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Asien

Sierens China: Unerwartete Sympathien

Trotz seiner Anti-China-Haltung ist Donald Trump unter Chinesen sehr populär. Seine Tiraden treffen in der Bevölkerung einen bestimmten Nerv, den die eigenen Politiker nicht erreichen, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Je näher die amerikanische Präsidentschaftswahl rückt, desto mehr muss sich wohl oder übel auch der Rest der Welt mit dem Kandidaten der Republikaner Donald Trump auseinandersetzen. Man könnte meinen, dass er sich in einigen Teilen der Welt durch seine frechen Auftritte und teils ausfallenden Wahlkampfreden schon viele Feinde gemacht hat. In Mexiko etwa durch seinen Plan, eine Grenzmauer zu errichten und die Mexikaner dafür zahlen zu lassen. Oder in China, dem Land, dem er vorgeworfen hat, die USA „zu vergewaltigen“, Amerikanern die Jobs wegzunehmen und seine Währung "zu manipulieren". In Mexiko stimmt das auch. Dort ist er so verhasst wie kaum ein zweiter Amerikaner. In der Volksrepublik China hingegen gibt es überaschenderweise gemischte, sogar positive Gefühle.

In einer Umfrage der chinesischen Tageszeitung "Global Times" waren bereits Ende März 54 Prozent der Chinesen für den Mann als Präsidenten. Das waren zu diesem Zeitpunkt fast 15 Prozent mehr als in Amerika. Seitdem hat sich seine Beliebtheit nur noch mehr gesteigert. Seinem frechen Mundwerk, mit dem er ungestraft über alle herzieht, und seine scheinbare Ehrlichkeit, mit der er auftritt, und die einfachen Formeln, die er vertritt, haben ihn auch in China beliebt werden lassen. Die Chinesen sind fasziniert von ihm. Gerade weil er so anders ist als ihre eigene Regierung, die eher undurchsichtig und verschlossen agiert. Bei Trump weiß man immer, was er über ein bestimmtes Thema denkt, weil er es sofort laut ausspricht. Dass er morgen genau das Gegenteil denkt, tut seiner Beliebtheit offensichtlich keinen Abbruch.

Trump auch in gebildeten Schichten beliebt

Frank Sieren Foto: Marc Tirl

DW-Kolumnist Frank Sieren

Deswegen kommt der Republikaner nicht nur in den unteren Bildungsschichten auf dem Land gut an. Die Leser der "Global Times", die an der Umfrage teilnahmen, gehören eher zu den gebildeteren Städtern. Da verzeiht man ihm sogar, wenn er China als den "größten Dieb der Weltgeschichte" bezeichnet. Trump ist eine Marke, und die Chinesen lieben Marken. Er gilt in China als geschäftlich erfolgreich und hat einen Unterhaltungswert, den man von chinesischen Politikern nicht kennt. Trump ist Popkultur in China. Im Internet sieht man in ihm den erfolgreichen Geschäftsmann mit einer hübschen Ehefrau an seiner Seite. Trump pflegt auf seinem Twitter-Account sein Gewinner-Image. Einige Unternehmer versuchen, mit seinem Namen nun Geschäft zu machen. Überall im Land tauchen inzwischen Firmen auf, die Luxustoiletten, Immobilien oder Luftreiniger mit dem Namenszusatz Trump verkaufen, ohne das Geringste mit seinen Firmen zu tun zu haben.

Der Präsidentschaftskandidat selbst hat den Trubel um seine Person in Asien natürlich schon mitbekommen und fährt seitdem doppelgleisig. Auf der einen Seite steht China, die böse Wirtschaftsmacht. Auf der anderen die reichen Chinesen, die ihm Geld in die amerikanischen Kassen spülen. Die größte Bank Chinas ist Mieter in einem seiner Hochhäuser in Manhattan. Seine Hotelkette "Trump Hotel Collection" wird in Südostasien von Chinesen besonders gern gebucht. Manchmal scheint Trump in seinen spontanen Tiraden vergessen zu haben, wer seine Unternehmen zu einem guten Teil mitfinanziert, und musste dann zurückrudern. Es scheint aber ohnehin egal zu sein, was Trump so von sich gibt, wie das so bei charismatischen Führern ist, und was sie so gefährlich macht. Der Faszination zuliebe vergessen seine Anhänger die Folgen in der Wirklichkeit. Wo das hinführen kann, sieht man derzeit in der Türkei bei Recep Tayyip Erdogan.

Umgang mit Trump leichter als mit Clinton?

Die chinesischen Investoren unterschätzen die Risiken offensichtlich. Allein in den vergangenen sechs Monaten haben sie 29 Milliarden Dollar in die US-Wirtschaft investiert und damit in nur einem halben Jahr deutlich mehr als 2014, das mit Investitionen in Höhe von 18 Milliarden Dollar bisher den Rekord hielt. Auch in der chinesischen Regierung werden die Warnungen vor Trump eher weniger. Peking bereitet sich für den Fall der Fälle bereits vor. Dass Finanzminister Lou Jiwei eindeutig Stellung genommen hat, ist schon ein paar Monate her: Donald Trump sei "irrational und unvernünftig." Im Zweifel hofft Peking, dass man sich mit dem Geschäftsmann Trump einfacher einigen kann als mit Hillary Clinton, die in Peking als außenpolitische Ideologin gilt. Nützt ein Kompromiss Amerika, wird Trump eher nach ihm Greifen als Clinton. Das klingt allerdings auch ein wenig wie das Pfeifen im Keller.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.