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Kolumne

Sierens China: Schön praktisch, aber illegal

Peking geht massiv gegen die illegalen Läden in Wohnhäusern vor, ihre nicht genehmigten Anbauten werden abgerissen. Immer mehr Kleinhändler müssen deshalb die Stadt verlassen, berichtet DW-Kolumnist Frank Sieren.

China Laden in Peking wird verbaut Symbolbild (Reuters/T. Peter)

Die bisher gläserne Front dieses Restaurants wird wieder zugemauert, damit die Fassade des Hauses stabil bleibt

Mein Obsthändler ist von einem Tag auf den anderen verschwunden. Dort wo er seinen Stand an der Straßenecke hatte, sind nun ein Betonzaun und neu angepflanzte Hecken. Wie vom Erdboden verschluckt ist der Obststand. Er war nicht der Einzige, den es getroffen hat. Auch der Friseur gegenüber, ein Tante-Emma-Lädchen, ein paar improvisierte Imbissbuden und der Schönheitssalon sind verschwunden. Alles Läden, die aus den Erdgeschosswohnungen alter Wohnblocks herausgewachsen und einfach vor die Häuser auf den Grünstreifen gebaut worden sind. Das ist zwar illegal und würde in Deutschland ganz gewiss nicht geduldet. Die Läden und Buden haben aber zum Charme von Peking viel beitragen.

Bis zuletzt haben die Kleinhändler ihre Geschäfte betrieben, obwohl schon seit Monaten das Damokles-Schwert des Abrisses über ihren Köpfen hing. Erst wurden die neuen Ziegel geliefert, dann kamen die Bagger und letztlich mit ihnen die Abrisskolonnen, die die chinesischen Behörden seit gut einem Jahr durch die Straßen von Peking schicken, um wieder für Ordnung zu sorgen. Aber auch für mehr Sicherheit. Denn der illegale Umbau dieser Wohnungen hatte dazu geführt, dass zum Teil die Statik der Häuser gelitten hatte, weil die Fassaden durchlöchert worden waren. Und eine Erlaubnis zur gewerblichen Nutzung hatten die Wohnungen sowieso nicht.

Massenhafter Abbruch illegaler Anbauten

Über 9000 dieser illegalen Anbauten hat die Stadtverwaltung in drei Bezirken von Peking gezählt. Nun greift sie durch: Die Anbauten werden abgerissen und der alte Zustand wiederhergestellt. Doch selbst bei den Hausbewohnern sind die Gefühle dennoch gemischt. Es war schon praktisch, einen Laden gleich unten im Haus zu haben, ein kleines Restaurant oder einen Massagesalon wie den von Herrn Huang: "Wir sind schon seit über zehn Jahren hier. Wären wir einst unerwünscht gewesen, hätten wir den Salon gar nicht ausbauen dürfen. Jetzt wo es in Peking immer enger wird, sollen wir Platz machen, aber mir gehört die Wohnung, in der mein Massagesalon ist und so einfach gebe ich nicht auf."

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Den Eingang zum Massagesalon haben die Bauarbeiter derweil zugemauert. Nun müssen Huangs Kunden einen Umweg über den Hinterhof nehmen. Das ist nicht unzumutbar. Seine Stammkunden nehmen es gelassen. Doch wie steht es mit der Laufkundschaft? Die hat womöglich keine Lust durch einen dunklen Hinterhof zu gehen.

Huang gehört dabei noch zu den Glücklichen. 2016 sind in der Hauptstadt Peking so 2,7 Millionen Quadratmeter Fläche in illegalen Bauten platt gemacht worden. Dieses Jahr soll die Abrisswelle sogar noch gesteigert werden: 3,6 Millionen  Quadratmeter sind angestrebt. Viele Kleinunternehmer haben die Wohnungen mit ihren Vorbauten nur gemietet. Einen regulären Laden können sie sich nicht leisten. Sie müssen daher die Innenstadt verlassen. Nicht zuletzt auch aus diesem Grund ist im vergangenen Jahr die Bevölkerung in Zentralpeking um 353.000 Einwohner geschrumpft. Dennoch leben weiterhin mittlerweile rund 22 Millionen Menschen in der ehemaligen Kaiserstadt.

Eine Wachstumsgrenze für Peking

Das Ziel der Stadtverwaltung ist es, die Einwohnerzahl in Peking auf eine Obergrenze von 23 Millionen zu beschränken.  Dafür hat Peking angekündigt, die Verwaltung auszusiedeln und hofft damit auch die Luftverschmutzung in der Hauptstadt besser unter Kontrolle zu bekommen.

Jing-Jin-Ji heißt das aktuelle Megaprojekt der Regierung. Es soll drei benachbarte Provinzen Beijing ("Jing"), Tianjin ("Jin") und Hebei ("Ji") zu einer Region zusammenfassen. Und während für Peking vorgesehen ist, dass es zum Zentrum für Politik und Kultur dienen soll, und sich dann wirtschaftlich auf Hochtechnologie und Dienstleistungen fokussieren soll, bleiben die Träume der kleinen Leute auf der Strecke. Die Chancen jedenfalls vom Land in die Stadt zu kommen um sich dort sie vom Tellerwäscher zum Restaurantbesitzer oder Kioskbetreiber hocharbeiten können, werden immer geringer. Der "Chinese Dream" hat in diesen Tagen für viele ein Ende bekommen. Ein Vorläufiges jedenfalls. 

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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