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Asien

Sierens China: Kein Spiel, kein Glück

Die Antikorruptionskampagne Pekings trifft nun auch das Spielerparadies Macau. Der Geschäftseinbruch dort ist ein Maßstab für die Durchschlagskraft der Kampagne, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Was die Glücksspielumsätze betrifft, ist Las Vegas inzwischen eine Dorfkirmes im Vergleich zu Macau. In der ehemaligen portugiesischen Kolonie, die 1999 an Peking zurückgegeben wurde, ist der Glücksspielumsatz knapp sieben Mal so hoch wie in Las Vegas. 45 Milliarden US-Dollar wurden 2013 an den Spieltischen und Slotmaschinen eingenommen. Der Umsatz pro Kopf und Tag ist fast acht Mal so hoch wie in der Wüste von Nevada. Besonders interessant ist für die chinesischen Spieler, dass sie über Reiseveranstalter Chips in chinesischen Yuan kaufen, sich aber dann die Gewinne in US-Dollar oder Euro auszahlen lassen können.

Das ist insofern interessant, als dass Glücksspiel in China verboten ist. Und jeder Chinese nicht mehr als 50.000 US-Dollar im Jahr außer Landes schaffen konnte. Für Macau sind die Regeln eigentlich sogar noch strenger. Vier Mal im Jahr darf ein Festlandchinese nur nach Macau. Und jedes Mal darf er nur jeweils 3.000 US-Dollar mitnehmen – von Ausnahmen abgesehen, natürlich. Dass es kleine Kasinos gibt, deren Gewinne bei einem hohen Umsatz nicht sonderlich hoch sind, versteht sich da von selbst. Sie haben sich auf Geldwäsche spezialisiert und niemand hat bisher genau hingeguckt.

Sinkende Umsätze wegen Antikorruptionskampagne

Porträt Frank Sieren

DW-Kolumnist Frank Sieren

Das war lukrativ bis Staats- und Parteichef Xi Jinping die Antikorruptionskampagne ausrief. Nun ist es schon gefährlich, in Macau am Spieltisch gesehen zu werden. Und deshalb ist der vergangene November der sechste Monat in Folge, in dem die Kasino-Umsätze gesunken sind – und zwar heftig: Um fast 20 Prozent fielen die Erlöse im Vergleich zum Vorjahresmonat auf umgerechnet etwa 2,44 Milliarden Euro. Im Vorjahr konnten die Kasinos noch ein Wachstum von fast zwanzig Prozent verbuchen. Einen so langen Abwärtstrend hat Macau seit den Monaten nach dem Beginn der Weltwirtschaftskrise 2008 nicht mehr erlebt.

Dass die Chinesen nun lieber zu Hause bleiben, statt sich hinterher den bohrenden Fragen von Xis Ermittlern zu stellen, wirkt sich schädlich auf die Finanzlage der Stadt selbst aus. Denn die ehemalige portugiesische Kolonie lebt zu 60 Prozent von den Kasinos und den Millionen Touristen, die ihr die Glücksspielindustrie beschert. Dabei hatte das Geschäftsjahr 2014 sehr gut begonnen: Zum chinesischen Neujahrsfest im Februar stiegen die Umsätze im Vergleich zum Vorjahresmonat noch um über 40 Prozent auf ein Rekordhoch von über 3,4 Milliarden Euro. Auch im April noch waren die Kasinobetreiber guter Dinge. Sie machten etwa zehn Prozent mehr Gewinn als im Vorjahr. Und sechs weitere Kasinos sollten in den kommenden zwei Jahren ihre Türen öffnen.

Expansionspläne in Frage gestellt

Bis 2002 waren die Kasinos in Macau fest in lokaler Hand. Danach erlaubte Peking der internationalen Spielindustrie, Konzessionen zu erwerben. Amerikanische Glückspielkonzerne, wie Las Vegas Sands und Wynn Resorts, eröffneten gigantische Kasinos in der ehemaligen Kolonie. Und sie haben große Expansionspläne. Die stehen nun in Frage. Denn niemand weiß, wann und ob überhaupt die Wachstumszahlen wieder erreicht werden. Insofern ist der Geschäftseinbruch in Macau nun ein Maßstab für die Dauer und vor allem die Durchschlagskraft der Antikorruptionskampagne von Staats- und Parteichef Xi Jinping. Es genügt nun schon ein Blick über die 800 Spieltische im Venezian, dem größten Kasino in Macau, zu werfen. Solange sie noch voll sind, räumt Peking weiter auf.

2016 wollte Kasino-Mogul Steve Wynn eigentlich das Wynn Palace fertigstellen, eine Anlage mit 1700 Zimmern. Doch nun muss er seinen Businessplan umschreiben. Und zwar nicht nur für das Projekt, sondern für seinen ganzen Konzern. Er machte allein im vierten Quartal vergangenen Jahres in Macau drei Mal so viel Umsatz wie in Las Vegas. Doch die Kasino-Betreiber können nicht mehr einfach darauf setzen, dass die reichen Kader ihr Geld an den Roulette-Tischen verprassen, weil sie nicht mehr wissen wohin damit. Sie müssen mit dem Kern ihrer Geschäfte auf eine andere Kundschaft setzen. Das wären dann die Massen an normalen Touristen, die weiterhin in die Stadt kommen aber wesentlich kleinere Beträge verspielen.

Neues Geschäftsmodell: Touristen statt VIPs

Was für die Kasinos vor Kurzem nur ein netter Nebenverdienst war, bietet ihnen jetzt eine Chance: Das Massensegment ist in den letzten drei Jahren jeweils stärker gewachsen als das der VIP-Spieler – innerhalb des letzten Jahres sogar um über 20 Prozent. Doch auch im Massensegment werden die Chinesen in diesem Jahr vorsichtig. Inzwischen ist das Geschäft so weit eingebrochen, dass Peking sich überlegen muss, wie sehr man Macau in die Knie gehen lassen will. Denn die Kasinos müssen 40 Prozent der Einnahmen an den Staat abliefern. In Las Vegas sind es nur 7,5 Prozent. Wenn Xi am Wochenende zum 15. Jahrestag von Macaus Vereinigung mit dem Festland in das Zockerparadies reist, wird Xi ein Geschenk im Gepäck haben: Die Grenzen sollen ab nun 24 Stunden am Tag zum Festland geöffnet sein. Viel helfen wird das allerdings nicht.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.

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