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Afrika

Sisyphus macht Staat

Sierra Leone hat Jahrzehnte der Misswirtschaft und elf Jahre Bürgerkrieg hinter sich. Das westafrikanische Land wagt den Neuanfang und steht seit einem friedlichen Machtwechsel vor gewaltigen Aufgaben.

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Ein heißer Nachmittag in Funkia, an der Goderich Wharf im Süden von Freetown. Nebenan legen die Fischerboote an, der Fang des Tages wird verkauft. Kambu Dhona schaut schon gar nicht mehr hin. Er ist Mitte Dreißig und gehört zu den Drop-Outs, zur arbeitslosen Jugend des Landes, die hier auf den Felsen der Bucht ihr Elend vergessen will - mit reichlich Palmwein und Marihuana. „Ich suche ja Arbeit, aber ich habe es fast aufgegeben.“

Eindrücke Hafen Freetown Sierra Leone 2

Eindrücke vom Hafen in Freetown

Dabei ist Kambu gelernter Zimmermann. Vor fast zehn Jahren haben die Rebellen seine Werkstatt zerstört, als sie den Krieg nach Freetown brachten. Von den Erlebnissen der „January Six Invasion“ hat Kambu sich nie erholt. Sein Freund Joseph hat einen High-School-Abschluss, doch gerade hat er seinen Traum vom Informatik-Studium begraben. „Ich weiß nicht, wie ich das Geld dafür zusammenkriegen soll. Deswegen hänge ich hier herum, so wie die anderen.“ Frust und Selbsthass sind groß in Sierra Leone – die Zahl der Gewalttaten steigt wieder. Und das in einem Land, in dem fast drei Viertel der Bevölkerung unter 30 Jahre alt sind. „Wir haben für eine neue Regierung gebetet“, erzählt Joseph. „Die haben wir jetzt, aber nichts hat sich geändert. Wir haben noch immer keine Jobs. Wie sollen wir denn überleben?“

Neue Hoffnung - APC soll's richten

Ernest Koroma Präsident Sierra Leone

Hoffnungsträger Ernest Bai Koroma, APC

Im Herbst 2007 wählte Sierra Leone neue Volksvertreter und mit Ernest Bai Koroma vom All People's Congress (APC) einen neuen Präsidenten. Es waren die ersten Wahlen seit dem Abzug der bis dahin stärksten UN-Friedenstruppe der Welt. Immerhin – ganz anders als in Kenia oder Simbabwe verlief der Machtwechsel friedlich. Es gibt eine demokratisch gewählte Regierung, ein Parlament, eine Verfassung. „Aber nach den Wahlen geht es ja erst richtig los“, meint Christiana Thorpe, die Vorsitzende der Nationalen Wahlkommission NEC. „Alle müssen mitmachen und ihr Versprechen halten.“ Koroma trat jedenfalls mit großen Versprechen an: Arbeit und Fortschritt, Null-Toleranz gegenüber der Korruption. Der APC ist den Sierra Leonern bestens bekannt. Es ist die Partei der Oligarchen Siaka Stevens und Joseph Momoh, die von 1968 bis zum Militärputsch von 1992 regierte - und die Partei, die für den Ausbruch des Bürgerkriegs mitverantwortlich gemacht wird. Die SLPP, die Sierra Leone People's Party des früheren Präsidenten Ahmed Tejan Kabbah, galt lange als Friedensgarant, doch diesen Kredit verspielte sie schnell. 2002, nach dem Ende des Krieges, blühten Misswirtschaft, Korruption und Straflosigkeit weiter.

Die Jugend wartet auf Wahlversprechen

Sierra Leone Rebellenarmee von der RUF Kindersoldaten

Menetekel: Kindersoldaten der Revolutionary United Front

2007 waren es vor allem die jungen Leute, die vielen ehemaligen Kindersoldaten, die trotz oder gerade wegen ihres Traumas unermüdlich an den Wechsel glaubten. Jetzt laufe die neue APC-Regierung Gefahr, ihre treuesten Anhänger zu enttäuschen, warnt Christiana Thorpe. " An idle mind is the Devil's Workshop", sagt sie: „Wer nichts zu tun hat, kommt schnell auf dumme Gedanken." Präsident Koroma weiß, dass fast sechs Millionen Menschen Wunder von ihm erwarten. Eine Friedensdividende, sechs Jahre nach Kriegsende. Er hat die Herausforderung angenommen, will mit dem Volk einen „Gesellschaftsvertrag“ abschließen. Er versteht er sich als „Geschäftsführer“ des Landes – ganz so wie in seinem früheren Job bei einer renommierten Versicherung.

