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Asien

Sierens China: Popcorn-Fieber

China hat die USA erstmals bei den Umsätzen an den Kinokassen überholt. Die westliche Filmindustrie muss sich nun umstellen, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Das Jahr 2015 wird in die Geschichte der Kinoindustrie eingehen. Denn zum ersten Mal machten die chinesischen Kinobetreiber in einem Monat mehr Umsatz als die amerikanischen. Den Urlaub rund um das chinesische Neujahr verbrachten die Chinesen nicht nur mit ihren Familien, sondern auch in den Sesseln der mehr als 23.500 Kinosäle ihres Landes. Und diese Vorliebe hat Chinas Kinos im vergangenen Februar nun erstmals in der Geschichte höhere Umsätze beschert als den US-Filmhäusern. Umgerechnet rund 650 Millionen US-Dollar nahmen chinesische Kinobetreiber ein, knapp zehn Millionen Dollar mehr als die in den USA.

Kino als Softpower

Es war ja eigentlich zu erwarten, dass die Chinesen irgendwann mehr Geld an den Kinokassen lassen als die Amerikaner. Überraschend an dem Erfolg sind jetzt eher die Umstände: Die fünf umsatzstärksten Filme des Monats, die Chinas Kinos den Verkaufsrekord einbrachten, waren allesamt chinesische Produktionen. Der Erfolg ist also erstmals hausgemacht. Der vorherige Umsatzrekord vom Juli vergangenen Jahres baute noch hauptsächlich auf einer amerikanischen Produktion auf. Allein der neueste Teil der Transformers-Reihe von Michael Bay spielte über 300 Millionen US-Dollar ein.

Dass Chinas Kinokassen nun global gesehen das Maß aller Dinge sind, wird auch die Dinge in Hollywood verändern. Auch die Chinesen sehen nämlich gerne Filme, die in ihrem vertrauten Umfeld spielen. Möchte Hollywood sie in Zukunft enger an sich binden, müssen die Studios sich den neuen Kunden anpassen. Das passiert auch schon. Immer öfter werden Rollen mit chinesischen Schauspielern besetzt oder Teile der Handlung ins Reich der Mitte verlagert. Das wiederum dürfte die Regierung in Peking freuen. Denn ihre einfache Formel lautet: Je präsenter China und seine Kultur in amerikanischen Filmen sind, desto eher verkaufen sich chinesische Produktionen auf den internationalen Leinwänden. Das ist für die Pekinger Führung ein großes Ziel: Kino als internationale "Softpower" für China – ein Weg, um abseits der politischen Bühne Macht auszuüben.

Hollywood-Größen drehen im Reich der Mitte

Porträt Frank Sieren (Foto: DW)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Gearbeitet wird an der Idee schon lange. Das beste Beispiel dafür ist das zukünftig größte Filmstudio der Welt, das gerade für umgerechnet 8,2 Milliarden Dollar nahe der Küstenstadt Qingdao entsteht. Und genau wie ausländische Produktionen chinesische Schauspieler an Bord holen, verpflichten Chinesen auch immer mehr Ausländer für ihre Filme, um im Westen besser anzukommen. So spielen bei Dragon Blade, dem zweiterfolgreichsten Film im Februar, die zwei Hollywoodgrößen Adrien Brody und John Cusack mit. Bei dem chinesischen Film Wolf Totem führt der Franzose Jacques Annaud Regie. Besonders auf Wolf Totem ruht die Hoffnung, dass der Film international größere Beachtung findet, basiert er doch auf einem erfolgreichen chinesischen Buch, das auch außerhalb Chinas sehr viel Aufmerksamkeit erfahren hat.

Dass Peking den französischen Filmemacher mit dem Streifen beauftragte, und dass Annaud sich auch noch darauf einließ, war eine große Überraschung. Denn Annaud ist nicht nur weltbekannt für den Tierfilm "Der Bär" (1988) sowie seine Verfilmung des Bestsellers "Der Name der Rose" (1985). Jüngere Leute werden vor allem seinen Film "Sieben Jahre in Tibet" mit Brad Pitt in der Hauptrolle kennen, der Annaud nach der Veröffentlichung 1997 Ärger eingebracht hat.

Das Ziel: Erfolg auf dem internationalen Markt

Die Pekinger Regierung war verstimmt darüber, wie brutal die Chinesen in den Film mit den Tibetern umgegangen seien. Dass Annaud deshalb ein lebenslanges Einreiseverbot bekommen haben soll, bezeichnet er selbst allerdings als Gerücht. Dennoch erstaunlich, dass Annaud nun wieder mit einem Projekt betraut wurde, das durchaus kritische Elemente in sich trägt. Wieder geht es um den Umgang mit Minderheiten, diesmal mit den Mongolen.

Selbst für einen Weltklasse-Regisseur wie Annaud war das Projekt eine unwiderstehliche Aufgabe: für ihn waren es die zeitintensivsten Dreharbeiten, die er jemals betreut hat, weil über einen Zeitraum von sechs Jahren eigens junge Wölfe herangezogen werden mussten. Mit einer Crew von 500 Leuten, darunter 50 Tiertrainern, drehte der Franzose dann einzigartige Tieraufnahmen unter harten klimatischen Bedingungen. Für Peking wiederum geht es darum, mit der aufwändigen Produktion auch auf dem internationalen Kinomarkt endlich mal ein Zeichen zu setzten. Um die internationale Softpower auszubauen, ist Peking offensichtlich bereit, Konzessionen machen.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.

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