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Sitzen

Bevor man sitzt, muss man sich erst mal setzen. Beides – sitzen und setzen – entwickelte sich aus dem alten Verb "gesetzen". "Geh dich setzen" sagt man heute. Und schon sitzt man. Zum Beispiel auf dem Gesäß.

"Setzen", schimpft der Lehrer, "mangelhaft". "Mach Sitz", sagt der Hundetrainer und lobt: "Fabelhaft." Setzen und sitzen sind offensichtlich sehr enge Wortverwandte …

In Haft und im Hirn

Der Verbrecher sitzt im Gefängnis. Erst einmal muss er festgesetzt, von der Polizei verhaftet werden. Dann wird er verurteilt und muss einsitzen beziehungsweise seine Strafe absitzen. Später, oft viel später, wird er auf freien Fuß gesetzt, aus der Haft entlassen.

So, wie es manchmal nötig ist, dass einer sitzen muss, so ist es auch manchmal nötig, dass etwas sitzen muss, etwas muss sich ins Gedächtnis einprägen, sich dort festsetzen, zum Beispiel Wissenswertes über das Sitzen. "Sitzen im eigentlichen Sinne", so wussten schon die Brüder Grimm, bezeichne die Stellung, "da man den Leib auf den Hintern niederlässet, und ihn also zur Ruhe bringet, zum Unterschiede von dem Stehen und Liegen."

Sitz machen bis Feierabend

"Mach Sitz." So redet man mit Hunden. Damit sie sich auf die Hinterbeine setzen. Wenn es aber heißt "Aufsitzen!", so ist das eine knappe, militärische Aufforderung, ein Pferd zu besteigen. Beim Absteigen heißt es "Absitzen!".

Ein Mensch kann auch absitzen, wenn er seine Zeit absitzt, das heißt ohne Interesse auf seinem (Büro-)Stuhl darauf wartet, dass der Feierabend kommt. Freilich ist es auch möglich, dass der Mensch ganz ruhig sitzt, weil er es muss. Dann sitzt er einem Maler als Modell, muss Selbstbeherrschung zeigen und sich nicht bewegen.

Erst besetzen – dann drauf sitzen bleiben

"Herrschen" – dieses Wort kann übrigens auch etwas mit Sitzen zu tun haben. Wenn der Herrschende nämlich seine Gewalt ausübt – oft sitzend auf einem Thron. Von dort aus lässt er womöglich fremde Länder besetzen.

Beherrscht einer das Backen nicht, hat das Folgen: Der Teig bleibt sitzen, er hebt sich nicht, geht nicht auf. Ein platter Kuchen wird sich schlecht verkaufen. Der Verkäufer bleibt dann auf ihm sitzen. Dieses Bild bezieht sich ursprünglich auf Marktfrauen, die neben ihrer Ware saßen und auf ihre Kunden warteten.


Der eine kommt weiter, der andere bleibt zurück

Der schwache Schüler läuft Gefahr, sitzen zu bleiben, das Schuljahr wiederholen zu müssen, man würde ihn dann nicht in die nächste Klasse versetzen.

Übrigens: Unhöflich ist, wenn man vom jemandem versetzt wird, wenn der andere einfach nicht zum vereinbarten Treffen kommt. Bei einem unglücklich Verliebten wiegt das doppelt schwer. Schnell kommt dann das Gefühl auf: Der andere hat mich sitzen lassen und somit offenbar kein Interesse.

Vorgesetzt

Ein ganz anderer Fall: Die Firma, einst in Familienbesitz, bekommt einen neuen Vorsitzenden. Der ist nervös. Erstmals hat er den Vorsitz bei der Sitzung des Vorstands. Der alte Chef ist nicht mehr da. Der konnte sich, bevor er wegen Steuerbetrugs abgesetzt werden sollte, schnell noch in den Süden absetzen, war geflohen. Viel hatte er aber nicht davon, denn er starb bald und wurde beigesetzt.

Der neue Chef hat viel vor: Die Hälfte des Personals will er entlassen, vor die Tür setzen, oder – wie er schönfärberisch sagt – freisetzen. Die Belegschaft tobt, ist erbost über den Neuen und nennt ihn eine Fehlbesetzung. Mit ihm habe die Firma aufs falsche Pferd gesetzt. Wird sich der neue Vorsitzende halten können? Auch ein Vorstandssitz kann zum Schleudersitz werden …

Auf dem hohen Ross oder fest im Sattel?

Der Neue setzt sich, nimmt Platz. Er weiß: Das ging daneben. Er hat die Rede in den Sand gesetzt, hat nicht das Vertrauen der Belegschaft gewonnen. Aber das ist ihm egal. Er denkt schon an einen schönen Alters- und Ruhesitz – lange will er sowieso nicht mehr arbeiten und seine Zeit in der Firma absitzen.

Zwischen Arroganz ("Der sitzt auf dem hohen Ross") und Sicherheit ("Der sitzt fest im Sattel") verläuft eine schmale Grenze. Man sollte genau hinhören, keinesfalls auf den Ohren sitzen, sonst sitzt man schnell in der Tinte, jedenfalls nicht mehr komfortabel. Und wenn man erst mal wie auf glühenden Kohlen sitzt, ist es zu spät: Dann kann man nicht mehr sitzen.


"Be-sitzen"

Bei einem Eigentumswechsel musste einst der neue Herr sein Grundstück (meist auf einem dreibeinigen Stuhle) drei Tage hintereinander regelrecht "be-sitzen". Erst dieses Besetzen machte seine neue Rechtsstellung allen deutlich – das ist meins. Im Kriegsfall werden Länder besetzt, im Notdurftfall Toiletten. Nur eines davon ist Folge eines natürlichen Bedürfnisses.

Besitzen ist besser als – einem Sklaven gleich – Besitz zu sein. Genauso schlimm: besessen zu sein, als habe eine dunkle Macht Besitz von einem ergriffen. Noch schlimmer ist der dran, von dem es heißt: "Du bist ja nicht mehr im Besitz deiner geistigen Kräfte!"

Sitz(an)gelegenheiten

Im Normalfall kann jeder sitzen. Auch Nicht-Lebewesen: Das Brett sitzt fest, der Zahn sitzt lose, der Hut sitzt dem Mann schief auf dem Kopfe, und auch die Hose sitzt nicht wie angegossen, sondern schlecht. Kein schöner Anblick. Hat der Mann Alkohol getrunken? "Der Mann hat einen sitzen", bestätigt der Betrachter. Dabei ist das nur ein Gerücht, von irgendjemandem in die Welt gesetzt. Ich trage nämlich meinen Hut immer schief auf dem Kopf!

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