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Nahost

Sinai: Gefangen zwischen Terroristen und Armee

Ägyptens Armee hat den IS-nahen Gruppen auf dem Sinai den Kampf angesagt. Doch auch die ansässige Zivilbevölkerung leidet unter dem harten Vorgehen, berichtet Naomi Conrad.

In einem Cafè im Zentrum von Kairo sitzt Saed Ateek, ein schmächtiger Mann mit einem breiten Lächeln und Geheimratsecken. "Ja, ich kannte einen der Anführer der Terrorgruppen auf dem Sinai ziemlich gut", sagt er. "Shadi al-Manaei ist in einem Nachbarort aufgewachsen und ich habe ihn immer bei unseren Stammestreffen gesehen. Er war ein ganz normaler Typ - so wie du und ich."

Der Mittdreißiger trägt ein modisches graues T-Shirt und eine Uhr, die aussieht, als sei sie teuer gewesen. Ateek stammt aus Schabana, einem kleinen Beduinenort auf dem nördlichen Sinai, unweit der israelisch-ägyptischen Grenze. Er gehört zu den Sawarkas, dem zweitgrößten Stamm, der auf dem Sinai ansässig ist und Ateek ist politischer Aktivist.

Heute sei Schabana Teil eines "Kriegsschauplatzes", wie Ateek seine Region nennt. Mindestens 90 Prozent der Einwohner hätten fliehen müssen, erzählt er. Ihm ist anzusehen, dass er es kaum fassen kann: "Schabana ist heute eine Geisterstadt."

Versteckte Kämpfer

Dass das so ist, geht auch auf das Konto von Männern wie Shadi el-Manaei. Er ist einer von vielen Hunderten gewaltbereiten Islamisten, die seit Jahren auf dem Sinai aktiv sind. Seit dem Sturz des ehemaligen Präsidenten und Muslimbruders Mohamed Mursi durch die Armee 2013, haben ihre Aktivitäten wieder zugenommen.

Zu den Hauptakteuren auf dem Sinai gehört die militante Gruppe “Ansar Beit Al-Makdis”, die sich dem selbst ernannten “Islamischen Staat” (IS) angeschlossen hat. Seither nennt sich die Gruppe "Wilayat Sinai" – "Provinz Sinai". Sie haben zahlreiche Terrorangriffe auf die ägyptische Armee auf dem Sinai verübt, bei denen hunderte Soldaten zu Tode kamen. Aber auch in Kairo waren sie bereits aktiv.

Die Armee, die mit Razzien und Ausgangssperren auf die Terrorangriffe reagierte, startete zudem diverse Großoffensiven auf die Extremisten: Nach Angaben der Armee sollen dabei mindestens 500 Terroristen getötet worden sein.

Zwischen 300 und 700 aktive Kämpfer soll die "Provinz Sinai“ haben, so Zack Gold vom Institut für nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv. Damit es nicht noch mehr werden, hat es sich der Aktivist Ateek zur Aufgabe gemacht, Jugendliche davon zu überzeugen, sich nicht den militanten Gruppen auf dem Sinai anzuschließen.

Nordsinai Copyright/ Photographer: DW/ Ahmed WaelÄgypten Präsident Al-Sisi(rechts) zu Besuch auf dem Sinai (Foto: DPA)

Viele Orte im Norden des Sinai sind zu Geisterstädten geworden

Ateek kennt die Vorgehensweise der Extremisten genau: Er hält sein weißes Smartphone in der Hand und zeigt auf ein unscharfes Bild eines SUV, der fast komplett im Sand versunken ist. Dieses Auto ist ein Aufbewahrungsort für Waffen und Vorräte, sagt er und lächelt dabei. "Diese Typen wissen, wie sie ihre Spuren verwischen und einfach verschwinden können."

Chronisch unterentwickelt

Dass die Terrorbanden auf dem Sinai Zulauf genießen, liegt nicht zuletzt an der hohen Arbeitslosigkeit. Drogenhandel und der Waffenschmuggel florieren und der IS kann auf lokale Helfer bauen, so Gold. "Für 50 Dollar halten sie Ausschau nach der Polizei oder legen improvisierte Sprengsätze."

Jahrzehnte lang hat die Kairoer Regierung die Halbinsel vernachlässigt. Die Beduinen waren auf sich selbst gestellt und vom Militärdienst ausgeschlossen. Die wenigen Zuwendungen, die die Region erfahren hat, wurden falsch investiert oder sind im Sumpf der Korruption einfach verschwunden, wie ein langjähriger Mitarbeiter der Sinai-Entwicklungsbehörde erzählt, der nicht namentlich genannt werden möchte. Dadurch hätte man in der Bevölkerung Ressentiments gegenüber der Führung in Kairo geschürt und die Extremisten hätten an Zulauf erfahren. Zack Gold kann das nur bestätigen: "Viele Beduinen haben das Gefühl, dass sie nicht Teil des ägyptischen Staates sind. Sie werden de facto aber auch nicht wie Ägypter behandelt."

Vertrieben von zu Hause

Die Regierung geht mit unverminderter Härte gegen die Angriffe der Islamisten vor: Die ägyptischen Streitkräfte haben bisher die Häuser von 3200 Familien an der Grenze zum Gazastreifen im Zuge einer Kampagne zerstört und die Familien vertrieben. Dieses Vorgehen verstoße gegen internationales Recht. Außerdem seien die Familien nicht ausreichend kompensiert worden, kommentierte die Organisation Human Rights Watch die Vorgehensweise Kairos.

Die Regierung allerdings behauptet, dass angemessene Entschädigungen gezahlt wurden. Es sei notwendig gewesen, diesen kilometerlangen Landstrich entlang der Grenze zum Gazastreifen dem Erdboden gleich zu machen, denn von dort würden die Extremisten über Tunnel zum Gazastreifen Waffen schmuggeln.

Außerdem hat die Armee strikte Ausgangssperren verhängt und Straßensperren aufgestellt. Immer wieder fallen Strom und Telefonnetz aus. "Wir ersticken vor lauter Sicherheitsmaßnahmen. Heute brauchen wir 30 Minuten mit dem Auto für eine Strecke, für die wir früher fünf Minuten gebraucht haben", erzählt eine 20-jährige Studentin aus Arish, einem Ort im Norden des Sinai via Skype. Zudem habe das Misstrauen in der Bevölkerung zugenommen, erzählt ein anderer Bewohner. Beide wollen namentlich nicht genannt werden.

Ägypten Präsident Al-Sisi(rechts) zu Besuch auf dem Sinai (Foto: DPA)

Ägypten Präsident Al-Sisi (rechts) hat dem Terror auf dem Sinai den Kampf angesagt

Rache und Verschleppungen

Auch Ateek hat auf dem Sinai viel gesehen und erlebt: Vor zehn Monaten sei ein Freund von ihm entführt worden. Einige Tage später habe man den geschändeten Körper gefunden. Sein Freund habe seine Ablehnung gegenüber dem IS einfach zu offen kundgetan, sagt er.

"Jeder weiß von jedem, wen er unterstützt", sagt Ateek. Auch über ihn ist bekannt, dass er Aufklärungsarbeit leistet. Daher zieht er ständig um. "Ich habe Angst um mein Leben", sagt er mit leiser Stimme. Ob er in Kairo sicher sei? Das wisse er auch nicht. Ein Freund von ihm sei kürzlich in Kairo vor seiner Haustür erschossen worden. Und er ist sich sicher, dass die Terrorgruppe "Provinz Sinai" dahinter steckt.

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit Heba Farouk Mahfouz aus Kairo entstanden.