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Politik

Sind die Taliban militärisch zu besiegen?

Meldungen über Anschläge und Tote aus Pakistan sind längst zur täglichen Routine geworden. Auch der Wahlkampf um das Weiße Haus hat die Situation verschärft. Was sind die Hintergründe?

Taliban (Quelle: AP)

Taliban beeinflussen auch den US-Wahlkampf

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz hat den Nordwesten Pakistans vor wenigen Tagen als "Kriegsgebiet" bezeichnet. Hunderttausende sind inzwischen vor den Kämpfen zwischen der pakistanischen Armee und islamistischen Militanten auf der Flucht. Besonders in der an Afghanistan angrenzenden Bajaur Agency finden seit Beginn einer Militäroffensive im August heftige Kämpfe statt. Zehntausende sind von dort sogar nach Afghanistan geflohen.

Die Eskalation der Gewalt hat viel mit dem US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf zu tun. Bereits in den vergangenen Jahren war das pakistanische Militär häufig von den USA kritisiert worden, dass es zu unentschlossen gegen die Taliban und Al-Qaida im Grenzgebiet zu Afghanistan vorgehe. Die Region gilt als wichtiges Rückzugsgebiet für Al-Qaida und logistische Basis der Taliban für Angriffe in Afghanistan.

"Wir werden ihn töten"

Barack Obama (Quelle: AP)

Präsidentschaftskanditat Barack Obama - er will US -Truppen nach Afghanistan bringen

Der Präsidentschaftskandidat der Demokraten, Barack Obama, verbindet im Wahlkampf Kritik an der Irak-Politik der Regierung mit dem Versprechen, Truppen an den eigentlichen Schauplatz des Anti-Terror-Kriegs, nach Afghanistan, zu verlegen: "Wenn wir Osama bin Laden im Visier haben und die pakistanische Regierung nicht in der Lage oder nicht willens ist, ihn zu eliminieren, dann denke ich, müssen wir handeln. Und wir werden sie eliminieren. Wir werden Bin Laden töten und Al-Qaida zerschlagen. Das muss für unsere Nation erste Priorität sein."

Offenbar sah sich Präsident George W. Bush nach solchen Äußerungen Obamas unter Druck zu handeln -oder Bush hoffte kurz vor dem Ende seiner Amtszeit noch auf einen spektakulären Erfolg. Jedenfalls hat der Präsident seinerseits Pakistan massiv zu neuen Militäroffensiven im Grenzgebiet gedrängt.

Grünes Licht für mehr Gewalt

Bush hat nach übereinstimmenden Medien-Berichten, entgegen den Ratschlägen vieler Washingtoner Fachleute im Außen- und Verteidigungsministerium, im Sommer auch insgeheim grünes Licht für Attacken auf pakistanisches Gebiet gegeben. Seitdem haben die Luftangriffe, bei denen meistens unbemannte US-Flugzeuge, so genannte Predator-Drohnen, von Afghanistan aus aufsteigen, in pakistanisches Territorium vordringen und Ziele in Pakistan angreifen, deutlich zugenommen. Bei mehreren Gelegenheiten haben US-Soldaten auch selbst die Grenze überquert. Damit haben die USA ihre Verbündeten in Pakistan in eine missliche Lage gebracht. Pakistanische Truppen haben sich gegen die als Demütigung durch die Alliierten empfundenen Grenzverletzungen in mehreren Fällen offenbar durch Warnschüsse gewehrt.

Neue Strategie ist kontraproduktiv

Viele Experten halten die neue US-Strategie für kontraproduktiv. Der Friedensforscher Paul Rogers von der Universität Bradford in Großbritannien sagt: "Ich glaube, dass verstärkte US-Interventionen im Westen Pakistans auf Dauer eher eine Stärkung der Taliban bis hinein nach Afghanistan bewirken würden. Es würde außerdem mit Sicherheit bedeuten, dass sich bei vielen in Pakistan noch stärker anti-amerikanische Ansichten durchsetzen."

Problematisch ist dabei nicht nur die Verletzung der pakistanischen Souveränität; fehlende oder falsche Geheimdienst-Informationen führen ähnlich wie in Afghanistan auch in den pakistanischen Stammesgebieten dazu, dass die Luftangriffe häufig Zivilisten treffen. Und das bringt den Militanten neue Sympathien.

Anschlag auf das Marriott Hotel in Islamabad (Quelle: AP)

Anschlag auf das Marriott Hotel in Islamabad - führt die Strategie der USA in die falsche Richtung?

Die öffentliche Meinung in Pakistan ist denn auch sehr skeptisch. Während nach dem spektakulären Anschlag auf das Marriott-Hotel in Islamabad im September die Zeitungen noch voll von selbstkritischen Tönen über die pakistanische Politik waren, die nicht entschlossen genug gegen militante Extremisten vorgehe, dominieren inzwischen wieder Verschwörungstheorien die Medien, wonach die Taliban in Wirklichkeit vom Ausland gesteuert würden. Der renommierte Fernsehmoderator Javed Chaudhry etwa erklärt seinem Publikum im Sender "Express TV": "Fakt ist doch, dass Waffen und Technologie für den Krieg in den Stammesgebieten aus Russland kommen. Russland liefert in großem Umfang Munition und Sprengstoff via Iran nach Mazar-e-Sharif. Und von dort kommt der Sprengstoff dann in die pakistanischen Stammesgebiete. In Pakistan sind Kommandoeinheiten aufgegriffen worden, die keine Muslime waren, die Hunde- und Katzenfleisch essen und Alkohol trinken."

Andere Kommentatoren sehen die verborgene Hand des Erzfeinds Indiens oder gar der USA selbst hinter den pakistanischen Taliban.

Und Pakistan sieht sich in erster Linie als Opfer, als Schauplatz für einen Stellvertreterkrieg ähnlich wie in den Tagen des Kalten Krieges. US-amerikanisches Säbelrasseln wird diese Gefühle, wie berechtigt sie auch sein mögen, tendenziell noch verstärken – so viel scheint sicher.

Aber vielleicht bahnt sich ohnehin bereits wieder eine Kehrtwende in der US-amerikanischen Politik an. Während die Zweifel bei den Verbündeten wachsen, ob der Krieg in Afghanistan zu gewinnen ist, bemüht sich die afghanische Regierung offenbar um Verhandlungen mit den Taliban, und selbst US-Verteidigungsminister Gates will sie nicht mehr ausschließen. In dem Maße, in dem eine militärische Lösung in Afghanistan unwahrscheinlich wird, dürfte auch die harte Linie in den pakistanischen Stammesgebieten in Frage gestellt werden.

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