Mut der Verzweiflung - Die Mär vom glücklichen Sisyphus

Eindrücke Hafen Freetown Sierra Leone 3

"Doin' Time": Keine Arbeit für junge Menschen

Doch Sierra Leone steht beim Human Development Index der Vereinten Nationen weiter an letzter Stelle – auf Platz 177. Auch wenn die Wirtschaft derzeit um rund sieben Prozent wächst, leben zwei Drittel der Bevölkerung von weniger als einem Dollar am Tag. Die Kindersterblichkeit ist eine der höchsten in Afrika. „Wissen Sie, Sisyphus war ein glücklicher Mensch – auch wenn sein riesiger Stein immer wieder den Berg hinabrollte: Er gab nicht auf.“ Genauso fühlt sich David Carew, ehemaliger Berater der KPMG, heute Minister für Finanzen und Entwicklung. „Wir sind das Schlusslicht der Welt. Das ist doch eine fantastische Position, denn tiefer geht es nicht!“ Die Herausforderungen sind gewaltig, und Carew weiß nicht, was er zuerst nennen soll: Den katastrophalen Gesundheitssektor, das völlig vernachlässigte Bildungswesen, den stockenden Straßenbau, die marode Stromversorgung, die ineffiziente Landwirtschaft, die fehlenden Auslandsinvestitionen, die schlecht ausgerüstete Polizei, die grassierende Korruption. Zwar gibt es eine neue Antikorruptionsbehöre (ACC) – doch die kann nur so gut sein, wie man sie lässt.

Maroder Staatsapparat

Kriegsökonomie Blutdiamanten in Sierra Leone

Kriegsökonomie der Vergangenheit: Blutdiamanten aus Koidu

Nach wie vor gehen Dollarmillionen in kriminellen Kanälen verloren. Viele Mitarbeiter im aufgeblähten Apparat des Öffentlichen Dienstes wirtschaften in die eigene Tasche – und das bei einem Gesamtbudget der Regierung, das 2008 ganze 350 Millionen US-Dollar beträgt. Der Staatshaushalt ist zur Hälfte geberfinanziert.

„Ohne donors geht es nicht“, sagt David Carew und nennt vor allem das britische Entwicklungsministerium DFID, die Europäische Union, die Weltbank und die Afrikanische Entwicklungsbank. Doch er weiß, dass die Abhängigkeit von Gebern der echten Transformation dieser Nachkriegsgesellschaft langfristig im Wege steht. „Dieses Land hat so viel Potential! Wir haben Arbeitskräfte, fruchtbares Land, Rutil, Gold - und Diamanten natürlich!“

Warum ist ein reiches Land so arm?

Grüne Diamanten in Freetown, Sierra Leone

Mehr Fluch als Segen: Grüne Diamanten

Doch die Diamanten sind Sierra Leones Fluch – mit den teuren Steinen finanzierten die Rebellen der Revolutionary United Front (RUF) ihren brutalen Feldzug gegen Regierung und Zivilbevölkerung. Heute ist der Diamantensektor voll privatisiert – weder der Staat, noch die Menschen in Sierra Leone profitieren davon. Mangels anderer Beschäftigung verdingen sich junge Lohnsklaven in den alluvialen Minen. Außerdem sind die großen Konzerne auf dem Vormarsch. Die Förderlizenzen sind zu Dumpingpreisen zu haben, und mit der Diamantensteuer von drei Prozent (das entspricht Einnahmen von etwa 150 Millionen Euro pro Jahr) lässt sich der Wiederaufbau des Landes nicht finanzieren. Zum Vergleich: In Botswana beträgt die Steuer 10 Prozent.

Rückbesinnung auf die Scholle

Fischfang in Togo

An einem Strang ziehen: Fischfang am Lumley Beach

Längst haben die Sierra Leoner erkannt, dass ihre Zukunft in der Landwirtschaft und im Fischfang liegt – zum einen wegen der Ernährungssicherung in Zeiten explodierender Preise, zum anderen wegen der Schaffung neuer Arbeitsplätze und heimischer Märkte. Doch tausende Hektar Land müssen nach der langen Kriegszeit erst wieder nutzbar gemacht werden, der Fischfang ist ineffizient – auch hier ist dringender Investitionsbedarf. „Hunger und Perspektivlosigkeit treiben die jungen Menschen in die Städte“, sagt Entwicklungsminister David Carew.

"Paradise Lost"

Freetown, Sierra Leone

Wohin geht die Reise?

Neben den wirtschaftlichen Zeitbomben gilt es gleichzeitig auch die sozialen zu entschärfen. Hannah Foullah, Chefredakteurin von Radio Democracy, erwartet von der Regierung ein Konzept zur Versöhnungspolitik nach elf Jahren Krieg - auch das gehöre zum Bau einer neuen Nation: „Nicht nur unsere Wirtschaft muss wachsen. Wir dürfen die Vergangenheit nicht vergessen. Die vergewaltigten Frauen, die Amputees – sie warten seit Jahren auf Entschädigung.“ Trotz allem: Hannah Foullah glaubt an die Zukunft ihres Landes. „Wir müssen diesen Minderwertigkeitskomplex loswerden. Wir müssen uns Sierra Leone als ein Paradies vorstellen!“

Eindrücke Hafen Freetown Sierra Leone

Warten auf das Wunder: Jugendliche in Freetown

Mit solchen Visionen können die frustrierten jungen Männer auf den Felsen von Goderich wenig anfangen. „Wenn der Präsident nicht hält, was er versprochen hat, werden wir demonstrieren“, warnt Joseph Squire. „Wenn Koroma nichts für uns tut, wird er abgewählt, so einfach ist das!“

Deshalb könnte das Jahr 2012 der eigentliche Test für Sierra Leone werden: Denn dann stehen die nächsten Wahlen an.