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Afrika

Sierra Leone zehn Jahre nach dem Bürgerkrieg

Sierra Leone hat gewählt - Beobachter rechnen mit einem Kopf-an Kopf-Rennen zwischen Präsident Ernest Koroma und Herausforderer Julius Maada Bio. Beide buhlten im Wahlkampf um die Gunst der Bürgerkriegsopfer.

Mit seinen Händen kann Mahmoud Sesay (Name geändert) eine Menge machen. Er kann damit die Reifen des weißen Geländewagens wechseln, der draußen vor der Werkstatt steht. Oder er kann einen Ölwechsel vornehmen und den Motor prüfen. Aber seine Hände können auch ganz andere Dinge tun: Sie können mit einer Machete einem Menschen den Kopf abhacken.

Mahmoud Sesay ist einer von rund 10.000 früheren Kindersoldaten. Kaum vorstellbar, jetzt, zehn Jahre später: In einem blauen Overall, Anfang 20, steht er mit den Azubis in der Autowerkstatt von MADAM. Die lokale Hilfsorganisation in der Stadt Makeni im Norden des Landes bildet junge Männer und Frauen zu Automechanikern und Köchen aus. Das deutsche Hilfswerk Brot für die Welt unterstützt das Programm. Doch vor seinen Kollegen möchte Mahmoud Sesay nicht über seine Vergangenheit sprechen. Das Interview muss außerhalb der Werkstatt stattfinden.

Die eigene Familie töten

Ehemalige Kindersoldaten in der Werkstatt der Organisation MADAM. (Gesichter verfremdet). (Foto: DW)

Nur wenige Kindersoldaten erhalten die Chance, eine Ausbildung zu machen

"Ich lebte bei meiner Tante im Tonkolele Distrikt", erinnert sich Mahmoud Sesay. Rebellen verschleppten die beiden aus dem Dorf. Sie gaben dem Jungen Drogen und zwangen ihn, sich den Rebellen anzuschließen. Kurze Zeit später griff er sein eigenes Dorf mit ihnen an. Sein Onkel und einige andere Verwandte wurden dabei gefangen genommen. "Mein Kommandant befahl mir, die Gefangenen zu töten. Ich wollte nicht. Da nahm er ein Messer, drückte es in meinen Nacken und schnitt in meine Haut", erzählt Mahmoud Sesay, während seine Augen die Wand fixieren. "Ich war traurig, weil mein Onkel, mein Bruder und Bekannte meiner Eltern zu den Gefangenen gehörten. Mein Chef schrie und drohte, mich umzubringen, wenn ich den Befehl nicht ausführte. Ich habe sie mit meinem Gewehr erschossen und dabei geweint."

Fast 10.000 Kinder zwangen die Kämpfer der Revolutionären Einheitsfront (RUF) während des Bürgerkrieges von 1991 bis 2002 zu solchen Taten. Unterstützt wurden sie dabei vom damaligen liberianischen Staatschef Charles Taylor, der sich mit Hilfe der RUF die Kontrolle über die Diamantenfelder im Nachbarland Sierra Leone sichern wollte. Ein internationales Tribunal verurteilte ihn deswegen zu lebenslanger Haft. Der RUF-Anführer Foday Sankoh, ein ehemaliger Armeeoffizier, starb 1993 nach einem Schlaganfall. Doch für Mahmoud Sesay und die anderen ehemaligen Kindersoldaten geht der Kampf gegen die psychischen und sozialen Folgen des Krieges weiter.

"Er hat mir gesagt, dass ich nicht mehr sein Sohn bin"

Dabei geht es ihm im Vergleich zu vielen anderen noch gut. Im Radio hörte er von dem Ausbildungsprogramm bei MADAM und bewarb sich um einen Ausbildungsplatz. "Wenn mich jetzt jemand für eine Rebellentruppe anwerben würde, würde ich 'Nein' sagen. Ich habe ja jetzt das Wissen, um es im Leben zu etwas zu bringen", sagt er und zum ersten Mal zieht sich ein breites Lächeln über sein Gesicht. Damit ist er eine Ausnahme. Ein Großteil der ehemaligen Kindersoldaten steht ohne Ausbildung da. Viele schlagen sich als Taxifahrer oder Gelegenheitsarbeiter durch, andere betteln.


Opfer einer Verstümmelung sitzt in einem Rollstuhl.

