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Asien

Sierens China: Vorausschauend

Dass Großbritannien als erstes G7-Land der Asiatischen Investmentbank für Infrastruktur (AIIB) beitritt, ist ein historischer Schritt in Richtung einer multipolaren Weltordnung, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Egal ob es politische Weitsicht oder einfach nur Gefälligkeit für bessere Geschäfte war. Man muss George Osborne (Artikelbild) gratulieren. Denn er hat einen Preis bezahlt: Obwohl der große alte Bündnispartner in Washington sich sehr ärgert, kündigte der britische Finanzminister am Donnerstag an, sich der von Peking ins Leben gerufenen Asiatischen Investmentbank für Infrastruktur (AIIB) anzuschließen. Das ist nicht nur für Großbritannien, sondern für die westlichen Industrienationen eine Entscheidung von historischer Dimension. Denn Großbritannien ist das erste westliche Land, das die neuen Gegebenheiten einer multipolaren Weltordnung nicht mehr infrage stellt, sondern sich mit ihr arrangieren und sie aktiv gestalten will.

Lange schien es so, als ob Chinas Präsident Xi Jinping - der zum Auftakt im vergangenen Herbst während der APEC kräftig die Werbetrommel für die von ihm initiierte Bank gerührt hatte - keinen Zuspruch von den Etablierten bekommen würde. Und das, obwohl er 50 Milliarden US-Dollar als Startkapital zur Verfügung stellte. Die Amerikaner hatten nämlich gleich deutlich gemacht, dass sie gar nichts davon halten, dass die Chinesen ihnen Konkurrenz machen. Neben der AIIB, die ein Gegenstück zu der bereits 1966 gegründeten hauptsächlich von Japan und den USA kontrollierten Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) werden soll, wird in diesem Jahr voraussichtlich auch die BRICS-Bank ihre Arbeit aufnehmen, die sich als Gegenstück zum Internationalen Währungsfonds und der Weltbank sieht.

Großbritannien will nicht am Seitenrand stehen

Frank Sieren Kolumnist Handelsblatt Bestseller Autor China

DW-Kolumnist Frank Sieren

In London hat sich trotz des Drucks aus Washington offenbar die Meinung durchgesetzt, dass die AIIB eine einzigartige Gelegenheit ist, zusammen mit Asien zu investieren und kräftig zu wachsen. Und, dass es geschickter ist, in so einer Organisation Mitglied zu sein und ihre Entscheidung von innen lenken zu können, als hilflos am Seitenrand zu stehen. Eine weise Einschätzung, von der man nur hoffen kann, dass sie sich auch schnell in Deutschland durchsetzt. Angela Merkel hat zwar auf dem vergangenen G-20-Gipfel in Australien richtig erkannt, dass es in Asien eine große Dynamik gibt, und sich Europa auf keinen Fall abhängen lassen darf. Den Schluss aber, den sie daraus zog - noch enger mit alten westlichen Partnern zusammenzuarbeiten und schleunigst ein gemeinsames Freihandelsabkommen mit den USA auf den Weg zu bringen - ist nur ein Teil der Lösung.

Es spricht nichts dagegen, alte Bündnisse zu festigen. Aber auch den neuen Institutionen der aufstrebenden Teile der Welt sollte man offen gegenüberstehen. Auch Deutschland wäre in der AIIB gut aufgehoben. Immerhin 21 Nationen aus dem asiatischen Raum sind dort vertreten. Die Amerikaner befürchten nicht zu Unrecht, dass die Asiatische Investmentbank für Infrastruktur künftig durch lockere Kreditvergaben mehr Investoren locken werde, als die ADB oder auch die Weltbank mit ihren strengeren Auflagen. Zudem bemängeln sie, dass die AIIB eine Führung bräuchte, die nicht wie China in einem Interessenkonflikt stünde, da sie von den finanzierten Projekten profitieren würden. Nur, das ist bei den USA nicht anders gewesen. Auch hier gilt: Konkurrenz belebt das Geschäft. China ist gleichzeitig dabei, mit der BRICS-Bank, in der neben China die vier großen Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und Südafrika vertreten sind, eine eigene Entwicklungsbank aufzubauen. Die ADB hat als Ziel, Armut in Asien zu bekämpfen.

Rückschlag aus der Sicht Washingtons

Die AIIB und die BRICS-Entwicklungsbank sollen vor allem den Aufbau von Infrastruktur, also Bauprojekte, in Asien fördern. Für die Briten, die sich die Chinesen als Bauherren für ihre Infrastruktur eingekauft haben, ist die Teilnahme am Aufbau der AIIB-Bank eine Möglichkeit, die Ausrichtung der zukünftigen Projekte mitlenken zu können. Für Finanzminister George Osborne ist die Mitgliedschaft Großbritanniens in der AIIB eine "einzigartige Chance", dass beide, England und Asien, "gemeinsam investieren und wachsen". In Washington wird dies hingegen als großer Rückschlag gewertet, wenn auch nicht als komplette Niederlage. Die Verbündeten Australien und Südkorea zählen bisher nicht zu den Gründungsmitgliedern der AIIB-Bank, obwohl sie auch zu den großen Playern in der Region Asien zählen.

Was den Chinesen nicht gefällt, sind die Machtstrukturen der ADB. Japan und die USA halten jeweils mehr als 15 Prozent der Anteile und geben daher dort den Ton an, während China mit nur knapp über 5 Prozent beteiligt ist. Die Gegner der AIIB-Bank hingegen befürchten, dass Chinas Entwicklungsbank nicht nur das Ansehen Chinas bei seinen Nachbarn stärken wird, sondern auch den Einfluss, den China künftig bei Projekten in der Region haben wird. Zu einer multipolaren Weltordnung gehört es jedoch, alle mitspielen zu lassen, vor allem neue Mitspieler zu integrieren und nicht nur einem "Old Boys' Club" die Zügel in der Hand zu lassen. Erstaunlich, dass die Briten dies zuerst erkannt haben. Und schade, dass Deutschland nicht das erste Land war. Das hätte Deutschland gut angestanden, als erste westliche Nation zu zeigen, wie weltoffen und innovativ sie ist. Zumal kein westliches Land so vom Aufstieg Chinas profitiert wie die Exportnation Deutschland. Nun kann Berlin nur noch den Briten folgen. Das tut man nur ungern. Und es ist nun politisch viel weniger wert.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.

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