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Asien

Sierens China: Keine Angst vor dem Crash

Die neusten Zahlen vom chinesischen Immobilienmarkt sind nicht ermutigend: Die Preise sinken auf breiter Front. Zu Panik besteht aber keinerlei Anlass, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Um den Immobiliensektor besser im Auge zu behalten, hat Peking eine Liste der 70 größten und wichtigsten Städte im Land erstellt. Vor knapp einem Jahr erschienen nach rund drei Jahrzehnten stetigen Wachstums erstmals drei rote Zahlen auf der Liste: In den ersten Städten fielen die Immobilienpreise. Daraus machte im März vergangenen Jahres noch keiner eine große Sache. Auch als im April dann schon acht Städte sinkende Preise verzeichneten, blieb es ruhig. Doch spätestens seit Mai, als in 35 Städten die Preise in den Sinkflug übergingen, begannen die ersten Abgesänge auf Chinas Immobiliensektor - und damit die Warnungen vor der nächsten großen Weltwirtschaftskrise. Inzwischen fallen die Preise in 64 von diesen 70 Städten. Selbst Wohlstandszentren wie Peking oder Shanghai melden nun leichte Rückgänge.

Was hat das zu bedeuten? Dass es keinen Crash gab, sondern die Preise zwar stetig, aber in relativ langsamer Geschwindigkeit innerhalb von neun Monaten gefallen sind, verrät schon die Antwort: Hier platzt nichts, sondern die Regierung lässt kontrolliert Druck aus dem Kessel. Staatliche Banken müssen vorsichtiger bei der Kreditvergabe im Bausektor sein. Und in Peking dürfen Ehepaare und Einzelpersonen nicht mehr als zwei Wohnungen besitzen und müssen beim Kauf mindestens 50 Prozent aus der eigenen Tasche beisteuern. Früher gab es zu 100 Prozent finanzierte Immobilien.

Peking will keine Schocktherapie

Es sind vor allem diese Maßnahmen, die nun dafür sorgen, dass die Preise langsam aber stetig zurückgehen. Der Regierung ist nämlich nicht geholfen, wenn sie die Bauindustrie und die Immobilienbesitzer, die ihr Vermögen sicher angelegt glauben, einer Schocktherapie unterzieht. Niemand profitiert davon, wenn die Baufirmen plötzlich die Kredite bei den Staatsbanken nicht mehr bezahlen können und der Staat dann den Banken helfen muss. Das hat Peking aus der amerikanischen Finanzkrise gelernt. Und auch die Kommunen sind abhängig vom Bauboom. Bislang machen Grundstücksverkäufe rund 60 Prozent der Einnahmen von Lokalregierungen aus.

Frank Sieren (Foto: Sieren)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Zudem hat der Immobiliensektor einen Anteil von bis zu einem Drittel an Chinas Wirtschaftsleistung. Denn an Bauprojekten hängen natürlich noch andere Wirtschaftszweige als bloß die Baufirmen. Maschinen müssen gekauft werden, Stahl und Zement werden gebraucht und zu guter Letzt auch Möbel. Das bedeutet für die Regierung: Sie darf es nicht zulassen, dass Turbulenzen am Immobilienmarkt eine Kettenreaktion auslösen und große Teile der Wirtschaft dadurch ins Wanken geraten. Die Preise müssen fallen beziehungsweise sich stabilisieren. Und zwar ohne hektische Bewegungen. Denn die Regierung fürchtet nichts mehr, als dass die Bürger wegen einer Blase am Immobilienmarkt unruhig werden.

Die Lage bleibt das entscheidende Kriterium

Dass bedeutet aber auch nicht, dass Peking in Zukunft blind jeden Immobilienentwickler retten wird, der zu schnell zu viel wollte und dann in Schieflage geraten ist. Auch wenn die Regierung in Zukunft dem einen oder anderen kriselnden Unternehmen nicht zur Seite springt und den Kräften des Marktes überlässt, bedeutet das nicht, dass ein Immobilienkollaps bevorsteht, ähnlich wie im vergangenen Jahrzehnt in den USA.

Denn fest steht auch: Zwar gehen die Immobilienpreise seit einiger Zeit nun zurück, trotzdem gibt es für Immobilienentwickler im Land, die ihren Job bisher richtig gemacht haben, noch viel Arbeit zu erledigen: In den kommen Jahren sollen nach Pekings Plänen über 260 Millionen Menschen vom Land in die Städte umsiedeln. Und die brauchen dringend Wohnraum. Und auch bei dieser Krise gilt: Die Lage des Objektes ist alles. Deshalb kann man innerhalb des Pekinger 4. Rings jederzeit mit verbundenen Augen eine Immobilie kaufen und sicher sein, von der Wertentwicklung nicht enttäuscht zu werden.

Unser Kolumnist Frank Sieren gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.