1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Asien

Sierens China: Viva China!

Der globale Börseneinbruch macht Südamerika noch abhängiger von Chinas Krediten. Doch die Freundschaft hat ihre Grenzen, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Der weltweite Börsen- und Ölpreis-Einbruch der vergangenen Woche trifft Südamerika besonders hart. Denn die Südamerikaner haben ohnehin schon enorme wirtschaftliche Probleme. Zu lange haben sie mit vollen Händen das Geld ausgegeben, das ihnen Anleger in den Zeiten niedriger Zinsen bereitwillig geliehen haben. Doch als die US-Notenbank Anfang des Jahres ankündigte, das Geld teurer und knapper werden zu lassen, zogen viele Anleger ihr Geld wieder aus den Schwellenländern ab. Seitdem ist es das immer gleiche Spiel: Wenn die Weltmärkte auf Talfahrt gehen, brechen in Südamerika die Märkte besonders stark ein.

Die hausgemachten Probleme und die schwache Weltkonjunktur potenzieren sich in Südamerika besonders stark. In Argentinien fürchten die Anleger angesichts einer Inflation von über 25 Prozent, dass die nächste Peso-Krise bevorsteht. Die letzte Krise hatte das Land erst vor zwölf Jahren in einen Staatsbankrott getrieben. In Brasilien drücken mangelhafte Infrastruktur, lähmende Bürokratie und überhöhte Steuern den Aufschwung. Hinzu kommt der abgesackte Ölpreis, der nun der großen Ölindustrie des Landes zu schaffen macht. Am Mittwoch dieser Woche brach der Aktienkurs von Petrobras, Brasiliens größter Ölfirma, um 9,6 Prozent ein. Auch für die Erdölnation Venezuela wird es immer ungemütlicher.

Wichtiger Geldgeber: China

Je angespannter die Lage, desto mehr müssen sich die Südamerikaner auf ihren letzten liquiden Freund verlassen: Zumindest China hält dem Kontinent mit seinen Investitionen und Krediten noch die Treue. Peking ist sogar dabei, seine Position in Lateinamerika noch weiter auszubauen. Die Volksrepublik ist das einzige Land, das weder zaudert noch Probleme hat, diesen Ländern Kredite zu gewähren. Im Juli noch hat Chinas Präsident Xi Jinping auf seiner Vier-Staaten-Reise durch Lateinamerika großzügig allein Argentinien weitere Kredite in Höhe von fast sieben Milliarden Dollar für den Ausbau der Eisenbahn sowie Dämmen zugesagt.

Global Media Forum GMF Foto Frank Sieren

DW-Kolumnist Frank Sieren

Erst drei Monate zuvor war Chinas Außenminister Wang Yi bei seiner Südamerika-Reise ebenso spendierfreudig gewesen und hatte gemeinsam mit Argentiniens Präsidentin Christina Fernandez eine neue Eisenbahnlinie eingeweiht, die von chinesischer Seite finanziert wurde. Auch Venezuela erhielt zusätzliche Investitionen in Höhe von fünf Milliarden Dollar. Und Brasilien kann seinen Mais künftig in die Volksrepublik exportieren. So ist China in den vergangenen zehn Jahren zum wichtigsten Investor in Südamerika geworden.

Wirtschaftsinteresse – kein Samaritertum

Doch Peking macht das nicht aus Samaritertum – und da liegt genau das Problem der gegenwärtigen Krise. Das Geld, das China investiert, muss sich irgendwie lohnen. Bisher war die Kosten-Nutzen-Kalkulation gut. Chinas Wirtschaft wächst und benötigt nicht nur immer mehr Öl und Nahrungsmittel, um den Verbrauch seiner wachsenden Bevölkerung zu decken. In Südamerika gibt es von beidem genug. Außerdem ist der Kontinent für die Chinesen ein wichtiger Absatzmarkt: Denn die Ansprüche der aufsteigenden Mittelschicht in Südamerika wachsen. Und mittlerweile sind Autos, Computer, Handys und Kühlschränke aus China ebenso gefragt wie die günstigen Textilien "Made in China".

Der chinesische PC-Gigant Lenovo hat ein Fünftel seiner Kunden weltweit in Brasilien sitzen. Und für den chinesischen Telefonausrüster Huawei ist Südamerika so selbstverständlich ein Produktionsstandort, wie er es auch für die chinesischen Autobauer Chery und JAC ist. Lag Lateinamerikas Außenhandel mit China im Jahr 2000 noch bei mickrigen 10 Milliarden Dollar, waren es im vergangenen Jahr schon 275 Milliarden.

Droht ein chinesischer Rückzug?

Doch wenn es mit der Krise so weitergeht und wenn sich die Lage in Südamerika weiter verschlechtert, wird Peking gezwungen sein, sich selbst zuerst zu helfen und seine gegenwärtige Südamerikapolitik zu überdenken. Denn in Krisenzeiten kann es sich die chinesische Regierung politisch gegenüber der Bevölkerung nicht leisten, ferne Kontinente durchzufüttern, während sie zuhause verlangt, dass alle ihren Gürtel enger schnallen. Peking müsste nun den Südamerikanern deutlich machen, wie sie handeln müssen, damit die Freundschaft nicht den Bach runter geht. Doch das widerspricht Chinas Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder. Nichteinmischung ist eben auch kein Allheilmittel.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.