Sierens China: Vom Reich der Mitte zum Reich der Mitbringsel | Asien | DW | 10.01.2018
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Kolumne

Sierens China: Vom Reich der Mitte zum Reich der Mitbringsel

Touristen aus Industrienationen meiden China noch immer als Reiseziel. Das liegt am schlechten Image, aber auch an echten Alltagshürden, meint Frank Sieren.

Die Order kam von ganz oben: China müsse eine "Toiletten-Revolution" erleben, forderte Xi Jinping im November vor Parteikadern. China brauche saubere WC's in Stadt und Land, insbesondere "in von Touristen frequentierten Orten", so Chinas Staats-und Parteichef. Latrinenartige Verschläge und die berüchtigten Plumpsklos, die als "Löcher im Boden", viele Reisende vor ungeahnte Probleme stellen, sollen der Vergangenheit angehören. Stattdessen: Warmes Wasser, guter Duft und wenn möglich Wi-Fi-Zugang  zum surfen, wenn es mal ein wenig länger dauert. Die Kampagne, die 2004 erstmals ausgerufen wurde, erhält durch Xis prominenten Zuspruch wieder Aufwind. Seit ihrem Start sollen bereits 68.000 verbesserte Toiletten an touristischen Hotspots eingerichtet worden sein, berichtet die Staatszeitung People's Daily. Zwischen 2018 und 2010 sollen weitere 64.000 folgen.

Chinas große Verschönerung setzte mit den Olympischen Spielen 2008 ein. Ein nationales Bildungsprogramm für "gutes Benehmen" wurde ins Leben gerufen. Taxifahrer, Polizisten, Friseure und ganze Nachbarschaftskomitees wurden angehalten, englisch zu pauken, um den Gästen den Aufenthalt zu erleichtern. Peking solle sich als "Weltstadt" präsentieren, hieß es.

Visa-Regelung als Hindernis

Die jüngste Neuerung, um Reisenden noch mehr Lust auf China zu machen, wurde letzte Woche verkündet. Touristen aus 53 Ländern, darunter den USA, Japan und allen Staaten der EU sollen in Zukunft mit einer neuen Form von Transitvisa, die vor Ort am Flughafen ausgestellt werden, unkompliziert in den Großraum Peking einreisen und dort bis zu sechs Tage bleiben dürfen. Ähnliche Initiativen gibt es in Shanghai und Guangzhou. Chinas komplizierte und vergleichsweise teure Visabedingungen waren bisher berüchtigt. Um die negativen Folgen auf den Tourismus einzudämmen, wurden die Bestimmungen bereits 2015 so weit gelockert, dass Transitreisende ohne Vorabvisa 72-Stunden Peking besuchen durften. Voraussetzung ist jedoch auch bei der neuen Regelung, dass die Reisenden einen Weiterflug über Hongkong oder ein Drittland gebucht haben. Das macht es leider wieder kompliziert. Und warum diese Einschränkung gilt, ist nicht recht nachvollziehbar.

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

China-Kolumnist Frank Sieren

Visa sind jedoch nicht der einzige Grund, warum sich China trotz einmaliger Sehenswürdigkeiten noch immer nicht zum Reiseziel ersten Ranges entwickelt hat. Die Wachstumsrate von Reisen in das Reich der Mitte lag laut dem Pekinger Centre for China and Globalisation (CCG) zwischen 2005 und 2015 gerade mal bei einem Prozent. Damit liegt China im indo-pazifischen Raum, wo die Zahl der Touristen zwischen 2005 und 2015 um 80 Prozent anstieg, weit unter dem Durchschnitt. In den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres zählte das Nationale Tourismusbüro 62,03 Millionen chinesischer Auslandsreisen während in entgegengesetzter Richtung nur 14,25 Millionen Besuche gezählt wurden.

