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Deutschland

Sinti und Roma in Deutschland

Früher wurden sie als "Zigeuner" beschimpft. Noch immer kämpfen sie mit zahlreichen Vorurteilen. Über die größte Minderheit Deutschlands ist jedoch wenig bekannt.

19.11. 2003 in Berlin aufgenommen: Am 19.11.2003 protestierte der Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma zusammen mit Holocaust-Überlebenden für die Errichtung eines nationalen Holocaust- Denkmals vor dem Reichstag in Berlin Quelle: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma zur Veröffentlichung , die den Kampf des Zentralrats der Sinti und Roma gegen die Ausgrenzung und Verfolgung der Minderheit dokumentieren.

Antiziganismus Demonstration

Die Sinti und Roma zählen zu den vier nationalen Minderheiten in Deutschland – neben den Dänen, den Sorben und der friesischen Volksgruppe. Sie haben eine eigene Kultur und Sprache. Diese wird seit 1995 durch ein Rahmenübereinkommen des Europarats geschützt und gefördert.

Die Zahl der Sinti und Roma in Deutschland wird auf 120.000 geschätzt. Allerdings besitzen nur ungefähr 70.000 den deutschen Pass. Damit sind sie die größte Minderheit hierzulande.

Jahrhundertelange Diskriminierung und Verfolgung

Ursprünglich stammen die Sinti und Roma aus Nordwest-Indien. Vor etwa 600 bis 800 Jahren zogen sie in Gruppen nach Europa. Die Sinti, eine Untergruppe der Roma, wanderte in deutschsprachige Gebiete wie Deutschland, Österreich oder die Schweiz ein. Als Roma bezeichnen sich die Völker, die sich in Ost- und Südosteuropa ansiedelten und vor etwa einem Jahrhundert nach Deutschland kamen.

Sinti und Roma wurden über Jahrhunderte verfolgt. Den Höhepunkt erreichte diese Verfolgung durch die Nationalsozialisten, die über 500.000 Menschen in Konzentrationslagern ermordeten.

Heute noch leiden Sinti und Roma unter Diskriminierung und Rassismus. Zu den gängigen Vorurteilen gehört etwa die Vorstellung, dass sie in Wohnwagen leben und das ganze Jahr als „fahrendes Volk“ umherziehen. Doch die Realität sieht anders aus: Die Mehrheit führt ein ganz normales Leben, ist sesshaft und arbeitet in üblichen Berufen.

Viele Roma ohne Bleiberecht

Roma children play in front of their temporarily accommodation in downtown Sarajevo, Bosnia, Friday, Nov. 12, 2010. Some EU countries are particularly concerned about an increased number of Roma, or Gypsies, who are moving up and down Europe as borders open one by one. Tens of thousands of Roma have in the past decade faced mass deportation back to the Balkans. (AP Photo/Amel Emric)

Sinti und Roma-Kinder in Sarajevo

Etwa 50.000 Roma flohen in den 1990er Jahren vor dem Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland, darunter 20.000 Kinder. Viele leben heute noch in Flüchtlingsheimen unter einfachsten Bedingungen und sind ständig von Abschiebung bedroht. Da sie nur geduldet sind, dürfen viele keine Arbeit aufnehmen und auch keine Sprach- oder Integrationskurse besuchen.

Besonders brisant ist die Situation der jungen Generation: Viele Jugendliche besuchen die Schule nur unregelmäßig oder verlassen sie ohne Abschluss. Seit Jahren weist der Dachverband Deutscher Sinti und Roma auf das erschreckend niedrige Bildungsniveau hin und fordert einen nationalen Aktionsplan zur Bildungsförderung von Sinti und Roma.

Christlich geprägte Feste und Traditionen

Neunzig Prozent der Sinti und Roma in Deutschland sind katholisch. Viele nehmen regelmäßig an Wallfahrten teil. Die bekannteste ist jene zur Heiligen Sarah im südfranzösischen Küstenort Saintes-Maries-de-la-Mer. Tausende feiern dort jedes Jahr die Schutzheilige der französischen und spanischen Roma.

Probst Martin Tenge (Bistum Hildesheim) spricht am Donnerstag (21.07.2011) in Germershausen (Landkreis Göttingen) einem Kind den Segen zu. Zur dritten Internationalen Wallfahrt haben sich mehrere hundert Sinti und einige Roma an der katholischen Klosterkirche in Germershausen versammelt. Bis zum Sonntag werden die Pilger auf einer Wiese vor der Klosterkirche lagern und in einem großen Festzelt ein Marienfest feiern. Foto: Daniel Reinhardt dpa/lni +++(c) dpa - Bildfunk+++

Segnung bei der Sinti-Wallfahrt in Germershausen

Hierzulande pilgern Hunderte Sinti im Juli nach Germershausen, ein Dorf in Niedersachsen. Einer jahrhundertealten Sage zufolge soll ein Schäfer dort ein Bildnis der Gottesmutter mit Jesuskind in einem hohlen Weidenbaum entdeckt haben. Pilgerfahrten sind immer auch ein Anlass, sich der eigenen Geschichte zu erinnern. Auch finden dort viele Taufen statt.

Anfang Mai feiern jedes Jahr sowohl muslimische als auch christlichorthodoxe Roma aus den Balkanländern gemeinsam Herdelezi, den Feiertag für den Heiligen Georg. Es handelt sich um ein interreligiöses, mehrtägiges Frühlingsfest. Es leitet den Sommer ein und soll zu Glück und Reichtum verhelfen. Lebens- und Frühlingssymbole wie Kerzen, frische Zweige und "Heilwasser" sind Teil der Festdekoration, es wird getanzt und musiziert.