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Asien

Sierens China: Lückenbüßer

Trotz einer langsamer wachsenden Wirtschaft herrscht in Teilen Südchinas Arbeitskräftemangel. Hier springen illegale Arbeiter aus den Nachbarstaaten ein. Ein Übergangsphänomen, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Immer mehr Arbeiter aus Südostasien schuften ohne Papiere in den Fabriken Südchinas. Der Grund: Seit vielen Jahren herrscht dort Arbeitskräftemangel. Denn viele chinesische Wanderarbeiter wollen inzwischen lieber in ihren Heimatregionen im Westen Chinas arbeiten. Und diejenigen, die schon länger in Guangdong leben, suchen inzwischen Bürojobs. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, beschäftigen Firmen illegal Arbeiter aus Kambodscha, Vietnam oder Bangladesch. Diese sind noch bereit, Kleidung zu nähen, Schuhsohlen zu kleben oder Elektronikteile zusammenzuschrauben.

Und das für weniger als 4.000 Yuan (rund 600 Euro) im Monat, sechs Tage die Woche, oft über zehn Stunden am Tag. Doch das ist immer noch mehr, als sie in ihren Ländern bekommen würden. Und so strömen immer mehr willige und für die Fabrikbetreiber billige ausländische Arbeiter in den Süden Chinas. In manchen Fällen machen die Billigarbeiter bis zu 50 Prozent der Belegschaft einer Fabrik aus. Bei den Produktionsleitern sind sie viel beliebter als die legalen chinesischen Arbeiter, die inzwischen hohe Erwartungen haben, und immer öfter gegen ihre Arbeitsbedingungen protestieren.

Geplant: Hightech statt Billigprodukte

Früher warteten die Wanderarbeiter vor den Fabriktoren. Heute müssen die Fabrikmanager in den Westen Chinas fahren, um Arbeiter anzuwerben. Der Hintergrund: Die Lokalregierung möchte die Provinz Guangdong zum Hightech-Standort machen. Deshalb hat sie die Mindestlöhne so stark erhöht (um 15 Prozent im Jahr), dass die meisten Billigproduzenten aufgeben mussten. Manche Fabriken verlegten ihre Standorte ins westliche Hinterland, wo die Kosten noch gering sind. Andere wanderten nach Vietnam, Bangladesch oder sogar nach Afrika aus. Wieder andere Unternehmen weigern sich jedoch, die Region zu verlassen. Denn, die logistische Effizienz Südchinas ist in Asien schwer zu toppen.

Frank Sieren (Foto: privat)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Trotz der Abwanderungen ist der Arbeitermangel für die Verbliebenen so groß, dass Fabrikdirektoren oft gar keine andere Wahl haben, als illegale Arbeitskräfte einzustellen, wenn sie ihre Aufträge pünktlich abwickeln wollen. Die Strafe, die sie zahlen müssen, wenn sie nicht pünktlich liefern, ist deutlich höher als die Strafe, die anfällt, wenn sie illegale Arbeiter beschäftigen. Sie müssen nur bis zu 10.000 Yuan (1.500 Euro) bezahlen, wenn die Polizei ihre Arbeiter ohne Papiere aufgreift. Deshalb steigt die Zahl der illegalen Arbeiter weiter an. Und das, obwohl Chinas Exporte im März um 16,4 Prozent eingebrochen sind. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, müsste sich das Problem der illegalen Arbeiter eigentlich von selbst lösen. Denn bevor sie arbeitslos werden, arbeiten die Chinesen auch wieder für weniger Geld.

Illegale Arbeitskräfte füllen Lücke

Das weiß natürlich auch die Regierung. Deshalb steht das Thema nicht ganz oben auf ihrer Prioritätenliste. Zwar möchte sie verhindern, dass der Zustrom von illegalen Arbeitern nicht außer Kontrolle gerät. Gleichzeitig hält sie das nur für eine Übergangsphase. Denn es ist natürlich nicht möglich, eine Region von heute auf morgen von einer Billiglohnstruktur in eine Hightech-Struktur zu katapultieren. Bis dieses Ziel erreicht ist, braucht Südchina die illegalen Gastarbeiter. Sie sind Lückenbüßer. Im letzten Jahr sind in der Provinz Guangdong allein mehr als 5.000 illegale Arbeiter bei Razzien festgenommen worden. Die Zahl der illegal beschäftigen Ausländer hat das aber kaum verändert.

Arbeitermangel, illegale Zuwanderung und gut ausgebildete junge Einheimische, die vom Leben mehr erwarten als im Akkord zu arbeiten – das sind Probleme, die wir auch aus dem Westen kennen. Die Lösung in den USA und Europa ist es, die Arbeitsmigranten einzubürgern. In China geht die Regierung also einen anderen Weg. Die illegalen Gastarbeiter sollen ein Übergangsphänomen sein, bis in den fortschrittlichsten Provinzen Chinas die Hightechindustrie aufgebaut ist, und die Lowtech-Industrie im armen westlichen Hinterland angekommen ist. Dann soll der Bedarf an illegalen Gastarbeitern von selbst versiegen.

Chinesische Wirtschaft ohne Billigarbeiter möglich?

Kritiker halten das für eine Milchmädchenrechnung. Sie befürchten, dass China auf Dauer nicht ohne ausländische Billigarbeiter auskommen wird. Sie haben eine plausible Begründung: Wegen der Ein-Kind-Politik altert Chinas Gesellschaft vergleichsweise schnell. Deshalb wachsen einfach nicht genug junge Billigarbeitskräfte auf. Sollte diese Vorhersage eintreten, müsste die chinesische Regierung auf den westlichen Entwicklungsweg einschwenken und Bangladeschis oder Kambodschaner zu Chinesen machen. Doch erst einmal lässt Peking im Süden ausprobieren, ob es nicht auch anders geht.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.