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Kolumne

Sierens China: Rollenwechsel im Klimaschutz

Nachdem die USA aus dem Pariser Abkommen ausgestiegen sind, richten sich die Blicke auf China. Dort muss man sich erst an die neue Rolle im Kampf gegen den Klimawandel gewöhnen, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

China Atemschutzmasken in Peking (Getty Images/K. Frayer)

Chinas Großstädte leiden seit Jahren unter heftigem Smog, ausgelöst vor allem durch die Verbrennung von Kohle

So schnell kann es gehen. Von einem Tag auf den anderen steht China an der Spitze des Klimaschutzes, ohne sich selbst an die Spitze gedrängt zu haben. Donald Trump hat mit seinem Ausstieg aus dem Pariser Abkommen etwas ins Rollen gebracht, dessen Ausmaße seinen Horizont übersteigt. Nicht nur isoliert er damit die USA, weil er den Rest der Welt noch weiter gegen sie aufbringt - das Thema Klimaschutz bekommt auch noch so viel medialen Aufschwung wie selten. Jeder redet nun über die Klimaziele. "Jetzt erst Recht" lautet der Tenor, bei unzähligen Nationen, Konzernen und selbst einigen Bundesstaaten der USA. Sie wollen weitermachen oder sogar mehr tun für den Schutz der Erde. Auf globaler Ebene sind vor allem Deutschland und China dieser Frage enge Partner und bekennen sich zu ihren jeweils gesetzten Zielen.

Klimaschutz ohne die USA überhaupt machbar?

Ein Problem gibt es jedoch: das große Ziel des Pariser Abkommens - die Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad Celsius bis zum Jahr 2100 - ist Experten zufolge ohne die USA nicht haltbar, auch wenn alle anderen Länder weiter an ihren Zielen festhalten. Amerika ist und bleibt das Land mit dem größten kumulierten CO2-Ausstoß der Geschichte. Selbst heute noch stoßen die USA 15 Prozent aller Treibhausgase weltweit aus. Nur China hat mit aktuell 30 Prozent einen, zugegebenermaßen enorm höheren Anteil.

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt in Peking

Das soll sich in den kommenden Jahren aber drastisch ändern, wenn man der Regierung in Peking Glauben schenken will. Und das kann man in diesem Fall. Über 360 Billionen US-Dollar will Peking bis 2020 in erneuerbare Energien investieren und hat bereits viele Projekte auf den Weg gebracht. Am Ende will man 40 Prozent aller Solarenergie, 36 Prozent der weltweiten Wasserkraft und 36 Prozent aller Windenergie produzieren. Mehr als 13 Millionen neue Jobs sollen so in diesem Sektor entstehen. Zusätzlich soll der Anteil von Kohle am Energiemix gesenkt werden. Dafür verwarf man die Pläne für 103 neue oder sogar bereits im Bau befindliche Kohlekraftwerke. In Paris hatte China damals versprochen, den CO2-Ausstoß bis 2030 zu senken. Jüngere Studien legen nun nahe, dass der Höhepunkt der Emissionen allerdings schon früher erreicht wird - vor allem weil der Kohleverbrauch 2016 bereits das dritte Jahr in Folge gesunken ist.

Der Druck auf China wächst

Diese Zahlen sind es, die international die Hoffnung wecken, dass China eine entscheidende Führungsrolle im Kampf gegen den Klimawandel einnehmen kann und wird. Niemand sonst ist in der Lage, so viel Geld für den Ausbau von Solar-, Wind- und Wasserkraft in die Hand zu nehmen - zumindest seit die USA ihren Rückzug angekündigt haben. Leichter hätte Trump es den Chinesen kaum machen können: Als führende Macht beim Klimaschutz würde Peking zusätzlich noch kräftig das eigene Image verbessern.

Aber die Führungsrolle baut natürlich auch einen gewissen Druck auf, der mit gesteigerter internationaler Aufmerksamkeit einhergeht. Und die könnte höher sein, als der chinesischen Führung in diesem Bereich momentan lieb ist. Denn einen Haken gibt es bei der Umsetzung des Pariser Abkommens noch: In Peking weigert man sich, externe Auswertungen des CO2-Ausstoßes zuzulassen. Bisher hat China erst zweimal Daten veröffentlicht, 1995 und 2005. Das Abkommen verlangt jetzt aber, dass alle zwei Jahre Kontrollauswertungen durchgeführt und öffentlich gemacht werden. Das könnten auch ausländische Unternehmen übernehmen, aber das will Peking nicht.

Kontrollen nur auf Vertrauensbasis?

Deshalb muss der Westen sich entweder mit Schätzungen - von zum Beispiel Greenpeace - oder den Informationen der Regierung begnügen. Von denen weiß man aber nicht, wie genau sie sind, weil die Messmethoden nicht genau definiert sind.

So eine Kontrolle allein auf Vertrauensbasis kann zum Problem werden, wenn China wirklich seine Führungsrolle wahrnehmen will. Die Möglichkeit einer offenen Überwachung wäre sicher eine bessere Grundlage internationaler Zusammenarbeit. Denn der Klimaschutz funktioniert vorrangig über die Vorbildfunktion der Großmächte. Wenn kleine Länder sehen, dass Amerika sich nicht um die Umwelt und ihren Schutz kümmert, dann denken sie, dass sie das erst recht nicht machen müssen. Und das Gleiche gilt für Daten, denen man nicht vertrauen kann. Deswegen ist es so wichtig, große Player wie China und auch die Europäische Union zu haben, die als Vorbilder funktionieren. Und das konnte der China-EU-Gipfel in Brüssel in der vergangenen Woche hoffentlich ausreichend zeigen: Dort einigte man sich auf eine engere Kooperation im Bereich der erneuerbaren Energien, unter anderem in der Forschung und dem Austausch von Technologien. Doch auch hier lauern die Probleme im Kleingedruckten: Eine neunseitige gemeinsame Abschlusserklärung wurde nicht unterschrieben, weil China und Europa sich in Handelsfragen streiten.

Unser Korrespondent Frank Sieren lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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