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Filme

Sittenbild im Kino: Die Spielregel

Zunächst war Jean Renoirs "Die Spielregel" ein Mißerfolg beim Publikum. Auch die Kritik zeigte sich gespalten. Heute zählt man ihn zu den besten Filmen aller Zeiten. Wie kam es zu diesem Wandel?

Noch immer zählt man "Die Spielregel" zu den zehn besten Filmen aller Zeiten. Die berühmteste Kino-Umfrage unter Kritikern, die die britische Zeitung "Sight and Sound" im 10-Jahres-Rhythmus veröffentlicht, bestätigte jüngst noch einmal das Urteil der Fachwelt: "Die Spielregel" wurde auf Platz 4 gewählt. Dabei hatte es bei der Premiere 1939 gar nicht danach ausgesehen, dass hier ein filmischer Meilenstein Einzug in die Kinohistorie halten sollte.

Szene aus DIE SPIELREGEL mit Roland Toutain und Jean Renoir (Foto: dpa)

Octave (Jean Renoir, l.) und Jurieux (Roland Toutain)

Sieht man den Film aus dem Jahre 1939 heute wieder, mag man kaum an die schwierige Geburtsphase des Werks glauben. Denn "Die Spielregel" ist ein Film der leisen Töne. Zum Inhalt: Renoir versammelt ein Dutzend Figuren in einem Landschloss in Zentralfrankreich: Adel und Bedienstete, Gäste verschiedenster Herkunft, Bürgerliche und Landstreicher. Auf engstem Raum entwirft Renoir ein Sittenbild der französischen Vorkriegsgesellschaft.

In den Mittelpunkt stellt er die Figur des berühmten französischen Fliegers Jurieux, der gerade einen Rekordflug über den Atlantik hinter sich gebracht hat. Seine heimliche Liebe zur Gattin des Schlossbesitzers löst schließlich eine Katastrophe aus. In der Rolle des Hausfreundes Octave, der die einzelnen Parteien zusammenbringt, ist der Regisseur Jean Renoir zu sehen.

Reinfall bei der Premiere

Das Publikum reagierte damals angewidert. Die öffentlichen Reaktionen waren distanziert und auch bei der Filmkritik gab es negative Stimmen. Sogar Regisseur Jean Renoir reagierte und schnitt einige Szenen aus seinem Film heraus. Doch das nützte nichts. Der Film, der im Sommer vor dem Einmarsch der Deutschen in Paris zur Uraufführung kam, wurde vom Vichy-Regime sofort verboten. Auch die Deutschen erlaubten keine Aufführungen der "Spielregel". Auch nach dem Krieg konnte man lange nur gekürzte Versionen sehen. Erst Ende der 1950er Jahre wurde der Film in Paris restauriert, bis dahin fehlende Sequenzen wieder hinzugefügt.

Jean Renoir als Mediator

Diese Rolle hatte sich der große französische Regisseur auf den Leib geschrieben. Sie steht gleichzeitig für die Haltung des Films. Der liebenswürdige Octave ist Beobachter und Bindeglied zugleich. Renoir blickt als Regisseur auf die französische Gesellschaft am Vorabend des 2. Weltkriegs. Es ist ein überaus kritischer Blick, gleichzeitig aber in seiner Differenziertheit und Ausgewogenheit niemals zynisch und verletzend. Renoir gibt sich als Mitglied der französischen Gesellschaft zu erkennen, deren Auswüchse er aber nüchtern konstatiert.

Jean Renoir (r.), hier 1962 bei Dreharbeiten mit Jean-Pierre Cassel (l.) and Claude Brasseur (Foto: AFP/Getty Images)

Jean Renoir (r.), hier 1962 bei Dreharbeiten mit Jean-Pierre Cassel (l.) and Claude Brasseur

Gerade das aber dürfte wohl die Zuschauer so verärgert haben. "Die Leute kamen ins Kino mit dem Wunsch, sich von ihren Sorgen ablenken zulassen", schrieb Renoir später. "Aber ich stürzte sie in ihre eigenen Probleme. Der drohende Krieg machte die Haut der Menschen empfindlicher. Ich zeigte nette, sympathische Leute, aber einen im Verfall begriffene Gesellschaft. Das waren zur Niederlage Verurteilte."

Gespaltene Nation

Es sind viele kleine Spitzen und Beobachtungen, die dem Film Leben einhauchen. Die Adeligen, die sich dekadent, aber irgendwie auch liebenswürdig geben. Die Bediensteten, die beherrscht werden, aber auch herrschsüchtig sind - und nach unten treten. Die am Bodensatz der Gesellschaft stehenden wiederum sind bauernschlau, aber auch feige. Frankreich wird in all seiner Zerrissenheit zwischen Tradition und Moderne, Klassengesellschaft und Revolutionshistorie der Spiegel vorgehalten.

Ingrid Bergman und Jean Renoir (Foto: AFP/AFP/Getty Images)

Jean Renoir 1955 in Paris mit Ingrid Bergman

Inmitten des gesellschaftlichen Treibens stellt Renoir den aufrichtig liebenden Jurieux, der am Ende eher zufällig erschossen wird. Jurieux wird "beim Versuch einzudringen in eine Welt, zu der er nicht gehört, in der er die Spielregel verletzt, zum Opfer", schrieb Renoir. So ist der Film heute, nach einen Dreivierteljahrhundert, noch sehenswert. Weil er seine Moral nicht in den Vordergrund stellt, immer Liebe zu den Menschen im Blick hat. Einfühlung und Verständnis statt Sarkasmus und erhobenem Zeigefinger - das waren die Leitlinien des großen humanistischen Regisseurs Jean Renoir.

Jean Renoir: Die Spielregel, Frankreich 1939, 110 Minuten, mit Nora Gregor, Paulette Dubost, Mila Parély, Marcel Dalio, Jean Renoir u.a., als DVD in der Reihe Edition Cinema Francais als Nr. 28 mit umfangreichem Booklet und Bonusmaterial beim Anbieter Filmconfect Home Entertainment erschienen.

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