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Kultur

Sinnfrei und Spaß dabei

Flashmobber überraschen die Öffentlichkeit seit einiger Zeit mit absurden Aktionen. Unsere Reporterin wollte da endlich mal mitmachen. Sie hat dann fremde Leute verprügelt. Ging aber gut aus. Ehrlich.

Die Gruppe BerlinCityMobber organisiert regelmäßig Flashmobs in Berlin über Internetplattformen. Hier eine spontane Luftballonschlacht am Marx-Engels-Forum/Lustgarten in Berlin Mitte. *** Autorin: Nadine Wojcik Mai 2010, Berlin

Die Suche beginnt im Internet - wo sonst. Und geht sehr schnell. "Flashmob Berlin" tippe ich in die Suchmaschine. Gleich das erste Ergebnis verweist auf ein Flashmob-Forum. Der aktuellste Beitrag verspricht eine Luftballon-Schlacht. Ich klicke mich weiter durch und erfahre die nötigen Infos. Treffpunkt, Datum, Uhrzeit - um sich gegenseitig mit Luftballons zu verprügeln. Ein paar Tage später laufe ich über das Marx-Engels-Forum in Berlin-Mitte, einer Art Parkanlage mit Bronze-Statuen von Karl Marx und Friedrich Engels, überlebensgroße Überbleibsel aus der DDR. Ich suche die "BerlinCityMobber", so der Name der Organisatoren des heutigen Flashmobs.

Erstens: Verabrede Dich im Internet

Zwei Berlin-City-Mobber tragen eigene TShirts mit der dazugehörigen Internetseite (Foto: DW/Nadine Wojcik).

Nicht zu übersehen

Die Gruppe ist leicht auszumachen. Zehn Leute sitzen auf dem Rasen neben dem Denkmal, auf ihren schwarzen T-Shirts steht unübersehbar mit weißen Druckbuchstaben "BerlinCityMobber". Die Gruppe wirkt ziemlich eingeschworen, aber auch offen für Neue wie mich. Woher sie sich kennen, frage ich. "Aus dem Internet", antworten die Mobber im Chor. Auf einer eigenen Seite oder auch durch soziale Netzwerke wie Facebook haben sie sich gesucht und gefunden. Den ersten Flashmob haben sie vor rund einem Jahr organisiert, mittlerweile hat sich ein fester Freundeskreis daraus ergeben, der sich regelmäßig trifft, nicht nur zum Flashmobben.

Zweitens: Konspiratives Rumhängen

Die ersten Flash-Mobber zeigen sich rund um das Marx-Engels-Forum (Foto: DW/Nadine Wojcik).

Langsam füllt sich der Platz

Nun gut, gefunden habe ich die Flashmobber. Aber mit nur zehn Leuten werde ich mich bestimmt nicht mit einem Luftballon zum Affen machen. Bleibt also die zweite Sorge: Kommen außer mit noch mehr Leute? Innerhalb von wenigen Minuten füllt sich der Platz tatsächlich mit immer mehr jungen Leuten. Ich entdecke aber auch eine Familie mit einem Kleinkind und höre verschiedene Sprachen wie Englisch, Spanisch oder Polnisch. Konspirativ sammeln sich die künftigen Mobber in Kleingrüppchen, als Einzelperson fühl ich mich etwas fehl am Platz.

Ein Flashmobber bläst einen blauen Luftballon auf (Foto: DW/Nadine Wojcik).

Warten auf Anweisungen

Einer der Citymobber verteilt bunte Luftballons aus einer Plastiktüte. Ich entscheide mich für einen orangefarbenen und warte auf Anweisungen. Citymobberin Mandy stellt sich auf den Sockel des Marx-Engels-Denkmals und klärt die inzwischen etwa 130 Leute auf: "Wir gehen jetzt alle zum Lustgarten, relativ verteilt, damit wir nicht schon vorher auffallen. Auf einen Pfiff pusten wir die Luftballons auf und schlagen uns dann. Viel Spaß!"

Drittens: Sei unauffällig!

Die Menschenmasse setzt sich in Bewegung Richtung Lustgarten, die große Rasenfläche auf der Berliner Museumsinsel, keine 500 Meter entfernt. "Clever gewählt", denke ich mir. Bei gutem Wetter sind da immer eine Menge Leute, die man mit dem Flashmob überraschen kann. Bleibt allerdings die Frage nach dem Sinn. "Ein Flashmob soll einfach nur Spaß machen und vor allem sinnfrei sein", sagt einer der Organisatoren. "Ist das nicht ein bisschen oberflächlich?" gebe ich zu bedenken. "Was ist schon so verkehrt daran, dass wir uns auf Spaß beschränken", kontert Citymobber Mario. "Es gibt so viele Leute, die fast nie Spaß haben. Wenn wir es schaffen, dass sie mal aus ihrem Alltagstrott ausbrechen, das ist doch super."

Die Gruppe BerlinCityMobber organisiert regelmäßig Flashmobs in Berlin über Internetplattformen. Hier eine spontane Luftballonschlacht am Marx-Engels-Forum/Lustgarten in Berlin Mitte. *** Autorin: Nadine Wojcik Mai 2010, Berlin

Hau drauf und lache!

Viertens: Prügel Dich!

Angekommen auf der Museumsinsel verteilen sich die Flashmobber. Einige stehen in Grüppchen zusammen und quatschen, andere legen sich auf die Wiese und genießen die Sonne. Kaum ertönt das abgesprochene Zeichen, die Trillerpfeife, holen alle ihre Luftballons hervor und pusten was das Zeug hält. Sekundenschnell aufgeblasen und verknotet, prügeln wir aufeinander ein. Zugegeben: meine anfängliche Skepsis verfliegt, ich kann nicht anders als lachen und Spaß haben. Um die große Traube Luftballon-Prügler sammeln sich schnell Passanten, staunen, grinsen, zücken Digitalkameras und Fotohandys. Auf einen weiteren Pfiff folgt ein kollektives Luftballon-Platttreten und Einsammeln der übrig gebliebenen Plastikfetzen.

Die Gruppe BerlinCityMobber organisiert regelmäßig Flashmobs in Berlin über Internetplattformen. Hier eine spontane Luftballonschlacht am Marx-Engels-Forum/Lustgarten in Berlin Mitte. *** Autorin: Nadine Wojcik Mai 2010, Berlin

Ein "Cheese" zur Erinnerung

Fünftens: Bitte recht freundlich!

Nach der Schlacht setzt sich die Menschenmasse wieder in Bewegung - zurück zum Marx-Engels-Forum zwecks Gruppenfotos. Auf dem Rückweg treffe ich zwei Spanier, Erasmus-Studenten. Wie sie davon erfahren haben, will ich wissen. "Über Facebook. Wir waren schon beim letzten Flashmob dabei, das war so lustig, deswegen sind wir heute wieder da." Aus der vorher fremden Gruppe, die sich hier auf dem Platz vor einer halben Stunde getroffen hat, ist eine Gemeinschaft geworden. Zumindest fürs Gruppenfoto. Und im Internet werden sie sich dann wiedertreffen und sich gegenseitig die Fotos und Videos ihrer Luftballon-Schlacht zeigen.

Autorin: Nadine Wojcik

Redaktion: Marlis Schaum

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