Verstümmelungen wurden praktiziert, um Angst und Schrecken zu verbreiten

Zehn Jahre nach dem Krieg ist auch ein anderes Problem ungelöst: Die Ausgrenzung vieler ehemaliger Kämpfer. Schon 2004 plädierte die sierra-leonische Wahrheits- und Versöhnungskommission für einen landesweiten Dialog. Täter und Opfer sollten - wie nach dem Ende der Apartheid in Südafrika - ins Gespräch kommen. Doch dieser Prozess hat nie stattgefunden. Für ehemalige Kämpfer wie Mahmoud Sesay bedeutet das: ein Leben außerhalb der Gesellschaft. Bis heute traut er sich nicht zurück in sein Heimatdorf - aus Angst vor Vergeltung. Auch sein Vater will bis heute nichts mehr mit ihm zu tun haben. Zufällig traf er ihn nach dem Krieg in Makeni wieder. "Er hatte nichts zu essen und ich habe ihm Essen gebracht. Er hat mein Geschenk abgelehnt und mir gesagt, dass ich nicht mehr sein Sohn bin", sagt Sesay und blinzelt heftig, um die Tränen zu unterdrücken.

Opfer und Täter leben Tür an Tür

Liberias ehemaliger Präsident Charles Taylor steht vor Gericht in den Niederlanden. (Foto:EPA)

Liberias ehemaliger Präsident Charles Taylor stand in den Niederlanden vor Gericht

Die ehemaligen Opfer der Kindersoldaten leben in Makeni gleich um die Ecke. Einige hundert Meter von der MADAM-Ausbildungswerkstatt entfernt liegt das sogenannte "Amputierten-Lager". Regierung und Hilfsorganisationen richteten solche Wohnviertel nach Kriegsende überall im Land ein, um die rund 27.000 Versehrten versorgen zu können. Das Viertel sticht heraus, weil die kleinen, einstöckigen Häuser alle in leuchtendem Gelb gestrichen sind. Kinder spielen zwischen den Hütten, die Hitze hat die älteren Bewohner auf die Veranden und unter Bäume getrieben.

In einer Kleinstadt wie Makeni begegnen sich die ehemaligen Kämpfer und die Verstümmelten jeden Tag. "Ich weiß, dass es hier ehemalige Rebellen gibt, wie überall in Sierra Leone. Aber ich weiß nicht, ob sie diejenigen sind, die mir das angetan haben. Ich überlasse es Gott, mich zu verteidigen", sagt Adama Koroma. Sie betreibt einen kleinen Laden im Lager. An Rache denkt sie nicht, auch wenn außer den Anführern der RUF kein ehemaliger Kämpfer je vor Gericht stand. "Man muss auch vergeben können."

27.000 verloren ihre Hände im Krieg

Adama Koroma, die im Bürgerkrieg in Sierra Leone ihren linken Arm verlor. (Foto: DW).

Adama Koroma ist eine von 27.000 Menschen, die im Krieg Arme oder Händer verloren

Seit 14 Jahren lebt Adama Koroma ohne ihren linken Unterarm. Rebellen attackierten nachts ihr Heimatdorf und schlugen ihr Hand und Arm ab. Mit dem blutenden Stumpf schleppte sie sich drei Kilometer bis zur nächsten Straße. "Dort traf ich auf eine Patrouille nigerianischer Soldaten, die mich nach Freetown gebracht haben". Erst in der Hauptstadt konnten Ärzte ihren Arm versorgen. Knapp 27.000 Menschen verloren ihre Arme oder Hände im Krieg. Bereits 2004, zwei Jahre nach Kriegsende, empfahl die Versöhnungskommission, alle Kriegsversehrten zu entschädigen. Knapp zehn Millionen Euro hätte das Programm kosten sollen. Doch der zuständigen Regierungsbehörde fehlte das Geld.

Im Wahlkampf haben die beiden großen Parteien die Kriegsversehrten wieder in den Blick genommen. Die derzeitige Regierungspartei APC will ihnen monatliche Renten zahlen, falls sie an der Regierung bleibt. Adama Koroma glaubt solchen Versprechen nicht mehr. Sie betreibt einen kleinen Laden, in dem sie Obst und Gemüse verkauft. Sie hat gelernt, mit ihrem fehlenden Arm zu leben: Will ein Kunde Reis kaufen, hält sie den Behälter in der rechten Hand. Geschickt schiebt sie mit dem linken Armstumpf den Reis hinein.

Es ist vor allem ein Gedanke, der sie antreibt. "Ich möchte, dass meine Kinder und die jungen Leute in diesem Land eine gute Ausbildung bekommen. Das ist das beste Mittel um zu verhindern, dass sie irgendwann wieder einen Krieg starten."

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