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Fokus Südosteuropa

Sind AKWs in Mittel- und Südosteuropa sicher?

Auch nach dem Reaktorunglück in Fukushima setzen mittel- südosteuropäische Länder auf Atomkraft. Die eigenen AKWs seien sicher, behaupten Regierungspolitiker. Dies wird nur seltenen von der Bevölkerung hinterfragt.

Geigerzähler vor einem Radioaktivitätswarnschild (Foto: dpa)

AKWs sollen sicher sein, meinen Politiker

"Die Atomkraft macht uns energieunabhängig" und "unsere Kraftwerke sind sicher" - so oder so ähnlich klingt es, wenn offizielle Vertreter fast aller osteuropäischen Länder über Konsequenzen aus der Atomkatastrophe in Japan sprechen, auch noch zwei Wochen nach dem Unglück. Ungarn, Rumänien, Polen, Tschechien und die Türkei sehen keinen Grund, ihre Pläne für den Einstieg oder den Ausbau der Atomkraft auf Eis zu legen.

Der polnische Premierminister Donald Tusk, der seit 2007 den Einstieg in die Atomenergie forciert, warnt davor, deswegen in "Hysterie" zu verfallen. Die Ursache für das Reaktorunglück in Japan sei keine AKW-Panne, sondern das Erdbebens und der darauf folgende Tsunami gewesen.

Sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan pflichtet dem bei: "Bei einem Erdbeben können ja auch andere Sachen beschädigt werden. Brücken zum Beispiel. Sollen wir deshalb keine Brücken mehr bauen?" Die Türkei strebt, wie auch Polen, den Atomeinstieg an. Im Gegensatz zu Polen gilt die Türkei als stark erdbebengefährdet. Und während 65 Prozent der Polen für den Atomeinstieg ihres Landes sind, fehlt dem türkischen Regierungschef die breite Akzeptanz der Bevölkerung. Umfragen zufolge sind 60 Prozent der Türken gegen den Bau der geplanten zwei Meiler.

EU fordert höhere Sicherheitsstandards

Rumänisches Kernkraftwerk Cernavoda an der Donau (Foto: picture alliance / dpa)

Rumäniens Kernkraftwerk liegt an der Donau

Auch Rumänien verfolgt seine Atompläne weiter. Das AKW in Cernavoda, etwa 165 Kilometer von Bukarest entfernt, soll um zwei Reaktoren erweitert werden. Bisher gab es dort keine Störfälle, allerdings gilt auch Rumänien als erdbebengefährdet. Einige Tage nach der Katastrophe in Japan ließ die EU-Kommission verlauten, dass die geplanten neuen Reaktoren in Cernavoda erdbebensicherer als die alten gebaut werden müssen.

Bedenken wegen der Sicherheit des rumänischen Meilers weist Lucian Biro, Vorsitzender der rumänischen Atomenergiebehörde, zurück: "Das AWK in Cernavoda hält laut Projekt einem Erdbeben von 8 auf der Richterskala stand. Laut einiger neuen Tests handelt es sich sogar um die Stärke 8,5 auf der Richterskala. Aber vor 20 Jahren waren die Instrumente nicht so genau wie heute. Also stehen wir sogar besser da als ursprünglich geplant."

Das Verlangen der EU-Kommission nach höheren Sicherheitsstandards für die AKWs nach der Katastrophe in Japan ist verständlich, sagte Biro. Laut der rumänischen Atomenergiebehörde ist Cernavoda aber unter den 50 sichersten Meilern in der ganzen Welt.

Die Kernkraft sei die Energie der Zukunft, beteuert die ungarische Regierung. Einen Ausstieg aus der Atomenergie komme nicht in Betracht. Seit geraumer Zeit erwägt Budapest sogar den Ausbau des bestehenden AKW in der Kleinstadt Paks, allerdings mangelt es an Investitionen. Da es in Ungarn immer wieder leichte Erdstöße gibt, wurde Regierungskreisen zufolge das AKW bereits in den 90ern modernisiert und erdbebensicherer gemacht.

Auch die Tschechischen Reaktoren in Temelin seien erdbebensicher, behaupten die Verantwortlichen. Es wäre ein billiges Manöver, nach dem Unfall in Fukushima die Öffentlichkeit zu beunruhigen, denn ein Tsunami drohe Tschechien bekanntlich nicht, bemerkte Premier Petr Necas ironisch. Tschechien, genau wie die Slowakei, will bestehende Kraftwerke um weitere Reaktoren ausbauen.

Garantien vom Hersteller verlangt

Herzlich WIlkommen steht an einer Gebäudewand im Ort Belene Bulgarien (Foto: dpa)

Das umstrittene AKW Belene

In den letzten Tagen sind die Pläne der bulgarischen Regierung für den Bau eines zweiten AKW im erdbebengefährdeten Belene an der Donau ins Wanken geraten. Vor einer Woche verkündete Energieminister Trajtscho Trajkov, dass er vom russischen Hersteller Atomstroyexport weitere Garantien für die beiden bestellten Reaktoren verlangt hat.

Das Belene-Projekt soll für drei Monate auf Eis gelegt werden, sagte Tage später Bulgariens Premier Bojko Borissov: "Wir haben mit der russischen Seite gesprochen. Ich hoffe, dass wir bis Donnerstag (31.03.2011) ein Memorandum über das dreimonatige Moratorium unterzeichnen. Bis dahin sollen alle technischen Fragen in Bezug auf die Erdbebengefährdung und die Kosten geklärt werden."

Die bulgarische Regierung denkt aber auch über einen Plan B nach: Das bestehende AKW Kosloduj kann um die beiden in Russland bestellten Reaktoren ausgebaut werden. Das Belene-Projekt wird seit langer Zeit von Umweltschützern kritisiert. Die Mehrheit der Bulgaren unterstützt jedoch bisher die Atomenergie. Nach dem Unglück in Japan befürworten immerhin noch etwa 51 Prozent den Ausbau der Atomkraft, 45 Prozent sind dagegen.

Kroatien hat zwar keinen eigenen Meiler, der kroatische Konzern Hrvatska Elektroprivreda (HEP) hält jedoch 50% der Anteile des umstrittenen AKW Krsko im benachbarten Slowenien. Der Standort, etwa 40 Kilometer von Zagreb entfernt, gilt als besonders erdbebengefährdet. Die Betreiber von Krsko betonen immer wieder, die Anlage sei für Erdbeben bis zur Stärke 7,2 auf der Richterskala gerüstet.

Aber auch ohne Naturkatastrophen sind die Atomanlagen nicht hundertprozentig gegen Unfälle geschützt. Am vergangenen Mittwoch (23.03.2011) hat sich das AKW Krsko automatisch abgeschaltet. Grund dafür sei eine Unterbrechung in der Stromleitung aus Zagreb gewesen, erklärte eine Sprecherin. Es habe keine Gefahr bestanden, dass Radioaktivität austrete. Die Wiederinbetriebnahme zwei Tage später scheiterte. Ein zweiter Versuch wird Ende der Woche gemacht.

Autorin: Blagorodna Grigorova
Redaktion: Mirjana Dikic / Fabian Schmidt

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