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Asien

Skandal um Pillen in Kindergärten

Ein Skandal in mehreren Kindergärten sorgt in China für Empörung. Routinemäßig bekamen Kinder ohne Wissen der Eltern Medikamente verabreicht. Jetzt sollen alle Kindergärten überprüft werden.

"Mama, ich werde nie wieder erkältet sein." Frau Cheng kann sich noch genau daran erinnern, wie ihre Tochter freudestrahlend diese scheinbar frohe Botschaft verkündete. Frau Cheng fragte nämlich nach. Und so erfuhr die in der zentralchinesischen Stadt Xi'an lebende Mutter, dass ihre fünfjährige Tochter auf Anweisung eines Erziehers eine weiße Pille geschluckt hatte. Frau Cheng forschte weiter und kam einem Skandal auf die Spur, der in China seit zwei Wochen die Gemüter erhitzt. Denn die fragliche Pille war ein wenig erforschtes, aber in China verbreitetes antivirales Medikament zur Grippebehandlung.

Schon 2008, so stellte sich heraus, hatten Kindergärten in Xi´an zu Beginn der Grippesaison im Frühjahr und im Herbst an alle Kinder verschreibungspflichtige antivirale Medikamente verabreicht. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Hunderte Eltern demonstrierten vor den Kindergärten, wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete. Zwei Kindergärten wurden Mitte März geschlossen, mehrere Verantwortliche von Kindergärten festgenommen.

Kein Einzelfall

Ärztliche Untersuchung im Kindergarten (picture alliance/landov)

Ärztliche Untersuchung im Kindergarten

Nachdem der Fall der Kindergärten von Xi´an durch die Presse ging, wurden Eltern und Behörden auch in anderen Regionen des Landes hellhörig. Weitere Fälle von Medikamentenabgabe an Kindergartenkinder wurden aufgedeckt. Schließlich ordnete das chinesische Bildungsministerium eine landesweite Untersuchung aller Kindergärten an.

Mit der Verteilung des preiswerten, in China als Grippemittel weitverbreiteten antiviralen Medikaments Moroxydine ABOB wollte die Leitung mehrerer Kindergärten die Zahl der Erkrankungen offenbar möglichst niedrig halten. Denn je mehr Kinder tatsächlich im Kindergarten erscheinen, desto mehr verdienen die Mitarbeiter. Die Beiträge in privaten Kindergärten werden laut Nachtrichtagentur Xinhua entsprechend der tatsächlich geleisteten Betreuungstage berechnet. Der Leiter eines Kindergartens hat bereits gestanden, den Kindern Medikamente verabreicht zu haben, um die Anwesenheitsrate zu erhöhen. Den Kindern soll zudem gesagt worden sein, die Einnahme der Pillen geheim zu halten. Laut Presseberichten klagten einige Kinder über Schwindel, Juckreiz oder Kopf- und Gliederschmerzen. Ob das Nebenwirkungen der Medikamente sind, wird noch untersucht.

Unkontrollierter Medikamentemarkt

Apotheke in Hongkong (Foto: AP)

Zu schneller Griff zu Medikamenten

In Deutschland sei Moroxydine ABOB als Medikament nicht zugelassen, erklärte der Sprecher des Bundesamtes für Arzneimittel und Medizinprodukte, Maik Pommer, auf Anfrage der Deutschen Welle. Der chinesische Mediziner Zhang Tiankan spricht im Interview mit der DW von weit verbreitetem Medikamentenmissbrauch in China. Als ehemaliges Mitglied der Chinese Academy of Medical Sciences hat Zhang mehrere Artikel über das Problem veröffentlicht. "Auch Eltern verwenden als Vorsorgemaßnahme viel zu viele Medikamente", berichtet Zhang. Auch verschrieben Ärzte zu viele unnötige Medikamente. "Immer noch beziehen Krankenhäuser und Ärzte ihre Einnahmen überwiegend aus dem Verkauf von Medikamenten", sagt der Medizinexeperte.

Erinnerungen an den Melanin-Skandal

In den chinesischen Internet-Kommentaren zu dem Medikamentenskandal wird häufig an den

Milchpulver-Skandal

von 2008 erinnert. Damals waren mindestens sechs Kinder gestorben und Tausende weitere nach dem Genuss von Milchpulver erkrankt, das durch die Chemikalie Melamin verunreinigt worden war. Autor Li Ximin schrieb in seinem Mikroblog: "Kindern geheim Medikamente zu verabreichen, verseuchtes Milchpulver und giftige Lebensmittel zu geben, ist das hier die Hölle? Welche Zukunft hat ein Land, das nicht mal seine Kinder schützen kann?"

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