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Asien

Skandalvideo schädigt US-Image erneut

Empörung hat das Video ausgelöst, das US-Soldaten zeigt, die auf Leichen mutmaßlicher Taliban-Kämpfern urinieren. Im Pentagon wächst die Sorge vor den Konsequenzen. Zu Recht, kommentiert Daniel Scheschkewitz.

Es waren die schockierenden Bilder aus dem US-Gefängnis im irakischen Abu Ghraib, die Amerikas Ansehen in der Welt nachhaltig beschädigten. Sie zeigen amerikanische Soldaten, die irakische Gefangene foltern und demütigen. Sie haben das moralische Fundament für den Krieg gegen den Diktator Saddam Hussein diskreditiert. Zuvor hatten schon die entwürdigenden Bilder aus dem Gefangenenlager in Guantanamo berechtigte Zweifel daran aufkommen lassen, ob die USA Kriegsgefangene rechtmäßig behandeln. Und nun dies.

Leichenschändung ist ein Kriegsverbrechen

DW Deutsches Programm Daniel Scheschkewitz

DW-Redakteur Daniel Scheschkewitz

Die demonstrative Schändung von getöteten Talibankämpfern in Afghanistan ist ein herber Rückschlag für das Bemühen Amerikas, sein beschädigtes Ansehen in der Welt zu verbessern. Es ist ein Schlag ins Gesicht für Präsident Barack Obama, dessen erste Amtszeit auch von dem ernst gemeinten Versuch geprägt war, Brücken zu schlagen zum Islam. Und es ist leider auch Wasser auf die Mühlen all jener Kräfte, die sagen, der Westen streite bei seinem Einsatz in Afghanistan gar nicht für die Wahrung der Menschrechte. Eine Leichenschändung verstößt nicht nur gegen die Genfer Kriegskonvention, sie bricht mit sämtlichen Regeln zivilisatorischen Verhaltens, ganz unabhängig von Kulturkreis und Religion.

Propagandageschenk für die Taliban

Die Schandtat der US-Soldaten stellt aber nicht nur die USA bloß. Sie ist ein Makel für den Westen schlechthin, denn der wollte mit seinem Einsatz am Hindukusch eine Gesellschaft aufbauen helfen, in der die Würde des Individuums Achtung erfährt. Umso bemerkenswerter ist, dass dieses Video gerade jetzt an die Öffentlichkeit gelangt: Gerade jetzt sollen Verhandlungen mit den Taliban im Hintergrund die Grundlage für eine friedliche und sichere Zukunft Afghanistans legen; an diesen diplomatischen Tastversuchen ist auch Deutschland beteiligt.

Die Kräfte, die diese Verhandlungen ablehnen, dürften sich nun bestätigt fühlen. Das obszöne Video bietet dieser Fraktion der Taliban die allerbeste Gelegenheit, den Hass auf Amerika weiter zu schüren und für ihren Kampf neue Kräfte zu rekrutieren. Das Schandvideo ist ein willkommenes Propagandageschenk für sie, denn Exzesse wie der hier zur Schau gestellte tragen dazu bei, ausländische Soldaten nicht als Beschützer, sondern als feindliche Besatzer wahrzunehmen.

Rückschlag für politische Lösungsversuche

Die diskreten Bemühungen, mit den Aufständischen zu einer politischen Verständigung zu gelangen, könnten nun im Keim erstickt werden. Daran ändern auch die zum Teil erstaunlich maßvollen Reaktionen der Talibanführung nichts. Denn auch die moderaten Kräfte unter den Aufständischen wissen, dass die Macht der Bilder ihre eigene Dynamik entfalten wird.

Deren Sprengkraft weist im Übrigen weit über den Hindukusch hinaus und wirft den moralischen Impetus im weltweiten Kampf gegen den Terror erneut zurück. Dschihadisten in aller Welt werden ihre Terrorakte künftig auch mit diesem Internetvideo zu legitimieren versuchen.

Geste der Reue angebracht

Daran wird leider auch die harte Bestrafung der bereits identifizierten Täter nichts ändern können, selbst wenn die beteiligten US-Soldaten mit allen Mitteln der Militärjustiz zur Rechenschaft gezogen werden. Der eingetretene Imageschaden dürfte irreparabel sein. Abu Ghraib wiederholt sich für Amerika nun auch in Afghanistan.

Offenbar hat man aus den Vorfällen im Irak in der US-Armee nicht viel gelernt. Die Disziplinlosigkeit unter einigen der im Ausland eingesetzten Soldaten hat eine erschreckende Dimension erreicht. Das muss auch Präsident Obama erkennen. Er dürfte vor Wut schäumen. Auch wenn er in der eigenen Armeeführung entsprechende Konsequenzen zieht, reicht das noch lange nicht. Er sollte sich für das schändliche Vorgehen seiner Soldaten so schnell wie möglich beim afghanischen Volk entschuldigen.

Autor: Daniel Scheschkewitz
Redaktion: Beate Hinrichs