nicht ganz abgeschlossen, wie am Largo do Depósito werden sie wohl noch einen weiteren Monat dauern. Doch ab dem neuen Jahr soll der komplette Rundgang zu besichtigen sein.

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