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Kolumne

Sierens China: Peking-Ente aus dem Reagenzglas

China möchte mit künstlich kultiviertem Laborfleisch in Zukunft Umweltverschmutzung und Zivilisationskrankheiten eindämmen. Das ist mutig. Jetzt muss nur noch die Bevölkerung mitspielen, meint Frank Sieren.

Stammzellenburger (David Parry/PA Wire)

Sieht aus wie normales Fleisch für einen Burger - wurde aber im Labor gezüchtet

Es gab eine Zeit, da wollten die Meldungen über Lebensmittelskandale aus China nicht abreißen: Von explodierenden Wassermelonen bis hin zu Entenfleisch, das mit Ziegen-Urin verfeinert als Rind verkauft wurde, war alles dabei. Mitte des ersten Jahrzehnts in diesem Jahrtausend wurden auf Chinas Märkten sogar Hühnereier gefunden, die Kunstharz und Chemikalien enthielten. Das Land der Fälschungen macht nicht einmal vor Lebensmitteln halt, raunte es damals durch den internationalen Blätterwald.

Seitdem sind die Konsumenten sensibilisiert und die Regierung steht unter Druck, die Lebensmittelsicherheit zu verbessern. Zehn Jahre später setzt China nun ganz offiziell auf Kopien tierischer Produkte - und wird dafür von Umweltschützern auf der ganzen Welt gefeiert.

Großinvestition in israelische Start-ups

Als Teil eines Handelsabkommens mit Israel hat Peking 300 Millionen US-Dollar in Start-ups investiert, die sich auf Laborfleisch für den Massenkonsum spezialisiert haben. Ihr aus Zellkulturen gezüchtetes Fleisch wächst in keimfreier Nährlösung und ohne Antibiotika heran, gleicht in Geschmack und Konsistenz jedoch dem natürlicher Tiere. Selbst Verbraucher, die Ersatzprodukte aus Tofu und Soja bislang als halbgare Fleisch-Attrappen verschmähten, würden den Unterschied nicht merken, heißt es.

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Tier- und Umweltschützer setzen große Hoffnungen in das sogenannte "saubere Fleisch". Mit ihm könnten die massiven Treibhausgas-Emissionen, die bei der herkömmlichen Viehzucht entstehen, drastisch reduziert werden, ebenso die Umweltverschmutzung und der hohe Wasserverbrauch. Auch die Abholzung von Wäldern für Tierfutteranbauflächen wäre nicht mehr nötig. Auch die Massentierhaltung, die längst nicht mehr nur von militanten Tierschützern als skandalös empfunden wird, könnte mit solcher Laborzucht ein Ende finden. Bruce Friedrich vom Good Food Institute, einem internationalen Interessensverband für Fleischersatzhersteller, nannte Chinas Investition eine "kolossale Marktchance". Die Finanzspritze könnte endlich die Schubkraft liefern, um die Zellkultur-Technik aus ihrer Nische herauszukatapultieren.

Ob sich China mit dem Fleisch aus der Petrischale in der öffentlichen Wahrnehmung vom Lebensmittelsünder zum Ernährungstrendsetter wandeln kann, bleibt fraglich. Eines ist jedoch sicher: Am Thema Fleisch entscheidet sich die Zukunft des Landes. Bereits im vergangenen Jahr lancierte Peking eine Kampagne, um den Fleischkonsum in der Bevölkerung um 50 Prozent zu reduzieren. Ein ambitioniertes Unterfangen: Je mehr Wirtschaftswachstum desto mehr wird gegessen. Und Fleisch gilt noch immer als Symbol des Wohlstands.

Mit dem Wohlstand wächst der Fleischkonsum

Während ein Chinese 1982, als die Öffnung des Landes begann, noch durchschnittlich 13 Kilogramm Fleisch pro Jahr verzehrte, sind es mittlerweile rund 63 Kilogramm. Doch mit Fleisch, Schnaps und dem zu süßen Essen kamen die Wohlstandskrankheiten. Die Zahl der Diabetes-Patienten hat sich innerhalb der vergangenen 30 Jahre mehr als verzehnfacht. Um die 114 Millionen Chinesen leiden heute an der Stoffwechselkrankheit - in absoluten Zahlen mehr als in jedem anderen Land der Welt.

Mit dem tendenziell weniger fett- und cholesterinhaltigen In-Vitro-Fleisch könnte Peking also nicht nur die Volksgesundheit verbessern, sondern auch seinen Klimazielen näherkommen und obendrein unabhängiger von Importen aus Australien, aber auch den USA und Deutschland werden. Derzeit führt China jährlich Fleisch im Wert von 13,5 Milliarden US-Dollar ein. Tendenz steigend.

Noch keine Akzeptanz bei den Bürgern

Bei den Menschen kommt das Kunstfleisch jedoch noch nicht vorbehaltlos an: "Es ist nicht natürlich, also ist es ungesund", so der Tenor einer User-Diskussion auf der Internet-Plattform Weibo. Anderseits ist mit großen Debatten über solche Themen wahrscheinlich nicht zu rechnen. Die Chinesen sind pragmatisch. Wenn es preiswert ist und schmeckt, wird es gegessen. Und das sind zwei Stärken des Essens aus dem Reagenzglas. Und die dritte ist der Tierschutz.

"Stelle dir die Zukunft vor: Du hast zwei identische Produkte, eines davon ist billiger und ohne Treibhausgase und das Schlachten von Tieren hergestellt. Für welches entscheidest du dich?", fragt die staatliche Zeitung für Wissenschaft und Technik rhetorisch.

Vermutlich wird es auch dann noch Hersteller und Restaurants geben, die versuchen, die Herkunft des Fleisches einfach zu verschweigen. Aber das hat schon bei den gefälschten Eiern nicht geklappt. Aber die waren ja auch extrem gesundheitsschädlich und haben nicht annähernd so gut geschmeckt.

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über 20 Jahren in Peking.