Rund 80 Prozent der China-Besucher kommen zudem nach wie vor aus Hong Kong, Macau und Taiwan. Woran liegt das? Die Nationale Tourismusbehörde macht die globale Finanzkrise verantwortlich. Da mag etwas dran sein. Wahr ist aber auch, dass China für viele Touristen aus Industrienationen noch immer die Aura eines Reise-Entwicklungslandes verströmt. Chinas Image ist durch Berichte über Umweltverschmutzung, das autoritäre Ein-Parteien-System und ungehobelte chinesische Touristen nachhaltig angekratzt. Wer dennoch den Weg nach China findet, ist oft verblüfft, wie wenig von alldem vor Ort spürbar ist. Wer kennt schon die zahllosen chinesischen Naturparks, durch die man, von großen Reisegruppen ungestört, wandern kann? 

Mit Englisch kommt man nicht weit

Deutlich spürbarer ist jedoch die mangelhafte touristische Infrastruktur. Sich im Alltag ohne Reiseführer allein durchzuschlagen, wird sogar in Großstädten schnell zum Hürdenlauf. Im Gegensatz zu Thailands Reisezielen, wo selbst Taxifahrer und Kioskverkäufer über rudimentäre Englisch-Kenntnisse verfügen, kommt man in China ohne Grundkenntnisse in Mandarin noch immer nur schwer zum Ziel. Wenn man den Weg nicht findet, kann man sich ja immer noch auf Hilfsmittel wie Google Maps oder Google Translate verlassen, könnte man einwenden. Diese Dienste sind nur leider in China gesperrt und ohne kostenpflichtige "Virtual Private Network"-Software (VPN) nicht erreichbar.

Und selbst diese Hintertür will Peking ab Februar mit einem VPN-Verbot schließen. Ein herber Schlag für den Tourismus in Zeiten, in denen das simultane Posten von Urlaubsfotos auf (in China blockierten) Diensten wie Facebook und Instagram fast so wichtig ist, wie die Reiseerfahrung selbst. Da das Leben in China zunehmend von der Digitaltechnik bestimmt wird, macht die Sache nicht leichter, im Gegenteil. Statt mit Bargeld bezahlen immer mehr Chinesen mit dem Handy. Dafür braucht man jedoch ein chinesisches Bankkonto, dass ohne längerfristige Aufenthaltsgenehmigung für Ausländer nicht zu bekommen ist.

Fortschritte in der Toilettenfrage

Auch die allgegenwärtigen Leihfahrräder des chinesischen Bike-Sharing-Booms lassen sich nur per App entsperren und bezahlen. Ein Trauerspiel für Touristen, die durch Meere von Fahrrädern waten müssen, ohne diese auch benutzen zu dürfen.

Verglichen mit Städten wie Bangkok oder Tokyo wirken die Metropolen des chinesischen Festlandes so noch immer wenig aufgeschlossen für internationale Besucher. Das hängt auch mit der homogenen Bevölkerung zusammen. Sogar das Finanzzentrum Schanghai, das als internationalste Stadt Chinas gilt, zählt nur zwischen 150.000 und 200.000 Einwohner nicht-chinesischer Herkunft - deutlich weniger als 1 Prozent. Orientieren könnte sich Peking in Zukunft an Hongkong. Chinas Sonderverwaltungszone war 2017 mit 25,6 Millionen Ankünften die meistbesuchte Stadt der Welt. Zur Winterolympiade 2022 will Peking weiter aufholen.

Immerhin: Anfang der Woche stellte das chinesische Tourismusbüro zusammen mit dem Kartendienst Amap eine App vor, die die Entfernung zum nächsten stillen Örtchen berechnet. 500.000 Klos sind in dem "All Tourism Toilet Navigate"-System gelistet, in englischer Sprache und sogar nach Komfortgrad. Die Toilettenfrage scheint schon mal gelöst.

Unser Kolumnist, der Bestseller-Autor Frank Sieren ("Geldmacht China"), lebt seit über 20 Jahren in Peking.