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Kolumne

Sierens China: Von Hongkong lernen

Seit 20 Jahren ist Hongkong wieder chinesisch. Zeit für Peking anzuerkennen, dass "Ein Land, zwei Systeme" eine sehr eigenständige Generation von Hongkongern hervorgebracht hat, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

"Die Pferde werden weiterrennen, die Tänzer sich weiterdrehen", hatte Chinas großer Reformer Deng Xiaoping den Briten versprochen, bevor diese Hongkong zurückgaben.

Trotz dieser beschwichtigenden Worte zitterte Hongkong in der ersten Hälfte des Jahres 1997 vor Anspannung, bevor am 1. Juli die britische Kronkolonie wieder chinesisch wurde. Zwei Welten, die 155 Jahre getrennte, ja fast unvereinbare Wege gegangen waren, kamen wieder zusammen. 

Hunderttausende Chinesen, die unter der Herrschaft der Kommunisten nach Hongkong geflohen waren, sind zwar nicht ins Exil gegangen, hatten sich jedoch einen zweiten Pass besorgt. Damals bekam das kanadische Vancouver den Spitznamen Hongcouver.

Die, die geblieben waren, schwankten zwischen Aufbruchsstimmung und Panik. Einige, etwa die Schriftstellerin Agnes Lam, sahen gar die Schrecken des Tiananmen-Massakers am Horizont von Hongkong heraufdämmern, "den nassen Geruch des Blutes und die Röte des Feuers", wie sie im Juni 1997 in einem ihrer Gedichte schrieb. Das war natürlich maßlos übertrieben. Wirtschaftlich prosperiert Hongkong unbeeindruckt von den neuen Herren. Es wurde nicht besser, aber eben auch nicht schlechter. Politisch ist es allerdings schwieriger.

Dass der Untergang oder das Siechtum Hongkongs ausblieb, wie es die meisten westlichen Beobachter befürchtet hatten, lag vor allem an der Formel "Ein Land, zwei Systeme", eine ebenfalls von Deng Xiaoping geprägte Lösung.

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Damit garantierte er der Metropole, dass sie weitere 50 Jahre einen kapitalistischen Sonderweg gehen darf, mit eigener Währung, eigenem Steuersystem und unabhängiger Justiz.

Und die Pekinger Führung wollte von Hongkong lernen, wie man ein international vernetztes Finanzzentrum aufbaut. Viel von dem, was Hongkong ausmacht, findet man heute schon in Shenzhen oder Shanghai. Und dennoch hat es keine chinesische Stadt geschafft, Hongkong einzuholen. Die ehemalige Kronkolonie ist nach wie vor eine der wichtigsten Drehscheiben der Weltwirtschaft mit - zum Beispiel - noch immer der einzigen Börse, die international auf Augenhöhe operiert. 

Zu den Zugeständnissen von "Ein Land, zwei Systeme" gehörte aber auch, dass die Presse-und Versammlungsfreiheit in Hongkong gewahrt bleiben sollten. Bis heute treffen sich jedes Jahr am 4. Juni Zehntausende im innerstädtisch gelegenen Victoria Park, um mit Kerzen der Opfer von Tiananmen zu gedenken - innerhalb der Grenzen Festland-Chinas absolut undenkbar. Doch in Hongkong hindert sie niemand daran.

Verhärtete Fronten

Am 1. Juli nun jährt sich die Rückgabe Hongkongs zum 20. Mal. Und es zeigt sich, dass Peking die Formel "Ein Land, zwei Systeme" anders interpretiert als viele Hongkonger. Peking meint, Hongkong gehöre zu China und müsse sich deswegen einigen Spielregeln in China unterordnen. Viele Hongkonger interpretieren Dengs Formel anders: Das eine System darf sich nicht in das andere einmischen.

Der Übergabevertrag gibt in dieser Frage leider Interpretationsspielraum.

Besonders innerhalb der letzten fünf Jahre unter Regierungschef Leung Chun-ying sei der Einfluss des Festlands tolerierbar geworden, finden vor allem junge Städter. Viele fühlen sich von einer Peking-treuen Elite benachteiligt, die sich die Medien und den Immobilienmarkt Untertan macht. Aus ihren Reihen brach sich auch die unter dem Namen Occupy Central oder "Regenschirm-Revolution" bekannte Protestbewegung Bahn, die 2014 mit der Forderung nach einem direkten Wahlrecht 79 Tage lang wichtige Straßen in Hongkongs Finanz- und Regierungsviertel besetzt hielt.

Die Regierung saß das Thema aus, es gab keinen Dialog, Zugeständnisse wurden nicht gemacht. Die Fronten sind seitdem verhärteter denn je. Allerdings macht die Mehrheit der Hongkonger weiter Business as usual. Wie eh und je.

Wenn Xi Jinping dieses Wochenende die Jubiläumsfeierlichkeiten in Hongkong besucht, werden die Jungen wieder protestieren. Nicht zuletzt weil Chinas Präsident bei seinem ersten Amtsbesuch in Hongkong Carrie Lam als neue Regierungschefin der Sonderverwaltungszone vereidigen wird.

Die von einem handverlesenen Gremium gewählte Politikerin gilt gerade bei jungen Hongkongern als treue Verwalterin Pekinger Interessen. Und die symbolisch auf den Jahrestag gelegte Vereidigungszeremonie wird von der Opposition als eine Provokation gesehen.

Ideales Testfeld

Klar ist inzwischen: Eine direkt vom Volk gewählte Führung ist im Prinzip "Ein Land, zwei Systeme" auch in Zukunft nicht vorgesehen. So lautet die Botschaft, die Xi für die pro-demokratischen Bürger Hongkongs im Gepäck hat. Auch Großbritannien, eine der ältesten Demokratien der Welt, hatte allerdings nie auch nur eine Sekunde im Sinn, in Hongkong wählen zu lassen.

Die Kommunistische Partei will zwar von Hongkong lernen, wie die Marktwirtschaft funktioniert, aber sie hat offensichtlich kein Interesse daran, Hongkong als Petrischale für Demokratie-Experimente zu nutzen. Dabei wäre die Sieben-Millionen-Metropole mit ihrer bislang weitgehend friedlich agierenden Jugend ein ideales Testfeld. Denn es sind junge Menschen, die durchaus nicht zufrieden damit sind, wie sich Hongkong entwickelt hat. Sie stellen heute die Fragen, die sich die Jugend Festlandchinas früher oder später ebenfalls stellen wird und in den großen Städten Chinas auch schon stellt. Fragen nach einer Identität jenseits von Status, Karriere, Konsum und Kommunismus.

In Hongkong könnte die Regierung also sehr viel für China lernen, würde sie auf die Jugendbewegung zugehen und zumindest mit denjenigen reden, die für ein anderes Hongkong innerhalb Chinas sind.

Denn die nationale Eigenständigkeit Hongkongs ist für Peking natürlich nicht verhandelbar, so wie bei uns die Unabhängigkeit Bayerns für Berlin nicht verhandelbar ist.

Doch selbst das tut Peking nicht. Und daran wird leider auch der Besuch von Präsident Xi nichts ändern.

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über 20 Jahren in Peking.

 

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