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Kultur

Singer: "Wir haben wie Detektive gearbeitet"

1945 verschwand ein Dokumentarfilm über die KZ-Befreiung. 70 Jahre später wurde er rekonstruiert. Über die Hintergründe hat Regisseur André Singer einen eigenen Film gemacht: "Night Will Fall".

1945 dokumentierten britische, amerikanische und russische Kamerateams die Befreiung der Konzentrationslager. Regisseure wie Alfred Hitchcock und Billy Wilder sollten mit dem Rohmaterial einen Dokumentarfilm produzieren. Dann änderten sich die politischen Vorzeichen und der Film landete unvollständig in den britischen Archiven. Nach jahrelangen Recherchen ist es dem Imperial War Museum gelungen, den Hitchcock-Film vollständig zu rekonstruieren. Er wurde im Rahmen der Berlinale 2014 erstmals öffentlich in Deutschland aufgeführt. André Singer zeigt nun in seinem Dokumentarfilm "Night Will Fall" die Wiederherstellung des Hitchcock-Films – und rekonstruiert zugleich mit Hilfe von Zeitzeugen die Befreiung der Konzentrationslager.

DW: Die ursprüngliche Dokumentation trägt den Titel "German Concentration Camps – Factual Survey". Was ging ihnen durch den Kopf, als sie die zum ersten Mal gesehen haben?

André Singer: Zunächst einmal dachte ich an die Fähigkeit des Menschen, all diese schrecklichen Dinge tun zu können; dieses furchtbare Chaos aus unfassbarer Brutalität anzurichten. Ich sehe also diese extremen Bilder und es wird für mich immer mysteriöser. Außerdem: Jetzt, wo der Film, digital restauriert ist, ist er völlig anders. Er ist so direkt und klar. Wenn du ihn das erste Mal siehst, ist es wie ein Schock. Keine Distanz, nicht dieses körnige Stück Geschichte, sondern alles sehr eindringlich.

Viele dieser Bilder haben wir in all den Jahren schon in zahlreichen Dokumentationen gesehen. Nicht alles ist neu. Was ist anders in ihrem Film?

Ich denke, die Absicht unseres Films "Night Will Fall" ist, die Geschichte der Geschehnisse in den Konzentrationslagern während des Krieges und kurz danach, etwas anders zu erzählen. Nämlich durch die Augen der Menschen, die das gefilmt haben, durch die Augen der Soldaten, die als erste in die Lager gekommen sind und durch die Augen der Opfer, die in den Lagern überlebten. Um ihre Geschichte zu erzählen, haben wir das gesamte Originalmaterial nach Personen durchsucht, die darin auftauchen. Dann haben wir geprüft, wer davon noch am Leben ist und haben diese Personen aufgesucht, damit sie 70 Jahre später nochmal davon berichten können. Wir haben wie Detektive gearbeitet und vielleicht ist es wirklich die letzte Gelegenheit, dass diese Menschen zu Wort kommen.

Alfred Hitchcock war in das Projekt involviert. Wie kam es dazu?

Der Mann, der für den Film "German Concentration Camps – Factual Survey" verantwortlich war, war Sidney Bernstein, ein alter Freund von Alfred Hitchcock. Als Bernstein selbst im Lager Bergen-Belsen war und an dem Film arbeitete, war ihm klar, dass er einen cineastischen Blick brauchte, damit das Ganze mehr wird als nur ein Bilderkatalog des Grauens. Er überredete Hitchcock, von Hollywood nach London zu kommen. Und als der mit den Cuttern sprach und das erste Mal das Material sah, war er völlig angewidert und entsetzt. Er konnte nicht weitermachen. Schließlich gab er Ratschläge, wie man den Film schneiden könnte, um seine Wirkung zu verstärken. Indem man lange Einstellungen wählt und Schwenks von der Landschaft und den Häusern zu den Lagern. Außerdem riet er Bernstein Karten zu verwenden. Karten, auf denen man genau sieht, wo die Lager waren und wo die Leute wohnten. So kann man zum Beispiel sehen, dass Dachau in der Mitte der Stadt war und die Menschen drum herum wohnten. Auf diese Weise, so Hitchcocks Idee, kann niemand sagen, er hätte von den Konzentrationslagern nichts gewusst.

Schon sehr bald haben sich die Briten und Amerikaner entschlossen, den Film nicht zu Ende zu bringen. Warum?

Der Krieg endete Anfang Mai 1945. Im Juni war die Welt bereits eine andere. Es gab einen neuen Gedanken – speziell bei den Briten und Amerikanern - und das war der Gedanke an die Sowjetunion und der Beginn des Kalten Krieges. Sie dachten plötzlich: ‚Moment mal, wir haben Deutschland besiegt, aber Deutschland ist nicht mehr unser Feind, die Sowjetunion ist jetzt unser Feind. Wollen wir wirklich diesen Film nutzen, um die Deutschen mit der Nase in die Kriegsverbrechen zu stoßen, wenn wir sie eigentlich brauchen, damit sie sich selbst aus dem Schlamassel ziehen? Wir brauchen sie, damit Deutschland wieder aufgebaut wird.'

Es gab einen weiteren Grund in Großbritannien, der nicht genau belegt ist, aber ich glaube daran. Einer der politischen Hauptthemen dieser Zeit war die Palästina-Frage. Die Briten hatten das Mandat für Palästina. Und dort braute sich erheblicher Ärger zusammen wegen des aufkeimenden Zionismus. In den jüdischen Flüchtlingslagern gab es ebenfalls eine starke zionistische Bewegung. Die Leute dort sagten: ‚Wir wollen nicht in Deutschland bleiben, wir wollen nicht zurück nach Osteuropa' - wo viele herkamen, wo sie aber nicht mehr willkommen waren. ‚Wir wollen nach Palästina', sagten die Menschen. Aber das lag nicht im Interesse der Briten. Sie wollten deshalb keinen großen Lärm machen um ihr Dilemma, um weltweit keine Sympathien für den Wunsch der jüdischen Bevölkerung zu wecken. Denn das hätte die Situation der Briten in Palästina weiter verschlimmert. Kurzum: ein Propagandafilm über den Holocaust, der am Ende Tatsachen schafft, war zu dieser Zeit am falschen Platz.

André Singer, geboren kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in São Paulo, Brasilien, macht seit mehr als vierzig Jahren Dokumentarfilme. Nicht nur als Regisseur, sondern auch als Produzent. In dieser Funktion arbeitete er viele Jahre lang mit der deutschen Regielegende Werner Herzog und produzierte mit ihm auch den Dokumentarfilm "The Act Of Killing" über die Todesschwadronen des indonesischen Diktators Suharto. "Night Will Fall" bezeichnet er als ein Projekt bedingungsloser Hingabe. Der heutigen Generation sollten die schrecklichsten, brutalsten Grausamkeiten, die Menschen erleben können, vermittelt werden.