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Asien

Sierens China: Südpol-Gerangel

Die Chinesen positionieren sich immer stärker in der Antarktis. Das ist zwar nicht gut für die Umwelt, geopolitisch aber durchaus nachvollziehbar, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Das chinesische Hochzeitspaar steht eng umschlungen auf dem Schnee und lächelt in die Kamera. Sie frieren, aber für die entstehenden Fotos lohnt sich die kurze Kälte allemal. Im Hintergrund läuft ein Pinguin durch das Bild. An solche sonderbaren Szenen wird er sich in Zukunft wohl gewöhnen müssen. Denn Kurztrips in die Antarktis werden auch in China immer beliebter. Letztes Jahr waren es nach Angaben der "International Association of Antarctica Tour Operators" über 3.300 Chinesen, die auf einen Besuch auf den Südpol gekommen sind - etwa zehnmal so viele wie noch vor zehn Jahren. Zwar reichen die Zahlen noch nicht an die amerikanischen Touristen heran, hier waren es im Jahr 2013 schon mehr als 13.000, doch die Polregion wird auch bei den Chinesen immer beliebter.

Die wachsenden Touristenzahlen aus China hängen auch mit dem steigenden Interesse der chinesischen Politik an dieser Weltregion zusammen. Anfang vergangenen Jahres wurde bereits die vierte Forschungsbasis auf dem Kontinent eröffnet. Sie heißt Taishan, benannt nach einem heiligen Berg in China, und soll 15 Jahre betrieben werden. Und letzten Monat kehrte ein 13-köpfiges Team von einer erfolgreichen Expedition nach Inexpressible Island mit einer positiven Einschätzung für Peking zurück: Die unbewohnte Insel in der Antarktis ist gut für eine fünfte Forschungsstation geeignet. Dabei schließt China mit seinen Forschungsteams erst jetzt zu den bereits rund 30 im ewigen Eis aktiven Ländern auf. Die erste chinesische Basis, "The Great Wall" genannt, machte ihre Heizungen erst 1985 an, fast 30 Jahre nach denen der meisten anderen Nationen. Die größte Präsenz hat Argentinien mit insgesamt 18 Stationen.

China hat Aufholbedarf

Frank Sieren (Foto: privat)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Diesen Rückstand will Präsident Xi Jinping unbedingt aufholen. So unterzeichnete er letzten Herbst einen Vertrag über fünf Jahre mit Australien, der es chinesischen Schiffen und Flugzeugen erlaubt, ihre Reserven in Australien wieder aufzustocken, bevor es in die Antarktis geht. Darüber hinaus hat Xi den USA noch ein spezielles Flugzeug abgekauft. Und in ein paar Jahren soll dann ein neuer 300-Millionen-Dollar-Eisbrecher Richtung Süden in See stechen. Im Westen zweifeln viele an den Intentionen Chinas. Sie sind von Pekings Aktivitäten beunruhigt. Es soll um mehr als nur wissenschaftliche Forschung gehen: Der Rohstoffhunger treibe China in den Südpol. Da ist was dran. Die größte Wirtschaft der Welt muss zusehen, wie sie bald 1,5 Milliarden Menschen versorgt. Da kommt die Südpolregion gerade recht. Chinesische Frachter wollen in naher Zukunft bis zu zwei Millionen Tonnen Krill-Garnelen aus dem antarktischen Meer fischen. Wichtiger noch sind die Erdöl- und Gasvorkommen, die man unter der Antarktis vermutet.

Schachspiel um Einfluss

Es ist allerdings scheinheilig, mit dem Finger nur auf China zu zeigen. Alle anderen Nationen schielen genauso gierig auf die dortigen Vorkommen. Nicht umsonst gibt es den Antarctic Treaty, der 1959 von ursprünglich zwölf Ländern verfasst wurde und eine ausschließlich friedliche Nutzung der Region vorsieht. Mittlerweile sind es über 52 Nationen, die den Vertrag unterzeichnet haben. Bis 2048 läuft der Treaty noch – und damit das globale Schachspiel, mit dem sich die einzelnen Parteien in Position bringen. Mit China ist nun ein mächtiger Konkurrent auf die Bühne getreten, der die anderen verunsichert. Finanziell kann kein Land mit den Chinesen mithalten. Während die Gelder für andere Forschungsbasen eher knapp sind, stockt Peking immer weiter auf. Das verschärft den Wettbewerb.

Für das Ökosystem der Antarktis muss man jedoch hoffen, dass der Treaty nicht gebrochen wird. Auch jetzt schon sind die Flora und Fauna des Südpols bedroht. Und der wachsende Tourismus tut da sein Übriges. Am besten wäre es natürlich, wenn alle die Finger von der Antarktis lassen würden, bevor komplizierte territoriale Streitereien losgehen. Aber das bleibt wohl ein Traum. Dafür ist die Antarktis geostrategisch zu wichtig.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.

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