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Wissen & Umwelt

Sind Viren die Ursache für Dickdarmkrebs?

Für seine Entdeckung, dass Papillomviren Gebärmutterhalskrebs auslösen können, erhielt Prof. Harald zur Hausen 2008 den Nobelpreis. Jetzt vermutet er, dass auch andere Krebserkrankungen so ausgelöst werden könnten.

Prof. Harald zur Hausen in seinem Heidelberger Labor (Foto: (AP Photo/Thomas Kienzle)

DW-WORLD.DE: Prof. zur Hausen, welche Arten von Krebs könnten das ihrer Meinung nach denn sein?

Prof. Harald zur Hausen: Ich habe den Verdacht, dass vor allem die Krebserkrankungen des Dickdarms und des blutbildenden Systems durch Infektionen ausgelöst werden könnten. Denn beim Vergleich von Daten habe ich entdeckt, dass die Dickdarmkrebsrate in verschiedenen Ländern sehr stark variiert. Und dafür können nicht – wie bisher vermutet – allein die krebserregenden Kanzerogene, die durch den Garungsprozess entstehen, verantwortlich sein.

Weshalb nicht?

Papillomaviren in Zellen einer Gebärmutter (Foto: picture-alliance/ OKAPIA KG, Germany)

Papillomaviren können Gebärmutterhalskrebs auslösen

Kanzerogene sind chemische Substanzen, die beim Kochen, Braten oder Grillen entstehen und Krebs verursachen können. Sie entstehen jedoch unabhängig von der Art des Fleisches, das gegart wird. Es gibt aber keinerlei Hinweise darauf, dass es einen Zusammenhang zwischen langfristigem Genuss von Fisch oder Geflügel und dem Entstehen von Darmkrebs gibt. Bei einer anderen Fleischart gibt es darauf dagegen sehr wohl Hinweise: Es zeichnet sich stark ab, dass die Ausbreitung des Krebses eng an den Genuss von Rindfleisch gekoppelt ist.

Wie kommen sie darauf?

In arabischen Ländern, in denen bevorzugt Schaf- und Ziegenfleisch gegessen wird, ist die Dickdarmkrebsrate niedrig. In Indien, wo die Menschen überhaupt kein Rindfleisch essen, gibt es fast gar keinen Dickdarmkrebs. Und in Japan und Korea, wo Rindfleisch erst in den vergangenen Jahrzehnten zu einer der beliebtesten Speisen geworden ist, gibt es einen rasanten Anstieg der Dickdarmkrebsrate. Das kann also nicht alleine von den Kanzerogenen kommen, denn die entstehen auch beim Garen von Fisch oder Geflügel. Deshalb kann man zu der Überzeugung kommen, dass im Rindfleisch ein bestimmter Faktor sein muss, der diesen Krebs mitbedingt.

Nährmedium einer Stammzellenkultivierung wird ausgewechselt (Foto:dpa)

Die Stammzellenforschung spielt laut zur Hausen eine große Rolle

Was für ein Faktor könnte das ihrer Meinung nach sein?

Für einen Infektiologen liegt es nicht fern zu vermuten, dass es eventuell ein hitzeunempfindliches Virus ist. Denn wenn wir zum Beispiel Fleisch "medium" oder "roh" zubereiten, dann erreicht die Temperatur im Inneren meist nur 30 bis 50 Grad Celsius – und das reicht bei weitem nicht aus, um solche Viren zu inaktivieren. An dieser Frage forsche ich derzeit gemeinsam mit meiner Frau sehr intensiv.

Glauben Sie, dass wir Krebs irgendwann einmal heilen können?

Ich bin mir sicher, dass wir Krebs zumindest in größerem Umfang heilen werden können als heute. Wir haben ja bereits große Fortschritte in der Krebsprävention und -therapie gemacht: Bei Brustkrebs oder Blutkrebs sind die Heilungschancen schon relativ gut. Aber wir müssen uns auch eingestehen, dass einige Krebserkrankungen wie etwa Lungen- und Bauchspeicheldrüsenkrebs oder bestimmte Hirntumore für Patienten fast ein klares Todesurteil bedeuten. Gegen diese Krebsarten kann man leider immer noch wenig machen. Dass wir Krebs in den nächsten 20 oder 30 Jahren ganz beseitigen können, halte ich deshalb für ziemlich unwahrscheinlich. Was aber passieren wird, ist, dass Patienten mit Krebs länger leben werden.

Welche Rolle könnte dabei die Stammzellentherapie spielen?

Die Stammzellforschung spielt schon jetzt bei der Behandlung der Leukämie eine gewisse Rolle. Auch für Blutkrebserkrankungen sehe ich hier relativ große Chancen. Ich habe aber das Gefühl, dass in Deutschland ein großer Teil der Politiker nicht versteht, welches große Potential für die Gesellschaft in der Stammzellforschung steckt. Deshalb liegen wir weit hinter den USA und Japan, wo die wesentlichen neuen Ideen und Methoden entwickelt worden sind.

Woran liegt das ihrer Meinung nach?

Wir haben in Deutschland eine sehr emotionale Debatte gehabt, die Ängste geschürt hat und viele Forscher entmutigt hat, in der Stammzellenforschung tätig zu werden. Das ist sicherlich ein Fehler gewesen. Aber die Grundstimmung ist heute schon liberaler als vor fünf oder zehn Jahren.

Das Gespräch führte Judith Hartl
Redaktion: Theresa Tropper

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