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Welt

Sierens China: Maßvoll in den Weltuntergang

China kämpft mit enormen Umweltproblemen. Aber es gibt auch Fortschritte. Der Westen sollte das anerkennen und nicht ausschließlich Untergangsszenarien an die Wand malen, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Chinas hemmungsloses Wachstum hat auch seine Schattenseiten. Für die Umweltschützer sind die Smogwerte in den chinesischen Großstädten der sichtbare Beweis dafür, dass Chinas Umwelt kurz vor dem Kollaps steht. Und auch die Internationale Energieagentur (IEA) schlug in der Vergangenheit oft in die gleiche Kerbe: China sei einer der größten Umweltsünder und für einen Anstieg des Kohleverbrauchs von 50 Prozent in den vergangenen Jahren verantwortlich. Das stimmt ja auch: Der fossile Rohstoff macht heute noch 64 Prozent des Energiemix Chinas aus. Bei dem zweitgrößten Kohleverbraucher Amerika sind es nur etwa 30 Prozent.

Dennoch bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass Chinas Umwelt untergeht. Auch die deutschen Wälder sind nicht eingegangen, obwohl es Zeiten gab, in denen es schwierig war, das Gegenteil zu behaupten. "Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch", war das Motto, das Anfang der 80er Jahre Zehntausende demonstrieren ließ. Bei der Bundestagswahl 1983 wurde das Waldsterben gar zum großen politischen Thema, das Wahlen entscheiden konnte. Die Grünen zogen zum ersten Mal ins Parlament ein. Die Politik wurde aktiv: Filter für Kohlekraftwerke, strenge Abgaswerte für Autos und Kalk, um die Waldböden zu entsäuern.

Lösungen suchen statt Untergansszenarien malen

Frank Sieren Kolumnist Handelsblatt Bestseller Autor China

DW-Kolumnist Frank Sieren

Schon nach ein paar Jahren stellten die Deutschen fest: Man kann viel dagegen tun. Und es war nicht ansatzweise so schlimm, wie befürchtet. Das Waldsterben sei umgekehrt worden, räumte die Grünenpolitikerin Renate Künast 2003 ein. Der deutsche Wald stirbt nicht, er wächst. Beim Rhein ist es ähnlich: Er gilt als das Paradebeispiel einer gelungenen Sanierung. Fast alle 45 Fischarten, die vor 200 Jahren im Rhein lebten, sind inzwischen zurückgekehrt. Sogar die Lachse. Und das, obwohl der Rhein jahrzehntelang eine sauerstofflose Kloake war. Aus unserer deutschen Erfahrung können wir also lernen, dass es oft sinnvoller ist, sich mit dem Machbaren zu beschäftigen, als düstere Untergangsszenarien zu malen.

Die IEA hat diesbezüglich ihre Perspektive kürzlich gewechselt. Sie beschäftigt sich nun mit den Auswegen und konnte nicht umhin, Peking zu loben. China verdiene "mehr Anerkennung für seine Anstrengungen im Energiesektor". China sei mit 80 Milliarden Dollar führend bei Investitionen in erneuerbare Energien. Beim Einsatz von Windenergie sei das Land sogar bereits Weltspitze. Besonders die weitläufigen unbewohnten Flächen im Westen des Landes will man nutzen, um diese Führerschaft noch auszubauen. Seit 2009 entsteht in der Provinz Gansu der weltgrößte Windpark, der bis 2020 dann 20.000 Megawatt Energie produzieren wird. Auch in anderen Bereichen sei man auf einem guten Weg, Marktführer zu werden.

China will weg von der Kohle

Die chinesische Regierung will um fast jeden Preis weg von der Kohle. Sie will saubere Luft. Dass es der Regierung damit ernst ist, zeigt sich vor allem in Peking. In den vergangenen sechs Monaten ist die Luft besser geworden. Das bestätigt inzwischen auch Greenpeace. Deren Analysen zeigen: "Die strickten Kontrollmaßnahmen der Regierung wirken." Es sei nun mehr "ein Silberstreif am Horizont zu sehen". Die Grenzwerte für Feinstaub liegen zwar noch regelmäßig über Werten, die in Deutschland als gesund gelten. Es gibt jedoch nicht mehr so viele schlimme Smogtage.

In den vergangenen Monaten sind immer mehr dreckige Fabriken und Kraftwerke geschlossen worden. Sie wurden durch effizientere Erdgasanlagen ausgetauscht, die 2,6 mal mehr Strom erzeugen und schätzungsweise um die 30 Millionen Tonnen Abgase einsparen. Und nicht nur in Peking werden alte Kohlekraftwerke entweder durch neue sauberere oder durch Erdgasanlagen ersetzt. Im ganzen Land sollen Anlagen mit einer Gesamtleistung von 60 Gigawatt vom Netz genommen werden. Dazu kommt noch das Ziel der Regierung, bis Ende 2015 insgesamt mehr als 2000 kleinere Kohleminen zu schließen. Weitere Windparks werden entstehen und auch 27 neue Atomkraftwerke, die in China - anders als in Deutschland - als umweltfreundlich gelten. Langsam setzt sich also mehr Realismus im Umgang mit Chinas Umweltproblemen durch.

Erfolge Chinas auch anerkennen

Realismus bedeutet in diesem Fall, dass man sich mehr mit der Lösung des Problems beschäftigt als damit, aussichtslose Zustände anzuprangern. Denn eines gilt auch für die Pekinger Führung: Lob motiviert mindestens so sehr wie Druck. Deshalb sollten wir im Westen mehr noch als bisher uns über deren Erfolge freuen. So wie Greenpeace und die IEA. Denn wir wollen ja im eigenen Interesse, dass die chinesischen Kommunisten im Umweltschutz erfolgreich sind. Oder?

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.