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Asien

Sierens China: Politisches Kapital

China investiert zunehmend in Infrastrukturprojekte in Lateinamerika und versucht die USA als wichtigsten Handelspartner der Region zu verdrängen. Das Vorgehen ist geopolitisch heikel, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Das Infrastrukturprojekt mit der geopolitisch weltweit größten Bedeutung liegt in Nicaragua. Für 50 Milliarden US-Dollar bauen die Chinesen bereits seit Dezember vergangenen Jahres einen neuen Kanal vom Pazifik zum Atlantik - 280 Kilometer quer durch den Kontinent. Er soll 30 Meter tief werden. Damit könnten dort auch Schiffe fahren, für die der Panamakanal zu klein ist. Das über 100 Jahre alte Monopol des Panamakanals geht damit zu Ende. "El Gran Canal", wie das Projekt getauft wurde, ist ein gutes Beispiel für Pekings Strategie.

Mit günstigen Krediten kommt Peking an politisch wichtige Aufträge und große Infrastrukturprojekte, die auch noch Rohstofflieferungen von Öl und Erdgas, aber auch von Nahrungsmitteln wie etwa Mais bringen. Die neue Wasserstraße ist allerdings nur das größte von vielen großen Projekten, die China im Hinterhof der USA derzeit umsetzt oder plant. Anfang des Jahres hat zum ersten Mal ein offizielles Gipfeltreffen zwischen den 33 Ländern des lateinamerikanischen und karibischen Staatenbunds CELAC in Peking stattgefunden. Ein Treffen, das trotz der historischen Entscheidungen, die getroffen wurden, in der westlichen Berichterstattung keine große Rolle spielte.

Aussicht auf weitere Milliarden-Investitionen

Chinas Präsident Xi Jinping versprach seinen Kooperationspartnern in den nächsten zehn Jahren neue Investitionen in Höhe von 250 Milliarden US-Dollar. Das Geld gibt es nicht umsonst. Früher hat Peking Kredite an Rohstoffe geknüpft. Das Gipfeltreffen macht nun deutlich, was sich die letzten Jahre schon abzeichnete: Das chinesische Engagement in Zentral- und Südamerika wandelt sich vom reinen Rohstoffhunger hin zu einer weit umfassenderen Einflussnahme. Denn Peking will nicht länger einfach nur Öl einkaufen. Ein Großteil des investierten Geldes soll viel eher in die Infrastruktur der CELAC-Länder fließen und die Handelsbeziehungen verstärken.

DW-Kolumnist Frank Sieren (Foto: Frank Sieren)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Schon auf seiner Lateinamerika-Reise letztes Jahr hat Chinas Präsident Xi Jinping wie ein guter Samariter großzügig Abkommen verteilt. Argentinien bekam neue Zuglinien und die dazu passenden Züge. In Kuba wurden 29 Verträge unterzeichnet, darunter ein Kredit für den Bau eines Hafens. Der Spitzenreiter unter den Kooperationspartnern ist Venezuela, mit dem das Reich der Mitte mittlerweile über 300 Abkommen geschlossen und das in den letzten fünf Jahren über 40 Milliarden US-Dollar in Krediten erhalten hat. Nach den Rohstoffen schielt Peking jetzt auf die lateinamerikanischen Absatzmärkte.

Ziel: Die USA als wichtigster Handelspartner ablösen

Andersherum klappt es ja schon ganz gut. In Chile gehen schon 25 Prozent der Exporte über den Pazifik, in Brasilien und Uruguay sind es 15 Prozent. Und auch Kolumbien und Argentinien führen gut acht Prozent ihrer gesamten Exporte nach China aus. Das Handelsvolumen hat sich seit der Jahrtausendwende verzwanzigfacht. Für Brasilien, Chile und Peru ist China schon jetzt Handelspartner Nummer eins, für Argentinien immerhin die Nummer zwei. Es scheint, als hätte Präsident Xi ein Ziel ganz klar vor Augen: die USA als größten Handelspartner der Region ablösen und damit ihren Einflussbereich schmälern. Die Chancen dafür stehen gut. Denn gegen die attraktiven Finanzspritzen Chinas hat man in Washington keine gute Medizin. Die Strategie der Chinesen ist jedoch nicht ohne Risiko. Denn die schwächelnde Konjunktur in den Ländern Lateinamerikas erholt sich nicht so, wie Peking es gerne hätte.

Ausländische Anleger ziehen ihr Geld weiterhin aus den wirtschaftlich unsicheren Schwellenländern ab. In Brasilien, einer der größten Volkswirtschaften der Region, wütet die Inflation. In Argentinien und Venezuela schrumpfte die Wirtschaft in den vergangenen Quartalen sogar. Erholen sich die Absatzmärkte in Lateinamerika nicht, könnte sich Chinas Investitionswut schnell auch in eine Enttäuschung verwandeln. Nach dem jüngsten Gipfeltreffen in Peking dürfen die Südamerikaner aber vorerst aufatmen: Noch hat Peking nicht die Geduld verloren und wird weiter den fernöstlichen Samariter spielen. Peking preist nun einfach die geostrategischen Gewinne höher ein. Und die sind tatsächlich nicht zu unterschätzen.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.