Silicon Valley auf Chinesisch | Asien | DW | 19.11.2014
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Asien

Silicon Valley auf Chinesisch

Chinesische App-Entwickler gehören inzwischen zu den erfolgreichsten der Welt. Sie kennen ihre Kunden oft besser als Westler, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Was für eine Wachstumsgeschichte: Vor nur etwas mehr als zwei Jahren ging die chinesische App Momo an den Start, und trotzdem hat sie schon über 120 Millionen Nutzer. Besonders junge Chinesen in den Großstädten lieben die kostenlose Dating-App. Wer Momo auf sein Smartphone lädt, dem werden andere Nutzer im Umfeld angezeigt, und schon kann der Flirt beginnen. Momos Geschäftsführer Tang Yan möchte es wie alle erfolgreichen Tech-Unternehmer jetzt seinem Vorbild, dem Firmengründer Jack Ma, nachmachen. Der Onlinehändler hat vor einigen Wochen mit seinem Unternehmen Alibaba den größten Börsengang der Welt hingelegt. Tan ist nicht größenwahnsinnig. Momos Marktwert könnte bei drei Milliarden US-Dollar liegen. Und damit ist er nicht der einzige App-Entwickler mit ambitionierten Plänen.

Chinas Start-up Szene hat vor allem in der jüngsten Zeit einen rasanten Aufstieg gesehen. Viele Hochschulabsolventen sind risikofreudiger als ihre Eltern und wollen vor allem ihre eigenen Chefs sein. Daher bauen sie eigene Unternehmen auf und tun dies im App-Business, wo sie mit wenig Geld starten können und eine gute Idee wichtiger ist als die Entwicklungskosten. Die Vorgehensweise ist dabei oft ähnlich wie bei den deutschen Samwer-Brüdern, die mit ihrem Inkubator-Unternehmen amerikanische Vorbilder für den deutschen Markt adaptieren – mit dem Unterschied, dass der deutsche Markt viel kleiner ist als der chinesische. Wenn Momo sein US-Vorbild Tinder adaptiert, dann geht es hingegen gleich um hunderte Millionen mögliche User.

Chinesische Apps oft mehr Funktionen als Vorbilder

Das gilt für die Taxi-App Didi Dache genauso wie für die Rabattmarken-App Lashou, deren amerikanisches Vorbild Groupon ist. Dass chinesische Entwickler sich noch einmal über die amerikanischen Ideen beugen, tut gut. Die beliebte Chat-App WeChat, ursprünglich ein Klon von WhatsApp, ist seinem amerikanischen Vorbild mittlerweile im Funktionsumfang klar überlegen. Viele Funktionen, wie beispielsweise die Möglichkeit Sprachnachrichten auszutauschen, hatten die Chinesen sogar zuerst. Und WhatsApp zog nach. Und anders als WhatsApp, das Facebook Anfang des Jahres für 22 Milliarden Dollar übernommen hat, verfügt WeChat über eine Idee, zum Geld verdienen.

In die App integriert ist eine Funktion, mit der sich aufwendig animierte Smileys für kleines Geld runterladen lassen. Bald sollen auch noch Mini-Spiele integriert werden, die man dann über die App mit Freunden spielen kann. Bei solchen Entwicklungen sitzt das Geld der Wagniskapitalgeber locker. Allein in der ersten Hälfte dieses Jahres haben sie mehr als zwei Milliarden US-Dollar frisches Kapital eingesammelt. Aber auch die großen Internet-Konzerne, wie Baidu oder der Onlineriese Alibaba, investieren immer häufiger in die kleinen Start-ups, um die Besten in ihr Geschäft einzugliedern.

Marktlücke: Chat mit Unbekannten

Momo allerdings ist noch weitestgehend unabhängig. Zwar heißt es, Alibaba soll sich eine Minderheitsbeteiligung gesichert haben. Die meisten Anteile hält aber noch immer Firmenchef Tang selbst. Er ist von seiner Idee zu überzeugt, um sie zu früh, zu einem zu niedrigen Preis in fremde Hände geben zu wollen. Denn bislang gibt es in China zwar viele Portale, auf denen man sich mit Freunden und Kollegen austauschen kann, jedoch kaum Portale, auf denen man sich mit Fremden unterhalten konnte. Momo schließt diese Lücke, was Firmengründer Tang allerdings anfangs auch in Schwierigkeiten brachte.

Kurz nach der Gründung wurde Momo von den chinesischen Behörden verwarnt. Grund dafür waren Vorwürfe, dass Nutzer von Momo Prostitution und Pornografie verbreiten. Momo musste daraufhin neun Millionen Nutzerkonten sperren. Ganz gelungen ist es bis heute nicht, das angeschlagene Image wieder loszuwerden. So ist Momo gerade bei der jüngeren Generation von Chinesen bekannt als die App, mit der man am ehesten einen One-Night-Stand landen kann. Auch ein Geschäftsmodell: Fremdgegangen wird immer, selbst in Zeiten großer Antikorruptionskampagnen.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.